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Cyberattacken auf Olympia : Tokio als nächstes Ziel

Eröffnungsfeier der Winterspiele von Pyeongchang 2018: Russische Hacker störten das Internet. Bild: Reuters

Die amerikanische Justiz klagt russische Hacker wegen einer Attacke auf Olympia 2018 an. Doch nicht nur deshalb: auch die kommenden Sommerspiele waren im Visier der Cyberangreifer.

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          In Tokio wurde am Montag das Fiebermessen getestet, an den Eingängen zu Sportstätten, in denen kommenden Sommer Olympische Spiele stattfinden sollen. Auf der anderen Seite der Erde veröffentlichte das amerikanische Justizministerium am Montag eine Anklageschrift. Unterschrieben ist sie von Staatsanwalt Scott W. Brady, United States Attorney, in der Strafsache Vereinigte Staaten von Amerika gegen Jurij Andrijenko, Sergej Detistow, Pawel Frolow, Anatolij Kowaljow, Artjom Otschitschenko und Pjotr Pliskin.

          Christoph Becker
          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Die sechs Männer, sind die Ankläger überzeugt, sind Teil der Einheit 74455 des GRU, des russischen Militärgeheimdienstes. Sie sollen, unter anderem, verantwortlich sein für die Cyberangriffe auf die Olympischen Winterspiele 2018 im südkoreanischen Pyeongchang, wo während der Eröffnungsfeier das Internet in Teilen des Stadions ausfiel, Computer im Organisationsnetzwerk lahmgelegt wurden und die Website der Spiele vom Netz ging – so dass Zuschauer keine Tickets ausdrucken konnten. Das Werk der Schadsoftware „Olympic Destroyer“, olympischer Zerstörer.

          Einzig Frolow, so die Anklage, habe mit dem Angriff auf die Spiele nichts zu tun, sein Beitrag habe sich auf die Entwicklung von Schadsoftware beschränkt, die unter anderem gegen die ukrainische Energieversorgung, das Finanzministerium in Kiew und medizinische Einrichtungen im westlichen Pennsylvania rund um die Großstadt Pittsburgh und zwei weitere Firmen mit einem Schaden von knapp einer Milliarde Dollar gerichtet wurde. Weitere Ziele der Hacker: der Kaukasus-Staat Georgien, die Organisation zum Verbot von Chemiewaffen und der 2017 gleichwohl erfolgreiche Kandidat im Wahlkampf um das Amt des Präsidenten der Französischen Republik, Emmanuel Macron, und seine Plattform „La République en marche“.

          Und doch stehen das Internationale Olympische Komitee (IOC) und die Organisatoren der Spiele 2018 in Südkorea und die Japaner in Tokio im Fokus der Nachrichten. Denn auch der britische Außenminister Dominic Raab hatte am Montag etwas über die russischen Militärgeheimdienstler zu sagen: Die Angriffe seien „zynisch und rücksichtslos“, er verurteile sie aufs schärfste. Zuvor hatte das „UK National Cyber Security Centre“ mitgeteilt, man sei sich „mit 95-prozentiger Gewissheit“ sicher, dass GRU-Einheit 74455 auch die Cyberstruktur der Sommerspiele in Tokio ausspähte und Vorbereitungen für Attacken im vollen Schwange gewesen seien, bis Covid-19 die Verschiebung der Spiele für dieses Jahr erzwang.

          Weil die amerikanische Anklage als Motiv für die Angriffe 2018 Rache für den vom IOC als Sanktion für das russische Staats-Doping verhängten flaggen- und hymnenlosen Auftritt „Olympischer Athleten aus Russland“ anführt, liegt zur von den Briten berichteten Vorbereitung einer Attacke auf die Spiele in Tokio der Gedanke nahe, dass die Rachegelüste nicht gestillt sind. In diesem Fall wegen der Sanktionen der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada, die russische Sportler für die Dauer von vier Jahren von Großereignissen ausgeschlossen hat. Den aufschiebenden Einspruch der russischen Anti-Doping-Agentur gegen die Sanktion will der Internationale Sportschiedsgerichtshof Cas zwischen 2. und 5. November verhandeln. Zudem wird der GRU hinter weiteren Cyberattacken gegen Sport- und Anti-Doping-Organisationen, unter anderem gegen die Wada, vermutet.

          E-Mails mit Schadsoftware versendet

          Russland bestreitet das alles, Dmitrij Peskow, der Sprecher von Präsident Wladimir Putin, sagte am Dienstag, Russland und seine Geheimdienste hätten „niemals irgendwelche Hackerangriffe unternommen, vor allem nicht solche gegen die Olympischen Spiele“. Leonid Sluzkij vom Auswärtigen Ausschuss der Duma, des Unterhauses, bezeichnete die Vorwürfe als „neuerlichen Schritt zur Diskreditierung Moskaus“.

          Die 50 Seiten umfassende Anklage, die beim für den westlichen Distrikt Pennsylvanias zuständigen Bundesbezirksgericht erhoben wurde, beschreibt, wie die Hacker unter anderem die Website des koreanischen Landwirtschaftsministeriums imitiert, Schadsoftware an Olympia-Dienstleister und -Sponsoren versandt haben sollen und die Attacke wie einen Angriff nordkoreanischer Hacker hätten wirken lassen. So soll der Angeklagte Kowaljow, noch bevor das IOC am 2. Dezember 2017 seine Sanktion bekanntgab, E-Mails mit Schadsoftware versendet haben, die vorgaben, von einem Vorsitzenden einer IOC-Kommission zu kommen und in einem anderen Fall von einer Vizepräsidentin des IOC.

          Die Angeklagten belegen nun die ersten Plätze der Fahndungsliste „Cyber’s Most Wanted“ des Federal Bureau of Investigation, der Bundespolizei. Das IOC reagierte auf Anfrage zu möglichen Zusammenhängen, dass man Cybersicherheit als prioritären Bereich erkannt habe und viel investiere, um Spielen wie IOC „die bestmögliche Cybersicherheitsumgebung zu gewährleisten“. Angesichts der Eigenart des Themas werde man die Maßnahmen nicht weiter ausführen. Zum russischen Staat, der nach Überzeugung amerikanischer Staatsanwälte und britischer Geheimdienste im Nachgang der Doping-Spiele von Sotschi 2014 nun also dreimal Olympische Spiele attackiert hat, verliert das IOC kein Wort.

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