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Glosse zum Fifa-Skandal : Amerika verärgert die Sportfunktionäre

  • -Aktualisiert am

Ermittler des FBI tragen Unterlagen und Geräte aus dem Gebäude des nordamerikanischen Fußballverbands Concacaf (Foto vom 27. Mai). Bild: Reuters

Die neue Rolle der Vereinigten Staaten als Welt-Schiedsrichter des Sports sorgt bei Funktionären für Unverständnis. Profitieren könnte kurioserweise eine deutsche Olympia-Bewerbung. Hat Hamburg schon wieder Fußball-Dusel? 

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          Gut möglich, dass die hohen Fußballfunktionäre jetzt vom Falschen-Film-Syndrom heimgesucht werden. Nach dem Motto: Wie bitte? Ich soll plötzlich ein Schädling sein? War ich nicht gerade noch einer von denen, die das Spiel entwickeln, die Welt berühren und eine bessere Zukunft gestalten? Sie haben ja bestimmt geglaubt, was ihnen der offizielle Fifa-Slogan immer suggeriert hat. Gegen unangenehme Selbstanalysen gibt es aber ein Mittel: „United Passion“, der vom Weltverband mit viel Geld vom eigenen Konto finanzierte Selbstbeweihräucherungs-Streifen mit Kult-Darsteller Gerard Dépardieu (als Jules Rimet) und dem Tarantino-Star Tim Roth (als Joseph Blatter). Kein Gag: Am Wochenende ist dieser Film in den Vereinigten Staaten angelaufen. Zum Beispiel in Phoenix, Arizona. Bei der Premiere spielte er dort neun Dollar ein. Ein Zuschauer kam. Wahrscheinlich ein amerikanischer Fußballfunktionär mit dem Falschen-Film-Syndrom.

          Ausländische Fußballfunktionäre reisen zur Zeit seltener in die Vereinigten Staaten, zumindest nicht freiwillig. Sie könnten ja vom FBI aus dem Kino geholt und wegen Verdachts auf Korruption, Betrug oder Geldwäsche verhaftet werden. Aber auch die anderen Sportführer sind sauer auf Amerika, dessen Staatsanwaltschaft angetreten ist, den Fußball-Weltverband in Schutt und Asche zu legen. Auch beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC), das diese Woche in Lausanne zusammentrifft, ist die Liebe zu den Vereinigten Staaten schlagartig erkaltet. Wieso, fragen sie sich beim Meeting in der Schweiz, jawohl der Schweiz, aber nicht an der Bar vom Baur au Lac in Zürich, sondern vom Palace in Lausanne, wieso also glaubt Amerika plötzlich, es müsse Welt-Schiedsrichter spielen und den Fußball belehren, wie er seine Geschäfte zu machen hat?

          Ist ja wahr: Es ist schwer zu verstehen, was es die Staatsanwaltschaft in New York eigentlich angeht, auf welche Weise sich Funktionäre in der Rest-Welt die Taschen füllen. Sollen sie doch unter ihren eigenen Amtsträgern aufräumen. Aber Zugriff in der Schweiz? Nur: Sie haben halt so verdammt recht damit, dieses kriminelle Kartell aufzudecken. Mag ja sein, dass das Interesse der Amerikaner in Wahrheit der Absicht entspringt, politische Nadelstiche gegen Russland und Qatar zu setzen, die sich bis jetzt noch auf die Weltmeisterschaften 2018 und 2022 freuen. Aber irgend jemand muss dem dreisten Treiben ein Ende bereiten. Niemand hat gesagt, dass man dazu kicken können muss.

          Eines zeichnet sich aber deutlich ab: Boston, der Bewerber für die Ausrichtung der Olympischen Sommerspiele 2024, ist die längste Zeit Favorit gewesen. Gerade schien die Stadt noch unschlagbar – innerhalb einer Woche sank die Zustimmung in Lausanne unter den Gefrierpunkt. Einer der Nutznießer ist eine gewisse Hansestadt, die bisher eher als Außenseiter galt. Man könnte jetzt sagen: So schnell ändert sich manchmal das Skript. Oder auch: Da ist er ja wieder, der Hamburger Fußball-Dusel.

          Evi Simeoni
          Sportredakteurin.

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