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Bikini gegen Kopftuch : Bei Olympia treffen Welten aufeinander

  • Aktualisiert am

Bikini trifft auf Kopftuch: Sport verbindet Welten. Bild: AFP

Der Sport gerät beinahe in den Hintergrund, wenn muslimische Athletinnen mit Kopftuch gegen Deutsche im Bikini antreten. Für die Sportlerinnen geht es häufig um mehr als nur um Medaillen.

          Sportlich bot das Beachvolleyball-Spiel zwischen Deutschland und Ägypten keine Überraschung. Nach gut 40 Minuten hatten Laura Ludwig und Kira Walkenhorst die Außenseiter mit 2:0 geschlagen. Die Bilder vom Spiel indes blieben haften: Die Deutschen im knappsten Bikini, die Ägypterinnen mit langen Hosen - und mit Kopftuch. Im Netz wird seitdem darüber diskutiert, was da am Netz zu sehen war.

          Die konservative britische Zeitung „Daily Mail“ schrieb vom „massiven kulturellen Riss zwischen westlichen und islamischen Frauenmannschaften“. Internet-Nutzer schimpften auf die Ägypterinnen. Andere lobten das Ganze als Völkerverständigung und Wiederentdeckung des olympischen Gedankens. Das Kopftuch ist im Fokus, weiß auch Publizistin Sineb el Masrar, Herausgeberin des multikulturellen Frauenmagazins „Gazelle“: „Durch das Kopftuch rückt der Glaube in den Vordergrund und nicht mehr der Sport.“

          Medien weltweit berichteten zuvor schon euphorisch über Ibtihaj Muhammad, die als erste amerikanische Athletin mit dem Hidschab, dem arabischen Kopftuch, bei Olympia antritt und für ihr Land um Medaillen ficht. Und damit ist sie nicht alleine: Zahlreiche andere treten mit Kopftuch an: Die 24 Jahre alte Ayesha Shahriyar M. Albalooshi aus den Vereinigten Arabischen Emiraten wurde als Außenseiterin zwar nur Letzte bei den Gewichtheberinnen, aber trotzdem von den Fans gefeiert. Und auch im Rudern sitzt eine Sportlerin mit Kopftuch im Einer: die 22-jährige Mahsa Java aus dem Iran.

          Im Gefecht für Amerika: Ibtihaj Muhammad

          „Dabei gibt es schon länger muslimische Frauen bei Olympia“ sagt El Masrar. „Und die waren eigentlich viel spannender, weil es damals für Frauen viel schwieriger war, sich durchzusetzen.“

          Vorläuferin Nawal Al Moutawakel

          Die erste Goldmedaille einer arabischen Sportlerin ist immerhin schon 32 Jahre her. Bei den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles gewann die Marokkanerin Nawal Al Moutawakel überraschend über 400 Meter Hürden. Mit schwarzem Lockenkopf. Da war das Kopftuch noch kein Thema.

          „Es gab eine Zeit, da haben viele Frauen im Nahen Osten Sport getrieben“, sagt Soziologie-Professor Geoff Harkness vom Morningside College im amerikanischen Iowa. Er hat mehrere Jahre in der arabischen Welt über den Zusammenhang von Sport und Gesellschaft geforscht. Als die Region nach der islamischen Revolution im Iran 1979 immer konservativer geworden sei, habe sich das auch beim Sport gezeigt, sagt Harkness. Frauen seien ferngehalten worden von den Spielfeldern, sollten nicht gemeinsam mit Jungs Sport treiben oder beim Sport von Männern begafft werden. Wegen ihres internationalen Anspruchs als „Global Player“ könnten es sich viele Länder aber nicht mehr leisten, Frauen vom Sport auszugrenzen.


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          „Qatar versucht seit Jahren, die Olympischen Spiele zu sich ins Land zu holen“, sagt Harkness. „Das geht nur, wenn das Land auch zeigt, dass es Menschenrechte akzeptiert und Frauen am gesellschaftlichen Leben - und dazu zählt der Sport - teilhaben lässt.“ Doch trotz massiver staatlicher Förderung hätten vor einigen Jahren nur gut sieben Prozent der Frauen regelmäßig in Vereinen Sport getrieben. „Das liegt auch an gesellschaftlichen Vorstellungen“, sagt der Soziologe.

          Schon 1984 war das für die marokkanische Olympiasiegerin Al-Moutawakel offensichtlich. „Wir könnten viel mehr große Athletinnen in Marokko haben“, sagte sie damals nach ihrem Sieg. „Viele fangen mit 13 an und hören mit 18 auf, weil ihnen gesagt wird, dass Sport etwas ist, was Mädchen nicht weiter tun sollten.“ Daran ändert sich nach Auffassung des Soziologen Harkness in den vergangenen Jahren erst langsam etwas.

          Chancenlos, aber dabei: Ayesha Shahriyar M Albalooshi

          1993 fanden die ersten „Islamic Countries Solidarity Games“ - die umgangssprachlich als „Olympische Spiele der islamischen Welt“ bezeichnet werden - für Frauen in Teheran statt. Die Spiele von London 2012 waren die ersten, zu denen auch Saudi-Arabien, Qatar und Brunei Frauen schickten und damit erstmals kein Teilnehmerland auf Frauen am Start verzichtete.

          Der Anteil der Frauen bei den Spielen hat zugenommen

          „Sport hat einen ungemeinen Einfluss auf die Gesellschaft“, sagt Harkness. „Er verändert die Menschen, gibt ihnen mehr Selbstbewusstsein.“ Er habe viele junge Frauen kennengelernt, die sich bei den Umbrüchen in der Arabischen Welt engagiert hätten - und die in Sportvereinen aktiv waren. „Frauen im Nahen Osten treiben heutzutage auch Sport, um gegen das männerdominierte System anzukämpfen“, sagt Harkness.

          Dass immer mehr Frauen bei Olympia mit Kopftuch antreten, zeigt aber auch einen generellen gesellschaftlichen Wandel - nicht nur im Nahen Osten. Der Anteil der Frauen bei den Spielen hat zugenommen: Waren 1908 in London nur 27 der 2000 Teilnehmer Frauen, sind es heute rund 45 Prozent.

          Ohne Kopftuch: Doaa Elgobashys Partnerin Nada Meawad (rechts)

          Und auch die Kleidungsvorschriften wurden reformiert, so dass Beachvolleyballerinnen seit 2012 nicht mehr zwingend im Bikini spielen müssen, sondern wie das ägyptische Duo Elghobashy/Meawad langärmelig und mit Kopftuch auf den Sand dürfen.

          Muslimische Sportlerinnen werden in Rio aber auch gefeiert: von westlichen Medien genauso wie von Muslimen. Die Publizistin Sineb el Masrar sieht, wie freudig vor allem Muslime das Bild der ägyptischen Beachvolleyballerin mit Kopftuch im Internet teilen. „Das Foto regt eigentlich dazu an, generell über Frauenkleidung nachzudenken“, sagt El Masrar. „Und über Selbstbestimmung der Frauen.“

          Denn was bei dem Bild mit der ägyptischen Beachvolleyballerin Doaa Elghobashy häufig übersehen wird, als sie am Netz hochsteigt: Ihre Teampartnerin trägt kein Kopftuch.

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