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Aserbaidschan : „Sport will nichts ändern“

Die Welt zu Gast bei Alijew: Aserbaidschans Alleinherrscher macht sich den Sport zu Nutze Bild: dpa

Die Europa-Spiele in Baku werden das größte Sportfest des Jahres sein. Doch die Menschenrechtsfrage in Aserbaidschan bleibt akut. In Brüssel wird Kritik an der Tatenlosigkeit des Sports laut. Applaus gibt es für die Tochter von Gefangenen.

          Europaparlament Brüssel, Unterausschuss Menschenrechte: Als Dinara Yunus aufsteht, gibt es Applaus, fraktionsübergreifend, von allen Abgeordneten. Dinara Yunus ist an diesem Mittwoch Gast im Saal Altiero Spinelli. Zuhörerin – und Symbol. Der Ausschuss hat eine Expertenanhörung angesetzt über Sportgroßveranstaltungen und Menschenrechte; das größte Sportfest des Jahres ist die Premiere der Europa-Spiele in gut vier Wochen in Baku, Aserbaidschan. Sechstausend Sportler lädt Präsident Alijew ein. Derweil sitzen Leyla und Arif Yunus, die Eltern von Dinara Yunus, in Baku in Haft, ohne Anklage. Menschenrechtsorganisationen bezeichnen sie als „Gefangene der Europa-Spiele“.

          Christoph Becker
          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Leyla Yunus, Kandidatin für den Sacharow-Preis für geistige Freiheit im vergangenen Jahr, wurde vor 375 Tagen verhaftet, unmittelbar nach einer kritischen Äußerung über Alijews Sportprestigeprojekt. Dinara Yunus war nicht als Expertin geladen, aber vermutlich hatte niemand in der Sitzung ähnlich erschütternde Erfahrung, wie es um die Menschenrechte in jenen Ländern steht, die sich wie Aserbaidschan mit aller Macht und dem entsprechenden Geld um die Ausrichtung von Mega-Events wie die Europaspielen bemühen.

          Das Europäische Olympische Komitee (EOC), Veranstalter der Spiele, hatte seinen Vizepräsidenten Janez Kocijancic in die Anhörung geschickt, auch Michael Vesper war dort, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) und Mitglied der Exekutive des EOC. Vesper beantwortete Fragen der Abgeordneten, unter anderem von Barbara Lochbihler (Grüne) der stellvertretenden Ausschussvorsitzenden. Sie wollte wissen, warum sich das EOC neben einer technisch-wirtschaftlichen Analyse zur Kompetenz eines Ausrichters nicht auch eine Bewertung der Menschenrechtslage an die Hand gibt. „Herr Vesper“, sagte sie der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, „hat mir gesagt, dass man Menschenrechte nicht mathematisch berechnen könne. Das zeigt mir: Sie wollen es nicht ernsthaft. In den Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte heißt es, jedes Organ der Gesellschaft habe sich für sie einzusetzen. Und internationale Sportverbände sind ein mächtiges Organ der Gesellschaft. Aber sie wollen ihren Einfluss nicht sehen, um ihn nicht nutzen zu müssen.“

          Minky Worden, Direktorin der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) und geladene Expertin der Brüsseler Runde, sagte: „Die Abgeordneten werden weiterhin Antworten bekommen wollen, und zwar mehr und bessere denn je. Der Druck wird wachsen. Das EOC könnte dem zuvorkommen, in dem es sich reformiert. Stattdessen ist es in der Defensive. Ihr Zorn sollte sich auf Herrn Alijew richten, der aus den Spielen eine solche Sauerei macht.“

          Keine Veränderung der Welt zum Guten durch Sport

          Sportveranstaltungen mögen die Welt verändern, doch nicht zum Guten. „Wir kennen kein Beispiel dafür, dass Olympische Spiele gesellschaftlichen Fortschritt oder gar eine Verbesserung der Menschenrechtssituation ausgelöst hätten“, sagte in Berlin Wordens HRW-Kollegin Jane Buchanan. Das sei, obwohl vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) reklamiert, weder bei den Olympischen Sommerspielen 2008 in Peking noch bei den Winterspielen 2014 in Sotschi der Fall gewesen.

          Auch bei den Europa-Spielen sei dies nicht zu erwarten, im Gegenteil. „Die aktuellen Razzien in Aserbaidschan führen wir darauf zurück, dass das Verhalten des Regimes 2012 keine Konsequenzen hatte und es sich darüber hinaus mit dem European Song Contest belohnt sah“, sagte sie auf einer Pressekonferenz ihrer Organisation. Die Situation im Land sei schlimmer denn je. HRW ruft Politiker und potentielle Zuschauer dazu auf, nicht zu den Spielen nach Baku zu reisen. „Wer dort hinfährt, nur um sich zu unterhalten und sich nicht für die inhaftierten Oppositionellen und Journalisten einsetzt“, sagte Deutschland-Direktor Wenzel Michalski, „macht sich zum Büttel von Alijew.“

          Menschenrechte sind nicht verhandelbar

          Der Inhalt eines Treffens von HRW mit der Führung der EOC, dem Veranstalter der Spiele in Baku, wurde als vertraulich deklariert. EOC-Präsident Patrick Hickey gilt als Vertreter der Haltung, Sport und Politik seien zu trennen. Vesper, Teilnehmer des Treffens, versicherte, er habe „eine Kaskade von Gesprächen“ geführt. „Der Sport kann weder ein Gesellschaftssystem noch die Politik eines souveränen Staates verändern, der übrigens im letzten Jahr den Vorsitz des Europarates innehatte“, sagte er am Telefon. „Aber wir können auf unser Werteverständnis hinweisen, das tun wir. Selbstverständlich ist die Menschenrechtsfrage essentiell, und ich werde sie auch ansprechen, wo sich die Gelegenheit bietet. Aber der Sport kann nicht richten, was der Politik nicht gelingt.“

          Elena Valenciano, Ausschussvorsitzende und Abgeordnete der sozialdemokratischen Fraktion im Europaparlament, formulierte ihr Schlusswort in der Brüsseler Debatte anders. Menschenrechte, sagte die Spanierin, seien nicht verhandelbar als Teil einer politischen Debatte. Sie seien universell gültig.

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