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1. FC Kaiserslautern : Pfälzer Wahrheiten

Wie als Spieler bei der Meisterschaft 1991 fühlt sich FCK-Vorstand Stefan Kuntz auch heute noch Bild: Picture-Alliance

FCK-Boss Stefan Kuntz war der Held am Betzenberg, nun stellen die Mitglieder Fragen. Es geht um sechs Millionen Euro, die fehlen, und um EU-Zusagen, die es gar nicht gibt.

          Der umstrittene Einsatz von Millionen an Steuerzahlergeld für den Fußball-Zweitligaklub 1.FC Kaiserslautern nimmt immer skurrilere Züge an. Kurz vor der Mitgliederversammlung des wirtschaftlich angeschlagenen Vereins am Sonntag auf dem Betzenberg spitzt sich die Lage zu, müssen sich die Verantwortlichen bei Klub und Kommune sogar die Frage stellen lassen, wie sie mit der Wahrheit umgehen. Es geht immerhin um die Europäische Kommission und die Behauptung des FCK-Vorstandsvorsitzenden Stefan Kuntz, die Wettbewerbshüter aus Brüssel hätten mit einem „EU-Entscheid“ jetzt „grünes Licht“ für das umstrittene Pachtmodell beim städtischen Fritz-Walter-Stadion gegeben.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Das Problem: Bei den zuständigen Experten der EU-Kommission weiß niemand etwas von einer solchen „Entscheidung“. Auf Anfrage der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wurde dort mitgeteilt, dass es „informelle Gespräche“ gegeben habe, in denen nur der rechtliche Rahmen für staatliche Beihilfen dargelegt worden sei. Einen positiven Bescheid mit amtlicher Wirkung gab es nie – auch nicht für den fragwürdigen Deal mit der Stadt beim Nachwuchsleistungszentrum.

          Von „Zukunftsmodell“ ist die Rede

          Der Verein ruderte am Dienstag auf Anfrage zurück. Er sei in der Sache „rechtskonform“ vorgegangen, und es gebe nach „intensiven Gesprächen“ bei der Umsetzung „keine beihilferechtlichen Bedenken“. Die Stadt antwortete gar nicht erst. Nicht zuletzt der Steuerzahlerbund Rheinland-Pfalz kritisiert die langjährige Praxis, nach der die pfälzische Fußball-Institution durch staatliche Mittel wirtschaftlich am Leben gehalten wird – trotz des Missmanagements der Klubführung. Um den verschuldeten Verein zu entlasten, soll die jährliche Miete für die zweite Liga von bisher 3,2 Millionen Euro auf 2,4 Millionen Euro gesenkt werden. Nur im Fall der Erstligazugehörigkeit und sportlicher Großtaten, die derzeit eher unrealistisch erscheinen, soll die Pacht wieder steigen. Das nennt sich dann im Lauterer Jargon „Zukunftsmodell“.

          Gar nicht mehr die Rede ist von den Millionen-Sünden der vergangenen Jahre unter Kuntz mit gestundeten, verschobenen und auf intransparente Weise verrechneten Mietzahlungen. Und weiter: Das Nachwuchsleistungszentrum will der Verein der Kommune für 2,6 Millionen wieder abkaufen, nachdem er es der Stadt einst zur eigenen Entschuldung für sechs Millionen verkauft hatte. Kaiserslautern ist die Kommune mit der höchsten Pro-Kopf-Verschuldung in Deutschland.

          Wo ist das Geld?

          Selbst an der Vereinsbasis mit den Mitgliedern, die besonders innig am Fritz-Walter-Klub hängen, regt sich Kritik. Vor der Mitgliederversammlung wurde die FCK-Führung mit brisanten Anträgen überschüttet. Es geht um Fragen wie nach den Gehältern der Verantwortlichen und Gerüchten, dass Kuntz für seine schwache Vorstands-Performance angeblich exorbitant viel verdienen soll. Für viele Mitglieder passt auch nicht zusammen, dass beim wirtschaftlichen Wackelkandidaten FCK unter Kuntz immer mehr Stellen im Management von fragwürdigem Nutzen geschaffen wurden. Besonders ins Blickfeld ist eine Fan-Anleihe geraten, über die der Verein von seinen Anhängern sechs Millionen Euro eingenommen hat. Das Versprechen: Damit solle das Nachwuchsleistungszentrum zurückgekauft und für die Talentarbeit auf modernsten Stand gebracht werden.

          Nur, ist das Geld noch da? Längst mussten die Vereinsverantwortlichen einräumen, dass das Geld für den laufenden Betrieb verwendet wurde. Aber ist es auch wieder in voller Höhe abrufbar? Insider sorgt der Blick auf die aktuelle Bilanz: Nachdem dort zwar ein kleiner Gewinn von 180.000 Euro ausgewiesen wird, aber im abgelaufenen Geschäftsjahr mindestens auch sechs Millionen Euro durch Sondererträge (Spielerverkauf, Signing Fee eines Vermarkters, Pokaleinnahmen) zugeflossen sind, stellt sich die Frage, was in der Rechnung mit den zusätzlichen sechs Millionen aus der Fan-Anleihe passiert ist. Der Klub müsste eigentlich finanziell besser aufgestellt sein. Alles weg?

          Kritiker werden unter Druck gesetzt

          Vorstandschef Kuntz behauptet mit Rückendeckung des Aufsichtsratschefs Dieter Rombach, der Verein stünde auf „gesunden Beinen“. Aber was ist ihnen noch zu glauben? Wie kann ein Verein gut gewirtschaftet haben, wenn die Stadt die Miete senken muss? Wenn Bilanzen über die Jahre immer wieder eine Überschuldung ausweisen? Auch Rombach musste zwischenzeitlich zugeben, dass seine TV-Aussage, das Geld der Fan-Anleihe liege fest auf einem Konto, offensichtlich nicht ganz der Realität entspricht. Der Software-Professor von der TU Kaiserslautern will am Sonntag in seiner Position wiedergewählt werden. Wer das Geschäftsgebaren von Rombach, Kuntz und Co. kritisch hinterleuchtet, wird vom FCK unter Druck gesetzt. Ganz besonders betrifft das kleinere Medien am Ort, denen in der Vergangenheit schon einmal die Akkreditierung für FCK-Spiele verweigert wurde oder die wie jetzt von Top-Kanzleien mit juristischen Klagen überzogen werden.

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