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Debatte um Sportförderung : Athletenvertreter fordern mehr Unabhängigkeit

Die Ziele im Blick: Athletensprecher Max Hartung Bild: dpa

Plädoyer für professionelle Strukturen und einen Wettbewerb um die Fördermittel: Im Sportausschuss engagieren sich die Athletenvertreter für ihre Anliegen. Sprecher Max Hartung will mehr Konkurrenz unter möglichen Förderorganisationen.

          Die Sportpolitiker des Deutschen Bundestages haben am Mittwoch realisiert, dass der deutsche Sport bei seiner mit großer Geste betriebenen Spitzensport-Reform zu kurz gesprungen ist. Max Hartung jedenfalls, der neue Sprecher von rund zehntausend Kader-Sportlerinnen und -sportlern, und seine Stellvertreterin Silke Kassner forderten am Mittwoch vor dem Sportausschuss des Deutschen Bundestages in Berlin Unterstützung für den Plan ein, die Athletenkommission des DOSB mit einem unabhängigen Büro außerhalb der Sportorganisation zu unterstützen mitsamt hauptberuflichem Geschäftsführer und professionellem Sprecher. „Ich kann mir sehr wohl vorstellen, dass es Möglichkeiten gibt, den Athleten Hilfestellung zu leisten“, sagte Eberhard Gienger, der sportpolitische Sprecher der Unions-Fraktionen. „Dies würde ihnen helfen, wirkungsvoller zu arbeiten.“

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Über eine oft als Athleten-Gewerkschaft beschriebene Neuaufstellung hinaus forderten der Säbelfechter und die Wildwasserkanutin, die staatliche Förderung der Sportlerinnen und Sportler auf eine neue Grundlage zu stellen. Warum müssen, fragen sie, Athleten Soldat werden, Polizist oder Zöllner, um vom Staat gefördert zu werden? 1200 Stellen halten Verteidigungs-, Innen- und Finanzministerium für Spitzensportler bereit. Hartung schlägt vor, das Angebot zu vergrößern, womöglich sogar die Vergabe der Mittel öffentlich auszuschreiben. Man müsse alte Strukturen in Frage stellen und die Förderung „neu denken“ sowie berücksichtigen, dass nicht wenige Sportlerinnen und Sportler aus gesundheitlichen, religiösen oder moralischen Gründen nicht Soldat oder Polizist werden wollten.

          Transparenz in die Spitzensportförderung

          Dagmar Freitag von der SPD, Vorsitzende des Ausschusses, sagte in Anspielung auf die Spitzensport-Reform: „Dabei sollte eigentlich der Athlet im Mittelpunkt stehen. Diese Bereiche sind dabei wohl nicht berücksichtigt worden.“ Sie erinnerte an den Rücktritt des Athletensprechers Christian Schreiber im Januar: „Er zeigt, dass die Belastung in Beruf, Familie und Ehrenamt Athleten und Ex-Athleten überfordern kann.“

          Die Auseinandersetzung mit der staatlichen Sportförderung könnte Transparenz in die Spitzensportförderung bringen, deren Summe weitgehend unklar ist. Nimmt man die Behauptung, die Spitzensportförderung der Bundeswehr verursache Kosten von 33 Millionen Euro, für bare Münze, kostet jede einzelne der 744 Bundeswehr-Stellen rund 44.350 Euro im Jahr. Auf die 1200 Bundes-Stellen für Spitzensportler hochgerechnet entspricht dies gut 53 Millionen Euro im Jahr oder 212 Millionen Euro in einem Olympia-Zyklus von vier Jahren.

          Zum Vergleich: Die Stiftung Deutsche Sporthilfe verfügt über ein jährliches Budget von 10 bis 12 Millionen Euro; damit unterstützt sie 3800 Sportlerinnen und Sportler.
          Die Athletenvertreter waren in den Ausschuss eingeladen, weil die Bundeswehr Hartung für ein Interview in der F.A.Z. abgestrafte. Er hatte darin gesagt, man könne Athleten intelligenter und fairer fördern als mit Stellen bei der Bundeswehr. Daraufhin war sein Antrag auf Einberufung zu einer Wehrübung – während der er sich auf die Fecht-Weltmeisterschaft in Leipzig vorbereiten will – vorübergehend abgelehnt worden.

          Nach Darstellung von Silke Kassner sind den Athletenvertretern bei der Spitzensport-Reform wie beim Doping-Skandal in Russland die Grenzen ihrer Möglichkeiten deutlich geworden. Sie könnten ihren Aufgaben nicht mehr gerecht werden. Die Mitwirkung an vielen wichtigen Themen sei durch deren Vielzahl und deren Komplexität ehrenamtlich nicht realisierbar, zumal die Athleten weiterhin spitzensportlich und häufig auch in Studium oder Ausbildung engagiert seien. Strukturreform, sportrechtliche Fragen, Anti-Doping-Gesetz und der Doping-Skandal in Russland hätten die Athletenkommission an ihre Grenze getrieben. Athleten könnten nicht ausreichend beraten und unterstützt werden.

          Eine eigenständige Organisation sei auch wichtig für die Forderung nach einem vom Sport unabhängigen, weltweit gleich agierenden und effektiven Doping-Kontroll-System. Die Interessenvertretung der Athleten müsse ebenso professionell und nachhaltig aufgestellt sein wie die übrigen Organisationen des Sports und vergleichbare Interessenvertretungen.
          André Hahn von der Linken sagte, er hab selten eine so offene Ausschusssitzung erlebt. Die Athletensprecher, zu denen auch die frühere Athletensprecherin im Internationalen Olympischen Komitee, Claudia Bokel, gehörte, hätten deutlich gemacht, dass sie oft lediglich als Alibi dienten und nicht immer den Einfluss hätten, der ihnen zustehe. Hahn forderte einen Stellen-Pool der öffentlichen Hand, in dem Spitzensportler Stellen über Bundeswehr und Polizei hinaus angeboten werde.

          Auch der Status des Athleten müsse neu definiert werden; derzeit gelte für ihn weder Arbeitsrecht noch Kündigungsschutz, da er seinen Sport als Vereinsmitglied freiwillig betreibe, weder als Arbeitnehmer noch als Unternehmer. Es bedürfe eines Berufsbildes „Spitzensportler“; zahlreiche Aspekte einer Athletenlaufbahn seien ungesichert.

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