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Anti-Doping-Gesetz : Im deutschen Sport geht die Angst um

Schild der Anti-Doping-Kontrolle bei den Bahnradmeisterschaften Bild: dpa

Weil das Selbst-Doping unter Strafe gestellt werden soll, fürchten Athleten, durch Unachtsamkeit oder Schusseligkeit in die Mühlen der Justiz zu geraten. Doch steckt dahinter tatsächlich nur die Sorge des reinen, edlen Sportlers?

          In diesen Tagen erreicht eine Stellungnahme nach der anderen die Redaktion. Die Sportverbände haben die Gelegenheit wahrgenommen, das von der Bundesregierung geplante Anti-Doping-Gesetz zu beurteilen, Vorschläge zur Verbesserung zu machen. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) lehnt es mehr oder weniger ab. Jedenfalls den Kern des Gesetzes: Selbst-Doping als Straftat. Die Staatsanwaltschaften würden sich dann nicht nur Dealer, sondern auch die Doper vorknöpfen, die Jan Ullrichs, Lance Armstrongs dieser Welt.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Bisher wurden sie meistens von Sportjuristen gejagt, wenn überhaupt. Mit ein paar Ausnahmen. Als vor Jahren in Frankreich zur Tour-de-France-Zeit Razzien staatlicher Doping-Fahnder im Peloton üblich waren, wurde der Ausreißversuch zum Massenphänomen: Nur schnell weg - auf sicheres Territorium! Erik Zabel hatte keine Angst vor den Doping-Kontrolleuren des Sports, wie der frühere Radprofi der „Süddeutschen Zeitung“ in seinem zweiten Geständnis schilderte. Er fürchtete sich allein vor dem Zugriff der Polizei.

          Wer hat alle verbotenen Stoffe im Kopf?

          Nun soll das auch in Deutschland so kommen können: Razzien in der Sporthalle, Hausdurchsuchungen, Anklagen. Was sagen die dazu, die betroffenen sind? Am Montag hat die Athleten-Kommission des DOSB ihre Antwort nach Berlin geschickt, zu den beteiligten Ministerien des Innern, der Justiz und der Gesundheit. Die Sportler schließen sich der Grundkritik ihres Dachverbandes an. Und sie fürchten, aus Unachtsamkeit, Schusseligkeit oder wegen Wissenslücken in die Mühlen der Justiz zu geraten. Wer ist schon Mediziner, wer hat schon alle verbotenen Stoffe im Kopf, wer weiß schon, ob das (in der Regel überflüssige) Nahrungsergänzungsmittel nicht doch verseucht ist? Man versteht. Die Angst geht um. Aber steht hinter diesen Fragen nur die Sorge des edlen, reinen Athleten vor den Fallstricken eines Gesetzes?

          Unter der Kapitelüberschrift „Selbstdoping“ schreibt die Athleten-Kommission: „Eine Frage, die uns im Zusammenhang mit dem Gesetzesentwurf gestellt wurde ist, wie nach dem vorliegenden Entwurf mit den Grenzwerten für verbotene Substanzen umgegangen wird? Zur Absicherung der Athleten müssen klare Definitionen und Richtlinien gegeben werden. Reichen sportrechtlich unterschrittene aber auffällige Grenzwerte aus, um einen Anfangsverdacht zu begründen?“

          Selten steckt in einer so harmlos erscheinenden Frage eine so heikle Antwort. Da will wohl jemand erfahren, ob er so weitermachen kann wie bisher. Etwa mit dem Einsatz von Blut-Doping-Mitteln bis zu einem gewissen Grad oder mit der verbotenen Einnahme von Testosteron. Wenn Doping-Kontrolleure ein Verhältnis von 4:1 zwischen Testosteron und Epitestosteron feststellen, dann haben sie in der Regel einen Manipulator erwischt. Bei 3,9:1 gilt der Befund als negativ. Nichts passiert.

          Athleten-Sprecher Christian Schreiber kann diese Interpretation nachvollziehen: „Ja, es ging auch darum, ob jemand ein Strafverfahren zu erwarten hat, der unterhalb so eines Grenzwertes bleibt. Aber das ist ein theoretischer Fall, es gab keine konkrete Frage dazu. Wir wollen nur verstehen, wie die Systeme Sportrecht und Strafrecht miteinander verbunden werden.“

          Sauberkeit ist Ausdruck von Haltung

          Wie auch immer sich die Formulierung hineingeschlichen hat in das Schreiben der Athletenvertreter Deutschlands: Sie dokumentiert die eklatante Differenz zwischen Theorie und Praxis, zwischen Null-Toleranz, wie sie der Sport scheinheilig predigt, und der Grauzone für eine künstliche Leistungssteigerung, die Athleten ausnutzen. Als hätten sie nichts, aber auch gar nichts verstanden. Dass Sauberkeit nicht nur einen negativen Test voraussetzt, sondern Ausdruck einer Haltung sein muss, die sich nicht an Grenzwerten, sondern an der Nulllinie orientiert. Aber nein, es ist ganz anders.

          Die Sportler haben sehr gut verstanden, zwangsläufig am besten von allen: Das herkömmliche Anti-Doping-System lässt ihnen einen Spielraum, den sie (unausgesprochen) auszufüllen haben, wenn sie ihren Wunsch, den der Sportführung sowie des Innenministers erfüllen wollen: Deutschlands Spitzensport - „am Scheideweg“ - muss wieder in die Weltspitze. Denn sonst gibt es in Zukunft weniger Geld vom Staat. Deshalb wird geschluckt, was und solange es nicht positiv macht, probiert, was nicht oder noch nicht ausdrücklich verboten ist. Vor wenigen Jahren pilgerten 30 Spitzensportler zu einem Erfurter Arzt. Sie glaubten, die damals schon heftig umstrittene, aber noch gerade so erlaubte Bestrahlung ihres Blutes steigere ihre Leistung.

          Es ist also kein Zufall, dass Fragen nach einer Grenzwert-Behandlung dem neuen Gesetz vorauseilen. Aber selbst die Strafverfolgung wird die Vergiftung mit Grenzwert-Doping nicht aus den Köpfen der Athleten treiben. Sie können sich beruhigen. Der Staatsanwalt interessiert sich für beweisbares, absichtliches Doping, nicht für die Mentalität.

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