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Sport im Ersten Weltkrieg : Tore aus Stahlhelmen

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Abwechslung vom Grauen: Deutsche Soldaten beim Kicken hinter den Linien Bild: picture alliance / empics

Zu Weihnachten 1914 stiegen Soldaten aus Schützengräben und spielten Fußball – mit den Feinden: Der Erste Weltkrieg, sagt CDU-Generalsekretär Peter Tauber im F.A.Z.-Interview, war Katalysator für die Entwicklung des Sports zur Massenbewegung.

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          Sie haben sich in Ihrer Dissertation mit dem Sport im Ersten Weltkrieg beschäftigt und den Beginn der modernen Sport- und Freizeitbewegung just in dieser Zeit festgemacht. War das auch für Sie überraschend?

          Ich hatte mich während des Studiums mit der Frage beschäftigt, wie es kommt, dass der Sport in der Weimarer Republik zu einem Massenphänomen wird. Millionen Menschen organisieren sich auf einmal im Sport, Sportvereine entstehen. Ich konnte mir schlecht vorstellen, dass sich diese Entwicklung ganz plötzlich aus dem Nichts ergab. Man kann ja nicht behaupten, dass das Deutsche Reich Anfang der zwanziger Jahre mit der großen materiellen Not, der hohen Arbeitslosigkeit, den politischen Umbrüchen ein Ort der Glückseligkeit war. Trotzdem übte der Sport diese große Faszination aus.

          Da kamen Sie auf die Zeit vorher?

          Viele Historiker haben sich mit der Erzählung begnügt, dass es während des Krieges im Reich keinen Sportbetrieb gab. Das stimmt zwar weitgehend, denn Sportplätze wurden damals zu Kartoffeläckern umgewidmet. Aber es muss Impulse gegeben haben für diese kulturelle Aufladung, diese Attraktivität des Sports. So bin ich auf den Ersten Weltkrieg als Katalysator für den modernen Sport gestoßen. Der Sport wurde eine Massenbewegung. Allein wenn man den Deutschen Fußball-Bund ansieht: In ihm waren vor dem Krieg 115.000 Fußballer organisiert, in den zwanziger Jahren dann überschreitet die Mitgliederzahl die Millionengrenze. Das ist fast eine Verzehnfachung. Dazu kommt, dass auch in anderen Verbänden Fußball gespielt wurde. Damals war die Sport- und Verbändelandschaft viel unübersichtlicher als heute. Es gab konfessionell geprägte Vereine und Verbände, die Arbeiterturn- und -sportbewegung, die Deutsche Turnerschaft und eben den bürgerlichen Sport.

          Promovierte mit einer Arbeit über den Ersten Weltkrieg und die Sportentwicklung: der Historiker und Politiker Peter Tauber
          Promovierte mit einer Arbeit über den Ersten Weltkrieg und die Sportentwicklung: der Historiker und Politiker Peter Tauber : Bild: Lüdecke, Matthias

          Wir sprechen vom aktiven Sporttreiben ...

          Nicht allein das aktive Sporttreiben wurde zum Massenphänomen. Auch als Unterhaltungsmedium setzte sich der Sport durch: Sechstagerennen, Boxen und selbstverständlich Fußball. Man kann den Sport als wesentliches Element der Massenkultur der Weimarer Republik beschreiben.

          Hat nicht das Militär des Kaiserreiches versucht, den Sport für seine Zwecke zu vereinnahmen?

          Als die Truppenführung den Sport als Unterhaltung für die Männer im Feld entdeckte, war er bei den einfachen Soldaten längst auf seinem Siegeszug. Der Appell, dass ein Soldat seine Einsatzbereitschaft durch Sport sicherzustellen oder zu erhöhen habe, reichte gewiss nicht aus, dass die Männer sich neben ihrem Dienst im Alltag sportlich betätigten oder dass sie begeistert einem Fußballspiel zuschauten.

          Der Sport war schon da, als die Militärführung ihn förderte?

          Viele junge Sportler und Turner meldeten sich kriegsfreiwillig, ganze Fußballmannschaften zogen gemeinsam in den Krieg. Das geschah im Sport in viel größerer Zahl als bei den immer wieder zitierten Studenten. Das erklärt sich auch daraus, dass zu Anfang des Krieges die meisten Soldaten vom Alter her zu den Jahrgängen zählten, die mehrheitlich gern Sport trieben. Turnen war im Kaiserreich bereits eine Massenbewegung. Der Sport wurde es erst. Der DFB etwa wurde ja erst 1900 gegründet.

          Der Sport war nicht unumstritten.

          Gerade deshalb hatten die Verbände ein Interesse daran, ihre gesellschaftspolitische Bedeutung - die körperliche Erziehung durch Sport - zu legitimieren. Sie wollten beweisen, dass Sportler - gut ausgebildet, gut erzogen - geeignet sind, dem Vaterland als Soldaten zu dienen.

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