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60 Jahre NOK : Sportliche Altlasten

  • -Aktualisiert am

Bild: AFP

Die Gründung des Nationalen Olympischen Komitees vor 60 Jahren gilt als Zeichen, dass der olympische Gedanke in Deutschland angekommen war. Doch die Chance auf einen sportpolitischen Neuanfang jenseits von Carl Diem wurde vertan.

          Im Bonner Museum König drängten sich schon die Gäste, als Walter Dick das Gebäude am 24. September 1949 betrat. Ausgerüstet mit Kamera und Blitzlicht, stellte sich der Fotograf zwischen die Sportfunktionäre, die Politiker, die Kollegen aus dem In- und Ausland, und begann, die Herren zu fotografieren, die über ihm auf dem Podium saßen: den Herzog zu Mecklenburg, Peco Bauwens, Willi Daume, Carl Diem, alle Mitglieder des soeben aus der Taufe gehobenen „Nationalen Olympischen Komitees (NOK für Deutschland)“. Zum Großteil altbekannte Gesichter: Der Herzog, neuer alter Präsident, war auch während des Nationalsozialismus beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) als würdiger Vertreter des Reiches gesehen worden.

          Vizepräsident und Fußballfunktionär Bauwens hatte sich beim Fußball-Weltverband (Fifa) gehörig für eine Machtverteilung zugunsten der Achsenmächte ins Zeug gelegt und auch sonst kein Hehl aus seinen Sympathien für die NSDAP gemacht. Oder Carl Diem, den man an diesem Tag in Bonn mangels Funktion in einem Sportverband schlicht zum „persönlichen Mitglied des NOK“ ernannt hatte. Diem war 1936 eine echte Größe gewesen, oft hatte man ihn beim Händeschütteln mit dem Führer ablichten können, als Generalsekretär einer der Hauptverantwortlichen für den Propagandaerfolg der Olympischen Spiele in Berlin. Jetzt, 13 Jahre später, beugte sich Diem über das Mikrofon und lächelte beim Sprechen: „Die freudige Bereitschaft aller Beteiligten, diese Gründung zu ermöglichen, ist einmal mehr Beweis, dass die olympische Idee in Deutschland Wurzeln gefasst hat.“

          Angst, den alten Militärgeist der Deutschen zu fördern

          Diem hatte an diesem Tag allen Grund zur Zufriedenheit. Vier Jahre lang, seit der Kapitulation im Grunde, hatte er auf dieses Ereignis hingearbeitet. Bis vor kurzem hatte er dabei immer wieder Enttäuschungen einstecken, Angriffe abwehren, schwere Kompromisse eingehen müssen. Nun saß er, fast wie durch ein Wunder, zwischen geschätzten Freunden und Vertrauten. Nicht ein Einziger seiner Kritiker und Gegner hatte es in das Gremium geschafft.

          Dabei war nur wenige Wochen zuvor ein von Diem angeregter Anlauf zur Gründung eines NOK gründlich gescheitert. In Bad Schwalbach, dem kleinen Kurort im Taunus, waren die für den Sport zuständigen Offiziere der westlichen Militärregierungen am Wochenende des 16. und 17. Juli 1949 mit Vertretern des deutschen Sports zusammengekommen, um über die Zukunft zu sprechen. Diem war nicht geladen. In Bad Schwalbach beschloss man, dass eine für den August unter Diems Ägide anberaumte NOK-Gründung unzulässig sei. Erst nach der Konstituierung der Bundesrepublik solle ein solches Gremium geschaffen werden. Aus Briefen von Teilnehmern an der Schwalbacher Konferenz geht hervor, dass man im Taunus nicht nur die erste Tagung des Bundestags abwarten wollte. Neben den Befürchtungen, überregional organisierter Sport könnte den alten Militärgeist der Deutschen befördern und revisionistischen Tendenzen förderlich sein, wie das schon in der Zwischenkriegszeit geschehen war, bestanden auch große Widerstände gegen die Initiatoren der NOK-Idee. Es handele sich teilweise um Leute, „die einfach nicht dem deutschen Sport dienen könnten. Eindeutig abgelehnt wurde Prof. Dr. Carl Diem.“

          Der Vergangenheit gegenüber unkritisch

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