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Athleten fordern Transparenz : Gegen das Monopol des IOC

Schmucke Räume, verschlossene Türen: Die deutschen Sportler verlangen vom IOC mehr Transparenz. Bild: dpa

Vermarktung der Bild- und Persönlichkeitsrechte: Der Verein Athleten Deutschland verlangt 1,375 Milliarden Dollar für die Teilnehmer von Rio und Pyeongchang. Ein Verfahren des Kartellamts gibt Rückenwind.

          Athleten Deutschland fordert vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC), ein Viertel seiner Erlöse in Milliardenhöhe an die Aktiven auszuschütten. Die Teilnehmer Olympischer Spiele müssten am Vermarktungsgewinn partizipieren, heißt es in einem Offenen Brief, den die Organisation am Dienstag an Thomas Bach, den Präsidenten des IOC, schickte und an diesem Mittwoch veröffentlichte: „Nur so kann die Nutzung der Bild- und Persönlichkeitsrechte unter dem Olympischen Siegel als ,fair‘ bewertet werden.“

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Legt man Erlöse aus Übertragungs- und Vermarktungsrechten in Höhe von 5,5 Milliarden Dollar für einen olympischen Zyklus von vier Jahren zugrunde, fordern die deutschen Athletensprecher Max Hartung und Silke Kassner 1,375 Milliarden Dollar; das entspricht knapp 344 Millionen Dollar pro Jahr oder einer Prämie von knapp 96.800 Dollar für jeden einzelnen der 2900 Olympiateilnehmer von Pyeongchang 2018 und der 11.300 von Rio de Janeiro 2016. Die Athleten benutzen in ihrem Brief den Begriff „Vermarktungsgewinn“.

          Athleten Deutschland, ein im vergangen Jahr zur Vertretung der deutschen Spitzensportler unabhängig vom Deutschen Olympischen Sportbund gegründeter gemeinnütziger Verein, nutzt seine Beteiligung am Verfahren des Bundeskartellamtes zur Werbeeinschränkungen durch die Zulassungsregel der Olympischen Charta (Regel 40.3) für diese und weitere Forderungen. Er hat Akteneinsicht erhalten. Zehn Prozent seines Vermarktungsgewinns solle das IOC für die Finanzierung einer vom Sport unabhängig agierenden Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) einsetzen. Die Athleten beziehen sich dabei auf „internationale Dopingskandale“ und die „damit sichtbaren Schwächen des internationalen Anti-Doping-Managements“. Sie fordern, legt man 5,5 Milliarden Dollar Erlös des IOC zugrunde, 137,5 Millionen Dollar pro Jahr für die Wada – mehr als das Vierfache ihres derzeitigen Budgets von knapp 30 Millionen Dollar. Dieses wird jeweils zur Hälfte vom IOC und von Staaten bestritten; die Bundesrepublik Deutschland steuert dazu jährlich 722.000 Dollar bei. Präsident der Wada ist der Schotte Craig Reedie, Mitglied und ehemaliger Vizepräsident des IOC.

          „Es muss gewährleistet werden, dass den Athletinnen und Athleten die Mittel direkt zufließen“

          Darüber hinaus fordern die Athleten „maximale Transparenz und Darlegung der Vermarkungs- und Übertragungseinnahmen sowie der Mittelverwendung durch die Sportorganisationen“. Hartung sagte, er stelle sich die finanzielle Partizipation der Athleten mittels Teilnahmeprämien und Rentenzahlungen vor. Wichtig sei Hilfe beim Übergang ins Berufsleben. „Wir würden uns freuen, diese Konzepte gemeinsam mit dem IOC zu entwickeln“, sagte er. Im Brief wird gefordert: „Es muss gewährleistet sein, dass die Mittel den Athletinnen und Athleten direkt zufließen.“ Das IOC hält sich zugute, neunzig Prozent seiner Erträge an Verbände und Mitgliedsorganisationen auszuschütten und damit den olympischen Sport in seiner Breite am Leben zu erhalten. Es gibt keine öffentliche Kontrolle der Geldflüsse.

          Laut einer Publikation von Olympic Solidarity, dem Sozialprogramm des IOC, gingen von 2013 bis 2016 32 Millionen Dollar in Form von Stipendien an 1987 Athleten in Vorbereitung auf die Olympischen Spiele von Sotschi 2014 und von Rio 2016. Dies entspricht 0,58 Prozent von 5,5 Milliarden Dollar; sie kamen 15 Prozent der Olympiateilnehmer jenes Zeitraums zugute.

          Athleten weltweit partizipierten verschwindend gering an den Vermarktungsgewinnen des IOC, beklagen Hartung und Kassner. Durch die Unterwerfung unter die Olympische Charta gingen ihnen Einnahmen und Partnerschaften verloren, die zu ihrer wirtschaftlichen Absicherung beitragen könnten. Im Gegensatz zu Welt- und Europameisterschaften gebe es bei Olympischen Spielen keine Prämien. Das IOC monopolisiere die Vermarktung der Spiele und der Teilnehmer. Regel 40.3 sei ein unzulässiger Eingriff in die Berufsfreiheit und die Berufsausübung.

          Das Bundeskartellamt ermittelt seit Anfang 2017, ob die Durchführungsbestimmung 3 zu Regel 40 der Olympischen Charta „Athleten und ihre (potentiellen) Sponsoren in der Individualvermarktung der Sportler missbräuchlich behindert“. Dies geht aus einer Mitteilung des Amtes vom November hervor. Das Amt eröffnete das Verwaltungsverfahren aufgrund kritischer Presse-Berichte während der Olympischen Sommerspiele von Rio de Janeiro 2016 und einer Beschwerde des Bundesverbandes der deutschen Sportartikel-Industrie. Regel 40.3 lautet nach der deutschen Übersetzung auf der Website des DOSB: „Vorbehaltlich der Genehmigung durch die IOC-Exekutivkommission darf kein Wettkämpfer, Coach, Trainer oder anderer Offizieller der Mannschaft, die an Olympischen Spielen teilnehmen, gestatten, dass seine Person, sein Name, sein Bild oder seine sportlichen Leistungen während der Olympischen Spiele zu Werbezwecken genutzt werden.“

          Kartellamts-Präsident Andreas Mundt nannte die Regeln zu restriktiv und äußerte die Sorge, dass ein Missbrauch der marktbeherrschenden Stellung von IOC und DOSB vorliegen könnte. Diese lockerten daraufhin vor den Winterspielen von Pyeongchang im Februar die Regel für deutsche Sportlerinnen und Sportler dahingehend, dass Privatsponsoren diesen öffentlich gratulieren und Athleten sich öffentlich dafür bedanken dürfen.

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