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WM-Serie: 1982 : Vizeweltmeister mit ramponiertem Ansehen

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Littbarski (vorn) und Deutschland trauern, Italien gewinnt den Titel Bild: picture-alliance / dpa

Bei der WM 1982 in Spanien erreichte Deutschland das Finale und verlor dennoch viel Ansehen. Der „Nichtangriffspakt“ mit Österreich und das brutale Foul von Torwart Schumacher am Franzosen Battiston überschatteten den Erfolg. Die WM-Serie von FAZ.NET.

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          Jeden Montag und Freitag blickt FAZ.NET bis zum Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft in einer Serie auf die vergangenen Turniere zurück. Der zwölfte Teil beschäftigt sich mit dem Turnier 1982 in Spanien.

          Als Europameister gehörte die unter Bundestrainer Jupp Derwall in 23 Spielen in Serie unbesiegte deutsche Nationalmannschaft zu den Mitfavoriten der Fußball-Weltmeisterschaft vom 13. Juni bis 11. Juli 1982 in Spanien. Schumacher, Rummenigge & Co. wurden tatsächlich Vizeweltmeister, doch ihr Ansehen war nach der Endrunde ramponiert. Enttäuscht vom schwachen Auftreten und zornig über den Skandal von Gijon gingen die Fans in der Heimat nach der 1:3-Pleite im Endspiel gegen Italien schnurstracks zur Tagesordnung über.

          Vor allem der „Nichtangriffspakt“ im letzten Vorrundenspiel gegen Österreich wurde der Derwall-Mannschaft nicht verziehen. Nach dem blamablen 1:2 gegen Algerien und dem 4:1 gegen Chile hatte das 1:0 gegen Österreich, das Horst Hrubesch in der 10. Minute erzielte, zum Weiterkommen gereicht. Schon vor dem Anstoß war klar, daß auch der Nachbar bei diesem Ergebnis in die Zwischenrunde einziehen würde.

          Torwart Dino Zoff: Mit 40 Jahren Weltmeister
          Torwart Dino Zoff: Mit 40 Jahren Weltmeister : Bild: AP

          „22 sportlichen Ganoven“

          Die „stille Übereinkunft von 22 sportlichen Ganoven“, wie der 66er Vize-Weltmeister Willi Schulz den bilateralen Verrat an der Fairness bezeichnete, empörte den Sport und die Fußball-Welt, die erstmals eine WM mit 24 Teilnehmern sah. Mit Banknoten wedelnd quittierten die Zuschauer den Standfußball, der als „Skandal von Gijon“ in die Geschichtsbücher einging.

          Zum Skandal nach dem Skandal wurden die Kommentare von manchen Beteiligten. „Was interessiert mich das, wenn Tante Frieda zu Hause Zirkus macht“, sagte Uwe Reinders. Er hatte die Tragweite der als Betrug empfundenen Darbietung ebenso nicht erkannt wie Österreichs Delegationsleiter Hans Tschak, der so zitiert wird: „Natürlich ist heute taktisch gespielt worden. Aber wenn jetzt deswegen hier 10.000 Wüstensöhne im Stadion einen Skandal entfachen wollen, zeigt das doch nur, daß die zu wenig Schulen haben. Da kommt so ein Scheich aus einer Oase, darf nach 300 Jahren mal WM-Luft schnuppern und glaubt, jetzt die Klappe aufreißen zu können.“

          Das „Drama von Sevilla“

          Jupp Derwall hatte 1978 Helmut Schön, den Trainer mit den bis heute meisten WM-Einsätzen (25), abgelöst. Ohne den „blonden Engel“ Bernd Schuster, aber mit dem viel gepriesenen Geist von Schluchsee - bald in „Schlucksee“ umbenannt - mogelte sich seine Mannschaft in die Zwischenrunde. War der sportliche Ruf nach den ersten Auftritten schon angekratzt, war es nach Gijon auch der moralische.

          Doch die DFB-Auswahl konnte auch anders. Einem torlosen Spiel gegen England und einem 2:1 gegen Spanien folgte ein Halbfinale, das nicht nur Klasse und Rasse hatte, sondern auch unglaubliche Dramatik bot. Gegen Frankreich zeigte sich die verunsicherte und teilweise zerstrittene Derwall-Elf von ihrer besten Seite und gewann das „Drama von Sevilla“ mit 8:7 nach Elfmeterschießen - dem ersten der WM- Geschichte.

          Schumachers brutales Foul

          Karl-Heinz Rummenigge und Klaus Fischer per Fallrückzieher hatten in der Verlängerung den 3:1-Vorsprung Frankreichs ausgeglichen, nachdem es am Ende der ersten 90 Minuten 1:1 gestanden hatte. Den entscheidenden Elfmeter schließlich verwandelte Hrubesch. Als Matchwinner durfte sich aber der wegen einer Oberschenkelzerrung gehandicapte Rummenigge fühlen. Der erwartete Glanz ging freilich weder von ihm aus, noch vom Argentinier Maradona oder dem Brasilianer Zico, die beide mit ihren Teams in der Zwischenrunde an Italien scheiterten.

          Derwalls Mannschaft zog zwar ins Endspiel ein, aber der Jubel hielt sich in Grenzen. Die Wogen nach dem Skandal von Gijon waren längst noch nicht geglättet, da sorgte Torhüter Harald Schumacher im Halbfinale mit einem brutalen Foul gegen den Franzosen Patrick Battiston für einen weiteren Aufschrei der Fußball-Gemeinde. Das Wort vom „häßlichen Deutschen“ machte abermals die Runde. Mit Arroganz und obszönen Gesten hatte es sich „Kumpel Toni“ schon zuvor mit den deutschen Schlachtenbummlern verscherzt, die er als „arme Irre“ bezeichnete.

          „Ich zahl' ihm die Jacketkronen

          Nach seinem üblen Luftangriff auf den Franzosen, der drei Zähne verlor und ohnmächtig liegen blieb, protzte der Kölner zynisch: „Ich zahl' ihm die Jacketkronen.“ Auf Drängen seines Clubs, dem 1. FC Köln, fuhr Schumacher Wochen nach der WM zu Battistons Hochzeit und entschuldigte sich zähneknirschend. „Bis jetzt wußte ich nicht, daß man auf dem Fußballplatz sterben kann“, sagte Battiston mit einer Gips-Manschette um den Hals bei dieser Verbrüderungs-Show.

          Für die beste Leistung der WM sorgte Paolo Rossi mit Eleganz, Gewandtheit und gerissenem Zweikampfverhalten. Dabei sollte der Stürmer von Juventus Turin ursprünglich gar nicht mitfahren, weil er 1980 in einen Bestechungsskandal verstrickt und für zwei Jahre gesperrt worden war. In den ersten vier Spielen ging Rossi leer aus. Doch in der Finalrunde erzielte er gegen Brasilien drei Tore, schoß beim 2:0 gegen Polen im Halbfinale beide Treffer und beim 3:1 im Finale gegen Deutschland das erste Tor. Mit sechs Treffern holte er sich die Torjägerkrone der WM, bei der Torhüter Dino Zoff mit 40 Jahren und 133 Tagen zum bis heute ältesten Weltmeister wurde.

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