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Abschaffung des Amateurstatuts : Der Kongress, der Olympia reich machte

„Der Sport im Westen dagegen war unstrukturiert“, sagt der Brite Coe. Der Mittelstrecken-Star, damals gemeinsam mit Bach die Führungsfigur der Athletengruppe, hatte bereits einen schwierigen Balanceakt hinter sich. „Im Jahr 1979, kurz nachdem ich drei Weltrekorde gebrochen hatte, musste ich erst einmal auf Jobsuche gehen.“ Der zweimalige Goldmedaillen-Gewinner hatte damals gerade sein Studium beendet. „Ich denke nicht, dass meine Gegner aus Russland oder Ostdeutschland so etwas tun mussten.“ Samaranch, der ein Jahr zuvor zum IOC-Präsidenten gewählt worden war, habe „zwei völlig verschiedene Sport-Universen“ übernommen, sagt Coe. „Aber er konnte die Verhältnisse nicht einfach radikal ändern. Die Ostblockstaaten waren ein starker Teil der Bewegung. Darum musste er die Athleten mit auf die Reise nehmen.“

Tischtennis und Tennis ebnen den Weg

Ein cleverer Schachzug des Katalanen, gemeinsam mit Daume, dem Präsidenten des Nationalen Olympischen Komitees für Deutschland. Das ganze IOC verlor damit seinen Amateurstatus - heute hat es Rücklagen in Höhe von fast einer halben Milliarde Dollar auf dem Konto. Zweimal in seiner langen Präsidenten-Karriere hat Samaranch den Nimbus der Athleten zur Legitimation seiner Organisation genutzt und ihnen dafür ein Stück mehr Einfluss zugestanden: 1981 durften sie - bisher nur Komparsen für einen altmodischen Herrenklub - erstmals überhaupt vor einem olympischen Kongress das Wort ergreifen.

Daraus entstand der nicht stimmberechtigte Athletenbeirat. 1999, in der größten Glaubwürdigkeitskrise des IOC, erhielten 15 Athleten Sitz und Stimme. Schon bei der Session direkt nach dem denkwürdigen Kongress wurde die Öffnung der Regel 26 beschlossen. Allerdings auf verschämte Weise. „Man hat damals aus diplomatischen Gründen einen Umweg gewählt“, sagt Bach.

Die genaue Regelung wurde nicht vom IOC getroffen, sondern den internationalen Fachverbänden übertragen, die Fakten schaffen sollten. Auf dieser Grundlage wurde in Baden-Baden Tischtennis, dessen Stars damals schon lange Preisgelder kassierten, neu ins olympische Programm aufgenommen, und Tennis, hinter dessen Rückkehr massive kommerzielle Interessen steckten, kam nach langer Pause wieder. Olympiasieger bei der Premiere 1988 in Seoul wurden Steffi Graf und Miroslav Mecir. Zwei rundum vermarktete Vollprofis also.

Baden-Baden aber feiert - mit Bach an der Spitze - an diesem Mittwoch den Gründungsmythos des „mündigen Athleten“. Die Gästeliste ist eindrucksvoll: IOC-Präsident Jacques Rogge wird die Festrede halten. (Der Belgier war in Baden-Baden einst nicht dabei.) Unter anderen werden Coe kommen, Keino und viele spätere IOC-Athletensprecher, darunter der heutige ungarische Staatspräsident und ehemalige Fechter Pal Schmitt sowie der aktuelle Vorsitzende der Athletenkommission und frühere Sprinter Frankie Fredericks. Es wird wohl ein bisschen wie damals sein. „Das Beste an Baden-Baden war für mich die einzigartige Ansammlung von talentierten Sportlern“, erinnert sich Coe. „Und mein Foto zusammen mit Teofilo Stevenson, dem besten Boxer aller Zeiten.“

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