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Abschaffung des Amateurstatuts : Der Kongress, der Olympia reich machte

30 Jahre danach: IOC-Vizepräsident Bach beim Festakt in Baden-Baden Bild: dpa

Vor dreißig Jahren, auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, der auch den Sport in zwei Lager spaltete, öffnete sich die olympische Welt dem Kommerz - mit dem Segen der Sportler. Baden-Baden 1981 prägt bis heute die Spiele und ihr Athletenbild.

          Es war ein lieblicher Herbsttag, als der deutsche Fechter Thomas Bach und der sowjetische Eishockeytorwart Wladislaw Tretjak in Baden-Baden die Lichtentaler Allee überquerten. Genau dreißig Jahre ist das jetzt her. Viel sprechen konnten die beiden Sportler nicht miteinander. „Wir haben mehr oder weniger geradebrecht“, erzählt Bach. Und doch gelang es dem Tauberbischofsheimer irgendwie, dem Star der Sbornaja klarzumachen, was er von ihm wollte. 28 internationale Athleten waren auf Initiative des Gastgebers Willi Daume vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) zum XI. Olympischen Kongress ins Kurhaus eingeladen worden, Bach war einer der Auserwählten, die dort ihre Forderungen vortragen durften. Weil sie die Absicht hatten, mit einer Stimme zu sprechen, brauchte Bach für seine Formulierungen zur Öffnung der Amateurparagraphen nur noch Tretjaks Einverständnis. „Er hat mir signalisiert, dass er persönlich schon einverstanden sei“, berichtet Bach, „aber dass er das erst an höherer Stelle absegnen lassen müsse.“

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Die Athleten hatten eine Mission, an der zu jener Zeit alle Institutionen scheiterten. Sie sollten die politische Spaltung der Welt argumentativ überwinden. Dass ihnen dies am Ende dieses historischen Kongresses - mit Hilfe so mancher „akrobatischer Formulierungen“, wie Bach das heute noch nennt - gelang, gilt als Glanzleistung der olympischen Athletengeschichte. Sie erreichten nicht nur die Zulassung von Profisportlern zu den Spielen, sondern brachten auch ein deutliches Statement gegen Doping auf die Beine - sie forderten lebenslange Sperren für Doping-Sünder.

          „Der Sport im Westen war unstrukturiert“

          Die Ideen von 1981 prägen bis heute das olympische Athletenbild - und öffneten dem Kommerz das Tor zu den Spielen. Und einige der damals führenden Sportler setzten in Baden-Baden zum Höhenflug als Funktionäre an. Der 57 Jahre alte Bach ist heute Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes und Vizepräsident des IOC, der 52 Jahre alte Sebastian Coe führt das Organisationskomitee der Olympischen Spiele 2012 in London an und ist Vizepräsident des Internationalen Leichtathletik-Verbandes, Tretjak Präsident des russischen Eishockey-Verbandes. Auch die Einlassungen Tretjaks vor dem Kongress (die sowjetische Delegation hatte ihn als Redner gegen die deutsche Ski-Rennläuferin Irene Epple durchgesetzt) werden bis heute befolgt: Er plädierte für die Beibehaltung von Flaggen und Hymnen. Weitere 90-Sekunden-Redner waren der kenianische Laufkönig Kipchoge Keino (später IOC-Mitglied und Gründer einer Wohltätigkeitsorganisation für Waisenkinder in Kenia), die bulgarische Ruderin Svetla Otzetova (heute Technische Direktorin im Internationalen Ruderverband) und der norwegische Ski-Langläufer Ivar Formo (später Vorsitzender des Langlauf-Komitees im Internationalen Skiverband), der 2006 beim Schlittschuhlaufen in einen zugefrorenen See einbrach und ums Leben kam.

          „Der Sport im Westen war unstrukturiert”: Sebastian Coe bei seinem Olympiasieg in Moskau 1980

          Die mächtigen sowjetischen Sportfunktionäre hatten ihre Augen und Ohren damals überall. Einen Beobachter schmuggelten sie als Dolmetscher ins Hotel Atlantik, wo die Athleten sich zwei Tage und Nächte lang die Köpfe heißredeten. Er verschwand, als diese sich den Besuch verbaten. Der Kalte Krieg, der auch die Welt des Sports in zwei Lager teilte, stand auf seinem Höhepunkt. Der West-Boykott der Olympischen Spiele 1980 in Moskau lag ein Jahr zurück, der Gegenboykott in Los Angeles 1984 sollte noch kommen. Olympia war zum Kampf der Systeme geworden, Vereinigte Staaten gegen Sowjetunion, Bundesrepublik Deutschland gegen die DDR. Und der Ostblock war stark: Mit viel Geld bot er seinen Athleten Trainingsmöglichkeiten, von denen West-Sportler nur träumen konnten. Sie galten als „Staatsamateure“, also Berufssportler, die angeblich trotzdem nicht gegen die Zulassungsregel 26 verstießen, wonach ein Olympiateilnehmer mit seinen Leistungen kein Geld verdienen durfte.

          „Der Sport im Westen dagegen war unstrukturiert“, sagt der Brite Coe. Der Mittelstrecken-Star, damals gemeinsam mit Bach die Führungsfigur der Athletengruppe, hatte bereits einen schwierigen Balanceakt hinter sich. „Im Jahr 1979, kurz nachdem ich drei Weltrekorde gebrochen hatte, musste ich erst einmal auf Jobsuche gehen.“ Der zweimalige Goldmedaillen-Gewinner hatte damals gerade sein Studium beendet. „Ich denke nicht, dass meine Gegner aus Russland oder Ostdeutschland so etwas tun mussten.“ Samaranch, der ein Jahr zuvor zum IOC-Präsidenten gewählt worden war, habe „zwei völlig verschiedene Sport-Universen“ übernommen, sagt Coe. „Aber er konnte die Verhältnisse nicht einfach radikal ändern. Die Ostblockstaaten waren ein starker Teil der Bewegung. Darum musste er die Athleten mit auf die Reise nehmen.“

          Tischtennis und Tennis ebnen den Weg

          Ein cleverer Schachzug des Katalanen, gemeinsam mit Daume, dem Präsidenten des Nationalen Olympischen Komitees für Deutschland. Das ganze IOC verlor damit seinen Amateurstatus - heute hat es Rücklagen in Höhe von fast einer halben Milliarde Dollar auf dem Konto. Zweimal in seiner langen Präsidenten-Karriere hat Samaranch den Nimbus der Athleten zur Legitimation seiner Organisation genutzt und ihnen dafür ein Stück mehr Einfluss zugestanden: 1981 durften sie - bisher nur Komparsen für einen altmodischen Herrenklub - erstmals überhaupt vor einem olympischen Kongress das Wort ergreifen.

          Daraus entstand der nicht stimmberechtigte Athletenbeirat. 1999, in der größten Glaubwürdigkeitskrise des IOC, erhielten 15 Athleten Sitz und Stimme. Schon bei der Session direkt nach dem denkwürdigen Kongress wurde die Öffnung der Regel 26 beschlossen. Allerdings auf verschämte Weise. „Man hat damals aus diplomatischen Gründen einen Umweg gewählt“, sagt Bach.

          Die genaue Regelung wurde nicht vom IOC getroffen, sondern den internationalen Fachverbänden übertragen, die Fakten schaffen sollten. Auf dieser Grundlage wurde in Baden-Baden Tischtennis, dessen Stars damals schon lange Preisgelder kassierten, neu ins olympische Programm aufgenommen, und Tennis, hinter dessen Rückkehr massive kommerzielle Interessen steckten, kam nach langer Pause wieder. Olympiasieger bei der Premiere 1988 in Seoul wurden Steffi Graf und Miroslav Mecir. Zwei rundum vermarktete Vollprofis also.

          Baden-Baden aber feiert - mit Bach an der Spitze - an diesem Mittwoch den Gründungsmythos des „mündigen Athleten“. Die Gästeliste ist eindrucksvoll: IOC-Präsident Jacques Rogge wird die Festrede halten. (Der Belgier war in Baden-Baden einst nicht dabei.) Unter anderen werden Coe kommen, Keino und viele spätere IOC-Athletensprecher, darunter der heutige ungarische Staatspräsident und ehemalige Fechter Pal Schmitt sowie der aktuelle Vorsitzende der Athletenkommission und frühere Sprinter Frankie Fredericks. Es wird wohl ein bisschen wie damals sein. „Das Beste an Baden-Baden war für mich die einzigartige Ansammlung von talentierten Sportlern“, erinnert sich Coe. „Und mein Foto zusammen mit Teofilo Stevenson, dem besten Boxer aller Zeiten.“

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