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Sportler des Jahres 2009 : Heute Held – und morgen?

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Die Sportler des Jahres: Steffi Nerius und Paul Biedermann Bild: dpa

Steffi Nerius, Paul Biedermann und die Fußballnationalmannschaft der Frauen sind die „Sportler des Jahres 2009“. Die großen Momente wurden in Baden-Baden bei der Ehrung gefeiert, aber auch die dunklen Seiten des Spitzensports sichtbar.

          Jeder hat das Jahr anders erlebt, Rückblick und Wertung sind immer subjektiv und damit auch ungerecht. Dennoch werden sich viele auf das Ereignis des Jahres in einer Sportarena verständigen können, es war ein zutiefst bewegender Anlass: die Trauerfeier für den freiwillig aus dem Leben geschiedenen früheren Fußball-Nationaltorhüter Robert Enke in Hannover.

          Von vielen kaum wahrgenommen (oder schnell wieder vergessen): der Tod des jungen Leichtathleten und vielfachen deutschen Meister Rene Herms, der im Januar wahrscheinlich an einer Herzmuskelentzündung starb – nach einer sportlichen Durststrecke einsam und fast mittellos. Nach Enkes Tod sind Rücksichtnahme und Einfühlungsvermögen angemahnt worden. Im Spitzensport-Business wird aber beides wohl schnell wieder unter die Räder kommen.

          Das Sportjahr 2009 ist in besonderer Weise geprägt gewesen von Nachrichten, die Zweifel und mitunter auch Verzweiflung ausgelöst haben. Nehmen wir nur die Betrügereien; Schiedsrichter-Bestechungsskandal im Handball, Lügen- und Crash-Affären in der Formel 1, Wettskandal im Fußball, Doping in vielen Sportarten, mit dem Fall Pechstein und den Exzessen der Reiter als unrühmlichen Höhepunkten. Wie sauber waren die Usain-Bolt-Festspiele in Berlin, wie weit treibt es der Spitzensport für Ruhm und Geld? Fairplay und Miteinander sind oft genug auf der Strecke geblieben, wenn die Gier nach Leistung zu groß geworden ist.

          Die Siegerin mit WM-Maskottchen „Berlino”

          Wie vergleicht man Speerwerfen und Schwimmen?

          Wenn man das Jahr Revue passieren lässt, dann kann man diese dunklen Seiten nicht aussparen. Dazu gehören auch lebensgefährliche Stürze im alpinen Skisport und im Bobsport oder die Todesgefahr (die Felipe Massas’ Horrorunfall sichtbar machte) in der Formel 1.

          Bei der traditionellen Proklamation der „Sportler des Jahres“ am Sonntagabend in Baden-Baden ging es in erster Linie darum, Sieger und Sternstunden herauszustellen. Doch die Untiefen und Abgründe wurden nicht ausgespart. Der Spagat zwischen Unterhaltung sowie Emotionalisierung und einer wahrhaften, also eben nicht immer nur strahlenden Jahresbilanz, gelang bei der vom ZDF übertragenen Gala im Kurhaus. Zum 63. Mal liefen die Sportler über den roten Teppich, die Ehrung ist damit drei Jahre älter als die Bundesrepublik.

          Und damit hinein ins Geschehen im Bénazet-Saal und zur ewigen Frage: Wie vergleicht man Speerwerfen und Schwimmen, Diskuswerfen und Formel 1, Fußball und Rudern? Im Kurhaus waren viele Dutzend ehemaliger „Sportler des Jahres“ anwesend, aber eine Antwort auf diese Frage konnte niemand haben. So wie Speerwurf-Weltmeisterin Steffi Nerius, Schwimm-Weltmeister und -Weltrekordhalter (und Phelps-Bezwinger) Paul Biedermann und die Europameisterinnen im Frauenfußball als Mannschaft des Jahres hätten auch die jeweils Nächstplazierten – Britta Steffen (Schwimmen) und Maria Riesch (Ski alpin), Sebastian Vettel (Formel 1) und Robert Harting (Diskuswerfen), der VfL Wolfsburg oder die Ruderer des Deutschland-Achters – auf der Spitzenposition landen können.

          Baden-Baden erlebte, wie immer, auch eine Sympathiewahl

          Und was ist mit Kathrin Hölzl, der Weltmeisterin im Riesenslalom, mit dem Eislauf-Traumpaar Sawtschenko/Szolkowy, was mit Weitspringer Sebastian Bayer (nur Hallen-Europameister?), mit Tischtennis-Seriensieger Timo Boll, mit Radprofi Tony Martin (WM-Dritter im Zeitfahren) oder den Beachvolleyball-Weltmeistern Brink/Reckermann? Die Liste könnte spielend leicht lang und länger werden.

          Baden-Baden erlebte, wie immer, auch eine Sympathiewahl, die neben der reinen Leistung die Persönlichkeit und besondere Umstände würdigte; bei Steffi Nerius etwa ihre Rolle als Trainerin im Behindertensport und die Tatsache, dass der WM-Erfolg im August in Berlin das Ende ihrer großen Karriere markierte. Der Mensch verschwindet nicht hinter dem Resultat. Natürlich wurde auch darüber diskutiert, ob Vettel als Teil eines vielköpfigen Teams und als Abhängiger von teuerster Technik wirklich in diese Parade gehörte. Fest steht: In der Formel 1 reden derzeit alle von „Schumis“ möglichem Comeback. Dabei hat Deutschland in Vettel schon einen potentiellen neuen Weltmeister entdeckt.

          Was ist das Jahr 2009 wirklich wert?

          Fußball ist und bleibt das andere Stammtischthema par excellence: Wären nicht die Junioren-Fußballerfolge von Horst Hrubeschs Mannschaften preiswürdig gewesen? Hätte Felix Magaths Leistung mit den „Wölfen“ nicht eher den ersten Platz in der Mannschaftswertung verdient gehabt? Durfte der „verrückte Harting“ so weit vorne landen?

          Debattiert werden kann nach wie vor das Reizthema der künftig verbotenen High-Tech-Schwimmanzüge: Welchen Anteil hatten sie an der Rekordflut und damit auch an den Titeln von Steffen und Biedermann? Anders gefragt: Was ist das Jahr 2009 – für das Schwimmen, aber auch für die anderen Sparten – wirklich wert?

          Baden-Baden hat Lust gemacht auf das Olympia- und Fußballjahr 2010, mit den Winterspielen in Vancouver und der WM in Südafrika. Aber die Gala hat auch gezeigt, wie fragil mitunter die Bühne für den Spitzensport ist. Heute Held – und morgen?

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