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30 Jahre nach Mauerfall : Die Freiheit des Sports

Kristin Otto gewann bei Olympia 1988 in Seoul sechs Goldmedaillen. Bild: Picture-Alliance

Der Fall der Mauer vor dreißig Jahren hat den Sport befreit. Vielleicht nicht vom Doping. Doch längst haben olympische Resultate in Deutschland nicht mehr das übermäßige politische Gewicht.

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          Deutsche Einheit nachträglich abgeblasen. Waren alle gedopt. So eine Schlagzeile gönnte sich einst die Satirezeitschrift Titanic. Im Sport scheint sie immer noch aktuell, da eingefrorene Proben jedes Ergebnis Olympischer Spiele unter Vorbehalt stellen. Seit in den neunziger Jahren der Wissenschaftler Werner Franke Stasi-Akten aus dem Osten und Zeugenaussagen aus dem Westen auftaute, weiß jeder, den es interessiert, was den Sport im Wettrüsten des Kalten Krieges antrieb. Der Fall der Mauer vor dreißig Jahren hat den Sport befreit. Vielleicht nicht vom Doping. Doch längst haben olympische Resultate in Deutschland nicht mehr das übermäßige politische Gewicht als Ausweis der Überlegenheit des jeweiligen gesellschaftlichen Systems. Die Last, die auf jedem einzelnen deutschen Athleten in Ost und West zu liegen schien, ist abgefallen.

          Bei den letzten Olympischen Spielen vor dem Fall der Mauer, denen von Seoul 1988, überflügelten Kristin Otto mit sechs Olympiasiegen und der Rest der DDR-Olympiamannschaft mit 31 weiteren Goldmedaillen sogar die Auswahl der Vereinigten Staaten. Die Botschafter im Trainingsanzug des Staates von knapp 17 Millionen Einwohnern gewannen 102 Medaillen.

          Das Erbe der DDR trug die Olympiaauswahl des vereinten Deutschlands bei den Spielen von Barcelona 1992 in Höhen, welche die Bundesrepublik nie erreicht hatte: 82 Medaillen, davon 33 goldene, das ergab Platz drei im Medaillenspiegel hinter den Vereinten ehemaligen Sowjetrepubliken und den Vereinigten Staaten von Amerika. Die wachsende internationale Konkurrenz und der nachlassende Druck innerhalb des Systems sorgen seither für einen Rückgang der Medaillengewinne.

          Leistungssportstrategen beklagen dies als Niedergang der Sportnation Deutschland. Formal legitimiert sich deren Spitzensportförderung immer noch aus dem Bedürfnis des Staates nach internationaler Repräsentation. Dies ist ein Anachronismus. Mit seiner Tradition, der Sportlichkeit seiner Bevölkerung und nicht zuletzt mit den Erfolgen seiner Athleten ist Deutschland ein Land des Sports. Es gehört sich für das Publikum, das zugleich Förderer ist, denen Respekt zu zollen, die Jahre ihres Lebens dem Höchstleistungssport widmen. Sie wollen so gut sein, wie sie können. Wir sollten ihnen die Unbeschwertheit ermöglichen, die sie dafür brauchen.

          Michael Reinsch
          Korrespondent für Sport in Berlin.

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