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30 Jahre deutsche Einheit : Sieht aus wie Staatssport

Hüpfen und fliegen Ost: NVA-Sportler proben für das Turn- und Sportfest 1987 im Leipziger Zentralstadion. Bild: Klaus Mehner

Die Siege des DDR-Sports sagen vor allem etwas darüber aus, wie dringend der Staat sie wollte. Vom zwanghaften Siegen hat sich das wiedervereinigte Deutschland verabschiedet.

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          Als im April wegen der Bedrohung durch das Coronavirus die Olympischen Spiele von Tokio verschoben und weltweit praktisch alle Sportveranstaltungen abgesagt waren, wurde Max Hartung besonders aufmerksam. „Es gab viele Beispiele von außergewöhnlichen Sportlerinnen und Sportlern, viele Geschichten über besondere Persönlichkeiten. Vermutlich wären sie nicht entstanden, wenn Ergebnisse, Rekorde und Medaillen im Vordergrund der Berichterstattung gestanden hätten“, beobachtete der Säbelfechter und Athletensprecher. „Athleten machten Podcasts. Athleten boten online Training für Kinder an. Athleten äußerten sich zu gesellschaftlichen Themen. Der Blick auf die Persönlichkeit zeigt, dass es sich für die Bundesrepublik Deutschland lohnt, sich Spitzensport zu leisten.“

          Michael Reinsch
          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Leistungssport in den olympischen Sportarten wird in Deutschland weitgehend vom Staat gefördert. Sportstätten, Bundestrainer, Trainingslager – allein das Sportbudget im Etat des Bundesinnenministeriums beträgt in diesem Jahr 262 Millionen Euro. Darüber hinaus verfügen die Verbände über 744 Stellen in 15 Sportfördergruppen der Bundeswehr; laut Verteidigungsministerium lässt sich das Militär diese Unterstützung 35 Millionen Euro pro Jahr kosten. Bundespolizei, die Polizei fast aller Länder und der Zoll bieten darüber hinaus einige hundert Posten.

          Haben wir im Jahr dreißig der deutschen Einheit den Staatsamateur der untergegangenen DDR und den Staatssport erhalten? „Im Unterschied zur DDR will die Förderung im Deutschland von heute das Individuum im Blick haben und Persönlichkeiten fördern“, sagt Hartung. „Sie zielt nicht allein auf eine Plazierung im Medaillenspiegel ab. Dies ist ein großer Unterschied zur Vergangenheit und zu anderen Ländern.“

          Nicht, dass die vereinten Sportstrategen aus Ost und West, von gestern und heute, nicht versucht hätten, die irrealen sportlichen Erfolge des Arbeiter-und- Bauern-Staates zu perpetuieren. Bis heute gelten ihnen die Olympischen Spiele von 1992 als Maßstab, bei denen die gerade vereinten, von ehemaligen DDR-Athleten dominierten Olympiamannschaften im Winter von Albertville mit zehn Olympiasiegen (und insgesamt 26 Medaillen) die Nummer eins des Medaillenspiegels und im Sommer von Barcelona mit 33 Goldmedaillen (in toto 82) die Nummer drei wurden. Als Innenminister Thomas de Maizière 2015 ein Drittel mehr Medaillen forderte, lag London 2012 als vermeintlicher Tiefpunkt mit elf Olympiasiegen und Platz sechs hinter der deutschen Olympiamannschaft. Rio 2016 brachte dann 17 Goldmedaillen und Platz fünf.

          Plakatives Bekenntnis: der Übungsverband Osttribüne mit 12.000 Mitgliedern beim Deutschen Turn- und Sportfest in Leipzig 1983 Bilderstrecke
          30 Jahre deutsche Einheit : Sieht aus wie Staatssport

          Der Einigungsvertrag hat das durch Doping-Forschung belastete Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport (FKS) in Leipzig als Institut für Angewandte Trainingswissenschaft (IAT) erhalten, das für Manipulationen missbrauchte Doping-Kontrolllabor Kreischa sowie die Forschungsstelle für die Entwicklung von Sportgerät (FES) in Berlin. Sie haben sich, so scheint es, im freiheitlichen Sport bewährt. Die Kinder- und Jugendsportschulen der DDR wurden zu Eliteschulen des Sports. Streckung der Schulzeit und Internatsbetrieb helfen bei der Vorbereitung auf große Erfolge.

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