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120 Athleten für Pechstein : Angriff auf Schiedszwang

Kämpferin für ihr Recht: Claudia Pechstein Bild: dpa

Claudia Pechstein präsentiert eine Liste prominenter Sportler als Unterzeichner einer Petition, in der sie das Recht einfordern, ordentliche Gerichte anrufen zu dürfen.

          Mehr als hundert Sportlerinnen und Sportler haben sich dem Kampf Claudia Pechsteins für ihre Rechte angeschlossen. Am Donnerstag präsentierte die fünfmalige Olympiasiegerin im Eisschnelllauf mehr als 120 Unterzeichner einer Petition, in der sie von Sport und Politik das Recht einfordern, ordentliche Gerichte anrufen zu dürfen, statt sich auf Schiedsgerichte des Sports festlegen lassen zu müssen. Damit wenden sich die Unterzeichner, zu denen zwanzig Olympiasieger wie Robert Bartko und Jens Weißflog gehören, auch gegen Paragraph 11 des geplanten Anti-Doping-Gesetzes. „Kein Schiedszwang durch die Hintertür“ lautet die Forderung.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Paragraph 11, der die Schiedsgerichtsbarkeit stärken soll, sei abzulehnen. In der Petition wird die Reform der Sportgerichtsbarkeit in Deutschland und im internationalen Sport verlangt. Dazu gehören die freie und gleichberechtigte Wahl der Richter sowie öffentliche Verhandlung, Prozesskostenhilfe und die Möglichkeit der Wiederaufnahme von Verfahren.

          Gleiches Recht wie Normalbürger fordern die Athleten insbesondere in Sachen Schadensersatz. Claudia Pechstein will den internationalen Eislaufverband (Isu) auf mehr als fünf Millionen Euro Schadensersatz dafür verklagen, dass sie aus ihrer Sicht ungerechtfertigt für zwei Jahre gesperrt und als Doperin verunglimpft wurde. Das Recht auf diese Klage will sie sich vor dem Bundesgerichtshof erkämpfen. Das Verfahren ist von so großer Bedeutung, dass für die Anwaltskosten von 70.000 Euro neben privaten Spendern die Gewerkschaft der Polizei und die internationale Gewerkschaft der Fußball-Profis (FifPro) eintreten.

          Claudia Pechstein rief Athleten auf, die Petition von ihrer Website zu laden und zu unterzeichnen. Sie ist Befürworterin eines Anti-Doping-Gesetzes und glaubt, dass sie in einem Verfahren nach rechtsstaatlichen Grundsätzen nicht gesperrt worden wäre. Eine vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) eingesetzte Kommission führt ihre schwankenden Retikulozytenwerte, welche die Sportrichter 2009 als Hinweis auf Manipulationen deuteten, auf eine ererbte Blutanomalie zurück. DOSB-Präsident Alfons Hörmann hat Frau Pechstein um Entschuldigung gebeten.

          Justizminister Maas verteidigt Sport-Schiedsgerichte

          Justizminister Heiko Maass (SPD), der sich ebenfalls auf einen starken Rückhalt unter Spitzensportlern beruft, sprach sich für eine Stärkung der Schiedsgerichtsbarkeit aus. „Ich halte es für sehr wichtig, dass die Regeln im Wettkampfsport für alle Sportler in gleicher Weise gelten. Und zwar unabhängig davon, ob sie in Deutschland, Äthiopien, Kanada, Russland oder Brasilien leben und unabhängig davon, an welchem Ort der Wettkampf stattfindet. Das ist im Interesse der Sportler und betrifft besonders das Dopingverbot, das der Chancengleichheit dient“, sagte er. „Diese weltweit gleiche Anwendung der Sportregeln können wir am besten über eine Sportschiedsgerichtsbarkeit erreichen. Daher bin ich grundsätzlich – auch im Interesse der Sportler – für Schiedsvereinbarungen im Sport. Die Verfahren vor den Schiedsgerichten müssen aber natürlich rechtsstaatlichen Anforderungen entsprechen, weil sie staatliche Gerichtsverfahren ersetzen sollen.“  Der Entwurf für das Anti-Doping-Gesetz enthalte im Übrigen keinen Zwang zum Abschluss von Schiedsvereinbarungen.

          Der CSU-Abgeordnete Stephan Mayer, innenpolitischer Sprecher der Unionsfraktion und Mitglied des Fraktionsvorstandes, sagte: „Wenn mehr als hundert Spitzensportler an die Politik appellieren, sollten wir diese Bedenken ernst nehmen. Der Fall Pechstein hat offensichtlich viele ihrer Kollegen dafür sensibilisiert, stärker auf die eigenen Grundrechte zu achten. Das ist legitim. Jetzt liegt es an uns Politikern, daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen.“ Das Anti-Doping-Gesetz werde kommen, versprach er. „Aber es bedarf vor seiner Verabschiedung noch einer substantiellen Änderung, damit es kein Gesetz gegen, sondern für die sauberen Sportler wird.“

          Gegen Paragraph 11 will Pechstein notfalls klagen

          Auch Frank Steffel, Obmann der Union im Sportausschuss, fordert, die Verabschiedung des Anti-Doping-Gesetzes solle ein gemeinsames Signal von Regierung und Parlament sowie Sportverbänden und Athleten sein. „Dazu müssen einige Punkte im Anti-Doping-Gesetz geklärt werden“, sagte er. Der DOSB wehrt sich gegen den beabsichtigten Straftatbestand des Besitzes von Doping-Mitteln, der neben der staatlichen Verfolgung von Dopern den Kern des Gesetzes bildet. Darauf hatte sich die Koalition gegen den Willen des Sports geeinigt. Dieser wiederum besteht auf die Stärkung der Sportgerichtsbarkeit durch die Fixierung im Anti-Doping-Gesetz. Das Gesetz müsse nicht im Hau-Ruck-Verfahren verabschiedet werden, sagt Steffel.

          Gegen Paragraph 11 des Anti-Doping-Gesetzes  will Claudia Pechstein notfalls klagen. Ihr  Rechtsanwalt Thomas Summerer kommentiert:  „Es wäre schade, wenn dem Gesetzgeber erst durch eine Verfassungsbeschwerde einiger Spitzensportler aufgezeigt werden müsste, wie man das Gesetz verfassungskonform formuliert.“

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