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Nike Oregon Project : Salazar disqualifiziert sich selbst

Mit seiner Obsession übte er Gewalt aus: Leichtathletiktrainer Alberto Salazar Bild: dpa

Der gesperrte Leichtathletiktrainer Alberto Salazar bestreitet, dass es in seiner Gruppe je Missbrauch oder Diskriminierung von Frauen und Mädchen gegeben habe – und bestätigt unabsichtlich genau das.

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          Gefühllose und unsensible Kommentare habe er bei Gelegenheit wohl abgegeben, räumt Alberto Salazar ein. Er habe damit aber nie verletzen wollen; sei dies doch geschehen, tue ihm das leid. Der Kopf des einstigen Nike Oregon Project, einer hoch protegierten und höchst erfolgreichen Laufgruppe des größten Sportartikelherstellers der Welt, zeigt mit seiner jüngsten Replik auf die Vorwürfe einer Handvoll Läuferinnen, wie heikel Spitzensport ist. Salazar, wegen Verstößen gegen die Doping-Richtlinien für vier Jahre vom Sport ausgeschlossen, bestreitet, dass es in seiner Gruppe je Missbrauch oder Diskriminierung von Frauen und Mädchen gegeben habe – und bestätigt genau das, unabsichtlich.

          Mary Cain hat in einem Artikel und in einem Video vor einer Woche beschrieben, wie sie mit sechzehn Jahren zu Salazar ging und Opfer seiner Obsession wurde, Leistung auch durch Gewichtsverlust zu steigern. Er habe sie bei Wettkämpfen angebrüllt, in der Trainingsgruppe bloßgestellt und sie körperlich und emotional dermaßen missbraucht, dass ihre Periode für Jahre ausblieb, dass sie durch den daraus entstandenen Östrogenmangel Knochenbrüche erlitt, dass sie in ihrer Verstörung sich selbst regelmäßig mit einem Messer verletzte. Erst die von den Eltern initiierte Flucht rettete sie. Eine Handvoll Läuferinnen berichtete daraufhin Ähnliches über Salazar.

          Gewicht hat Einfluss auf Leistung. Doch Abnehmen bedeutet nicht automatisch schneller zu werden. Woher sollen Kraft und Ausdauer kommen, wenn alle Energie abtrainiert und weggehungert ist? Die sensible Balance von Leistungssteigerung und Selbstverstümmelung können selbst manche erwachsene Athleten nicht halten. Um so mehr brauchen jugendliche Leistungssportler und ihre Trainer auf diesem schmalen Grad professionelle Hilfe von Ernährungswissenschaftlern, Ärzten und Psychologen – und Widerspruch. Mary Cain behauptet, daran habe es bei Salazar gefehlt. Im Grunde seien alle, die dort beschäftigt waren, Freunde des Chefs gewesen: alle männlich, alle seiner Meinung. Salazar bestreitet dies. Mit Hilfe von Experten habe er Läuferinnen und Läufern ermöglichen wollen, gesund und angemessen das optimale Gewicht für Training und Wettkampf zu erreichen und zu halten.

          Salazar machte bekannt, dass Mary Cain ihn im April gebeten habe, in sein Team zurückkehren zu dürfen. Ihre Vorwürfe könnten nicht seriös sein, will er damit demonstrieren, wenn sie vor gut einem halben Jahr dort hin zurück wollte, wo sie angeblich vor die Hunde ging. Diese Indiskretion belegt die Ignoranz von Salazar. Gerade junge Frauen wie Mary Cain werden Opfer von Männern wie Alberto Salazar, weil sie ihm zu Gefallen alles tun bis zur Selbstzerstörung. Dies gegen sie zu verwenden disqualifiziert den Trainer.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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