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Europaspiele in Aserbaidschan : „Meine Eltern sterben hinter Gittern“

„Den gleichen Drive wie Qatar“: Baku Bild: dpa

In 100 Tagen beginnt das aserbaidschanische Prestigeprojekt „European Games“: Dazu lädt sich der seit 40 Jahren regierende Alijew-Clan Sportler ein. Nun wird die sofortige Freilassung aller politischen Gefangenen gefordert.

          100 Tage vor Beginn der ersten Europaspiele in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku hat die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch die Freilassung aller widerrechtlich festgehaltenen Aktivisten und Journalisten aus aserbaidschanischen Gefängnissen gefordert.

          „Wenn die Europaspiele zeigen sollen, dass Sport eine positive Nachwirkung haben kann, dann sollte jeder Journalist und Aktivist, der aus politischen Gründen in Aserbaidschan festgehalten wird, lange vor der Eröffnungsfeier freigelassen werden“, sagte HRW-Direktorin Jane Buchanan. Der britische „Guardian“ hatte im vergangenen Dezember von wenigstens 98 politischen Häftlingen in Aserbaidschan berichtet. Im Gespräch mit der F.A.Z. hatte HRW-Direktorin Minky Worden im Januar gesagt, Aserbaidschan habe im Vorlauf der Europaspiele „eine der schwerwiegendsten Verschärfungen der Menschenrechtslage erlebt“. Auch Amnesty International forderte am Dienstag umgehende Verbesserungen der Menschenrechtslage in Aserbaidschan.

          Präsident und oberster Sportfunktionär: Ilham Alijew

          Zu den bekanntesten Häftlingen Aserbaidschans, das seit den siebziger Jahren vom Alijew-Clan regiert wird und dessen jetziger Präsident Ilham Alijew zugleich Vorsitzender des Nationalen Olympischen Komitees ist, zählt die Journalistin Leyla Junus, die gemeinsam mit ihrem Mann inhaftiert ist.

          „Meine Elternsterben ganz einfach hinter Gittern“, twitterte ihre Tochter Dinara Junus am Dienstag.

          Barbara Lochbihler, die stellvertrendende Vorsitzende des Menschenrechtsausschusses des Europäischen Parlaments, sagte FAZ.NET am Dienstag, das Plenum des Parlaments habe sich für Yunus, die 2014 Kandidatin für den Sacharow-Preis für geistige Freiheit war, eingesetzt und eine Resolution verfasst. „Die aserbaidschanische Regierung hat darauf fast nicht reagiert“, sagte die Grünen-Politikerin. Sie forderte Politiker und Sportfunktionäre auf, klar beschriebene Fälle wie den der Famnilie Yunus im Vorfeld anzusprechen, eine ungehinderte Berichterstattung und die freie Arbeit von Nichtregierungsorganisationen zu fordern. „Europäische Politiker müssen das im Gepäck haben, wenn sie nach Baku reisen“, sagte Lochbihler.

          Bei einer Pressekonferenz in Frankfurt betonete Michael Vesper, der Vorsitzende des Vorstands des Deutschen Olympischen Sportbundes und Mitglied der Exekutive des die Spiele veranstaltenden Europäischen Olympischen Komitees, der DOSB spreche die Menschenrechtslage in Gesprächen mit Menschenrechtsorganisationen, deutschen und aserbaidschanischen Politikern an.

          Weiter inhaftiert: Journalistin und Bürgerrechtlerin Leyla Yunus

          Zugleich bestätigte er, dass die aserbaidschanischen Gastgeber der Spiele allen Teilnehmern die Unterbringung und Anreise, abgesehen von Frachtkosten, bezahlen. Damit falle der übliche Zuschuss höher als gewöhnlich aus. Der DOSB plant, 280 Sportler nach Baku zu schicken.

          Das sei allerdings auch der Tatsache geschuldet, dass die sportlich nicht von allen Verbänden begrüßte Premiere der Spiele von den Organisatoren so attraktiver gemacht werden sollen. Die Spiele finden vom 12. bis 28. Juni statt, erwartet werden 6000 Sportler. Damit nehmen an der Veranstaltung, einem Prestigeprojekt der aserbaidschanischen Regierung, mehr Sportler als bei Olympischen Winterspielen teil.

          Festnahmen: Während einer Demonstration in Baku am 28. Februar

          Lochbihler sagte, Aserbaidschan lege bei der Akquise von Sportveranstaltungen „den gleichen Drive“ wie Qatar an den Tag. Zudem lade die Regierung westliche Politiker ein, um gut über das Land zu berichten. In der kürzlich veröffentlichten Liste der Pressefreiheit der Organisation Reporter ohne Grenzen liegt das Land auf Platz 162 von 180 aufgeführten Ländern, zwei Ränge schlechter als 2014. Präsident Alijew wird von der Organisation als „Feind der Pressefreiheit“ geführt.

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