https://www.faz.net/-gtl-11d71

Sport-Kommentar : Kleider machen Sieger

  • -Aktualisiert am

Zeigt her Eure Kleider: Paul Biedermann hat keine Lust mehr auf seine Badehose Bild: dpa

Spitzensportler von heute sind Kinder der Moderne: Skiläufer, Rodler, Bobfahrer, Leichtathleten, Golfer - und selbstverständlich auch die Schwimmer. Entweder Technik-Freak oder ewiger Zweiter.

          2 Min.

          Was soll man nur anziehen? Für den Ball des Sports gibt es eine klare Kleiderordnung: für die Dame das Abendkleid, für den Herrn der Smoking. Wer unter den Sportlern allerdings eingeladen werden will, der muss sich lange vorher, bei der Qualifikation, in Schale geworfen haben. Man darf das inzwischen wörtlich nehmen. Längst macht nicht mehr allein der Muskelaufbau und das Herz-Kreislauf-Training, die pharmakologisch erlaubte wie unerlaubte Unterstützung den Menschen schneller oder stärker.

          Ein weiterer (messbarer) Fortschritt kommt durch Technik. Und das, geneigte Formel-1-Verächter, eben nicht nur im überzüchteten Kreisverkehr. Nein, selbst in den olympischen Kernsportarten, wo sich der Mensch zu seinem Glück allein nur den Elementen zu erwehren hat, fahndet er nach gewinnbringenden Hundertstelsekunden. Gerne darf es mehr sein.

          Selbst der Schwimmer scheint ein Technikfreak

          Deutsche Schwimmer zum Beispiel sehnten sich am Freitag wieder lautstark nach den Teflon-Oberflächen-Anzügen der Konkurrenz, die ihnen bei den Sommerspielen in Peking davonschwamm. Skiläufer, ob nordisch oder alpin, wechseln die Ski, den Wachs, die Schuhe wie die Unterwäsche. Eisschnelllaufsternchen meckern über die zu engen Anzüge oder feilen an der nächsten Klapp-Schuh-Generation. Rennrodler lassen die Kufen zur Härtung mit Ionen beschießen. Golfer optimieren mit Radarmessgeräten Flugbahn, Spin und Weite ihrer Abschläge. Sprinter der Leichtathletik suchen sich die schnellsten Tartanbahnen und verlangen von den Sportartikelherstellern immer leichtere Schuhe. Hauptsache, sie sind um einen Wimpernschlag schneller. Aus dieser Perspektive erscheint auch der Spitzensportler des 21. Jahrhunderts als Kind der Moderne. Selbst der Schwimmer scheint, getrieben von der Siegeslust, ein Technikfreak – oder ewiger Zweiter.

          Der Rückschritt wäre ein Fortschritt

          Kein Zweifel: Die Qualität des deutschen Spitzensports, die Weltmeisterdichte ist immer noch beachtlich, hängt stark mit dem Faible der Deutschen für die Kunst der Erfindung zusammen. 40.000 Ingenieure produziert der Universitätsbetrieb pro Jahr. Was zwar nicht reicht, um Chinas Vorstoß in die Sportelite (400.000 Ingenieure jährlich) unter Industriestaaten zu kontern. Aber inzwischen sickerte hier und da durch, dass allein der unbedingte Glaube an die Kraft des Tüftlers so manchen deutschen Athleten beschleunigt hat. Bobpilot x etwa, der eine bemerkenswerte Verbesserung seines Sportgeräts gespürt haben wollte – obwohl der Kollege Ingenieur den Umbau nur vorgaukelt hatte.

          Die zeternden Schwimmer wird man mit diesen Tricks nicht die Sorge nehmen können, irgendwie nackt dazustehen. Deshalb hilft in diesem Fall nur die Besinnung auf die guten alten Zeiten, auf Olympia in der Antike. Der Rückschritt wäre ein Fortschritt, weil er technische Unterschiede ausgleichen und die Aufmerksamkeit enorm steigern würde: für ein Wettschwimmen im Adams- oder Evaskostüm.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Folgen:

          Topmeldungen

          Christian Lindner hat bei der Grundrente bewiesen: Die FDP lebt. Hier spricht er bei einer Veranstaltung im Dezember 2017.

          Einigung auf Grundsteuer : Die FDP lebt

          Die FDP hat ihre Vetomacht im Bundesrat klug genutzt. Die neue Grundsteuer ist ungewohnt freiheitlich für Deutschland. Ein großes Manko des Steuer-Monstrums bleibt dennoch.
          Das Brexit-Abkommen sei nur ein erster Schritt, dem die Regelung des Verhältnisses zwischen der EU und dem Nichtmitglied Großbritannien folgen müsse, sagt Brexit-Chefunterhändler Michel Barnier.

          Ringen um den Brexit : Gibt es doch noch einen neuen Deal?

          Noch ist in den Brexit-Verhandlungen alles offen. Doch in Brüssel wird bereits mit Argusaugen verfolgt, wie sich jene Unterhaus-Abgeordneten positionieren, auf deren Unterstützung Johnson für ein Abkommen angewiesen ist.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.