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Snooker-Star O’Sullivan : „Ich lebe nach meinen eigenen Regeln“

Der berühmteste Snooker-Spieler der Welt: Der 39 Jahre alte Engländer Ronnie O’Sullivan ist immer hoch konzentriert Bild: Picture-Alliance

Einst stopfte Ronnie O’Sullivan Schokoriegel in sich rein und rauchte eine Zigarette nach der anderen. Im Interview spricht der Snooker-Profi über schlechtes englisches Essen, den Preis des Erfolgs und die Psychospiele seiner Gegner.

          5 Min.

          Sie gelten als Fitness-Freak. Ist das nötig in einem Sport, in dem man sich nur wenig und langsam bewegt?

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Bei euch in Deutschland scheinen die Menschen viel besser auf sich zu achten als in England. Hier in England haben wir eine Epidemie. Man isst viel mehr industriell hergestelltes Essen, viel Zeug, was nicht gut für einen ist. Man kann sich leicht davon anstecken lassen und dick werden. Ich hatte selbst jahrelang Gewichtsprobleme.

          Sie schilderten in Ihrem „Eurosport“-Blog, wie Sie bei Turnieren im Hotel Schokoriegel in sich stopften und eine Zigarette nach der anderen rauchten.

          Heute ist es mir wichtig, gesund zu leben. Ich mache Fitnesstraining, bewege mich viel. Ein Tag, an dem ich nichts für mich getan habe, ohne Fitnessübungen oder Fußball, Boxen oder Laufen, ist für mich ein verlorener Tag.

          Sie gewannen im Dezember die UK Championship, eines der drei großen Turniere des Snooker, mit gebrochenem Fußgelenk, nach einem Fehltritt beim Waldlauf. Ist der Fuß wieder okay?

          Ja, ich laufe seit ungefähr einem Monat. Bin sehr froh darüber. Ich passe jetzt gut auf den Fuß auf.

          Dasselbe Turnier hatten Sie zum ersten Mal vor 21 Jahren gewonnen, als 17 Jahre alte Sensation. Welchen Ronnie O’Sullivan mögen Sie lieber, den von damals oder den von heute?

          Sie sind beide gut. Mit 17 war ich furchtlos. Mit 39 lebe ich bewusster, habe viele Kämpfe durchgestanden, bin nicht mehr so sorglos. Ich bin ein anderer Spieler, ich musste mich neu erfinden. Aber ich mag beide.

          Sind Sie ein besserer Spieler geworden?

          Ein anderer. Mit 17 habe ich bei jeder Gelegenheit attackiert. Heute lese ich ein Spiel, eine Situation, habe ein größeres Gespür für das, was passiert. Ich bin viel geduldiger geworden.

          Wie hat sich Ihre Motivation über die Jahre entwickelt?

          Als junger Kerl war es vor allem aufregend. Alles, was ich hoffte, war, dass Snooker mein Job bleiben würde für den Rest meines Lebens. Ich fühlte mich wie der größte Glückspilz der Welt.

          O’Sullivan: „Es fällt mir an manchen Tagen schwer, mich noch zu motivieren.“ Bisher erspielte er sich rund acht Millionen Pfund Preisgeld.
          O’Sullivan: „Es fällt mir an manchen Tagen schwer, mich noch zu motivieren.“ Bisher erspielte er sich rund acht Millionen Pfund Preisgeld. : Bild: Picture-Alliance

          Und heute?

          Habe ich alles erreicht, was man erreichen kann. Es fällt mir an manchen Tagen schwer, mich noch zu motivieren. Dann muss ich sehr mit mir kämpfen und mich dazu zwingen, Snooker zu spielen. Und ich komme nun in das Stadium, in dem ich diesen Kampf nicht mehr will. Der Erfolg hat seinen Preis, du musst dafür arbeiten und diszipliniert sein. Aber er ist mir nicht mehr so wichtig. Ich bin nicht bereit, genug Opfer dafür zu bringen. Ich bin zufrieden.

          Verbringen Sie weniger Zeit am Snookertisch als früher?

          Viel weniger. Früher stand ich pro Woche rund 35 Stunden am Tisch zum Trainieren. Heute sind es nur noch zwischen zwei und zehn Stunden pro Woche. Auch meinen Turnierplan verringere ich, soweit es geht. Sechzig Tage im Jahr reichen mir. Ich mag das Reisen nicht mehr. Snooker ist global geworden, man geht nach China, Thailand, Australien. Für jüngere Spieler ist das aufregend, für mich nicht mehr. Ich will nicht aus dem Koffer leben.

          Obwohl Sie weniger trainieren und weniger spielen, hatten Sie 2014 das beständigste Jahr Ihrer Karriere.

          In meiner frühen Karriere habe ich mich selbst unter großen Druck gesetzt. Jeder hat Druck, aber ich habe gelernt, damit umzugehen. Ich habe gelernt, viel mehr zu entspannen, zu genießen. Ich spiele nur noch zum Vergnügen. Das hilft mir, viel beständiger zu sein. Deshalb spiele ich schon seit 2012, seit drei Jahren, das wohl beste Snooker meiner Karriere.

          Wenn Sie nur noch ein Drittel der Zeit trainieren wie früher - müssen Sie also nichts mehr wirklich lernen, nur im Spielfluss bleiben?

          Im Snooker geht es sehr viel darum, Dinge zu wiederholen, zu automatisieren. Aber mir geht es nicht mehr so sehr darum, Turniere zu gewinnen oder die Nummer eins der Welt zu sein. Für mich ist es ein Hobby, ein Zeitvertreib, der mir viele andere Dinge ermöglicht. Zum Beispiel, mein eigener Boss zu sein.

          Und als Ihr eigener Boss nehmen Sie sich die Freiheit, das Nebensächliche wegzulassen und sich auf die großen Matches zu konzentrieren?

          Ich habe in meinem Leben kein Gefühl erlebt, das dem vergleichbar ist, bei einem großen Turnier zu spielen, auf der großen Bühne zu stehen, an einem Tag, an dem ich auf dem Gipfel meines Könnens bin. Nichts kommt dem nahe. Es fällt mir sehr schwer, zu beschreiben, wie das ist. Das Einzige, was ich sagen kann: Es ist das beste Gefühl der Welt.

          Wie oft passiert das?

          Es gibt vielleicht drei oder vier Turniere in einer Saison, wo das passiert, wo alles leicht und mühelos wird. Wenn man richtig Lust auf den Wettkampf hat und es gar nicht abwarten kann, wieder an den Tisch zu kommen.

          Eine von zahlreichen Trophäen. Ronnie O’Sullivan hat schon alles erreicht was man erreichen kann.
          Eine von zahlreichen Trophäen. Ronnie O’Sullivan hat schon alles erreicht was man erreichen kann. : Bild: AP

          Wie sehr brauchen Sie das Publikum?

          Ich zeige den Leuten natürlich gern, was ich kann. Ich weiß, dass sie es lieben. Und dass sie noch keinen anderen gesehen haben, der so spielt wie ich. Ich bin der wahrscheinlich einzige Mensch auf dem Planeten, der ihnen das zeigen kann. Aber ich brauche die Zuschauer nicht, um den Antrieb zu spüren, mein Bestes zu bringen. Ich mag es, gut zu spielen, ob jemand zuschaut oder nicht.

          Suchen Sie in jedem Stoß die Perfektion? Oder wählen Sie manchmal eine Aktion, die nur psychologisch wirken, Ihren Gegner verunsichern soll?

          Früher dachte ich, dass es den perfekten Stoß gebe - aber es gibt keine Perfektion. An manchen Tagen scheint es so, wenn alles leichtfällt. Aber man macht immer noch Fehler. Heute ist mir das egal, denn ich weiß, ich bekomme immer noch eine Chance, die Partie zu dominieren.

          Und die Psycho-Spiele?

          Ich spiele nie psychologische Spiele. Mir reicht die psychologische Wirkung, die entsteht, wenn ich einfach nur mein bestes Snooker spiele. Das setzt meinem Gegner zu, das reicht.

          Nervt es Sie, wenn Gegner solche Spielchen mit Ihnen versuchen?

          Manche tun es, nehmen das Tempo aus dem Spiel. Dann kommt keine Intensität in die Partie, das ist langweilig und manchmal schwierig für mich. Ich habe das nie so versucht. Als Stephen Hendry der Beste der Welt war und ich neu in die Szene kam, hatte ich nur einen Plan: mein Spiel zu verbessern, bis es besser ist als seins. Ich wollte, dass er sein bestes Spiel zeigt und ich ihn trotzdem besiege. Den Gegner zu nerven, damit er schlechter spielt, das war nie meine Philosophie.

          Im April wollen Sie zum sechsten Mal Weltmeister werden. Das Turnier im Crucible Theatre in Sheffield dauert 17 Tage, manches Match länger als zehn Stunden. Wie kann man sich so lang konzentrieren?

          Du kannst nicht 17 Tage lang gut spielen. Um die WM zu gewinnen, brauchst du neben guter Form die richtige mentale Einstellung und musst hochprofessionell sein. Wenn ich zur WM gehe und sage: mal sehen, was so geht, dann werde ich sie wahrscheinlich nicht gewinnen.

          Wie sehr interessieren Sie historische Rekorde? Sie haben schon 13 „Maximum Breaks“ (je 147 Punkte) und 786 „Centuries“ (Aufnahmen von über 100), beides Bestmarken.

          Beides ist großartig. Aber ich glaube nicht, dass ich Hendrys Rekord von sieben WM-Titeln brechen werde. Steve Davis gewann die UK Championship sechs Mal, ich fünf Mal, Hendry gewann sechs Masters, ich fünf. Ich habe einige ihrer Rekorde gebrochen, aber weißt du was? Ich lasse ihnen einige. Ich kann nicht alle haben.

          Reizt es Sie, Olympiasieger zu werden, falls Snooker 2020 in Tokio ins Programm aufgenommen wird?

          Nein. Ich finde nicht, dass Snooker ein olympischer Sport ist, so wie Rudern oder Leichtathletik, wo Sportler vier Jahre ihres Lebens opfern, um eine Goldmedaille zu gewinnen.

          Sie sind in England ein Star weit über Snooker hinaus, auch im Rest der Welt wächst Ihre Bekanntheit. Wie gehen Sie damit um?

          Ich bin eine öffentliche Figur, viele Menschen erkennen mich, jubeln mir zu, dafür bin ich dankbar. Aber ich verteidige mein Privatleben. Ich kann nicht 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche Ronnie O’Sullivan, der Snookerspieler sein. Da würde ich verrückt.

          Sie wirkten früher manchmal wie ein Getriebener. Fühlen Sie sich heute wie ein freier Mann?

          Ich liebe es. Freiheit ist großartig. Nichts ist besser. Das Beste, das Gott und dieser Planet mir gaben. Ich mache nur das, was ich will, und ich mache einen guten Job. Ich lebe nach meinen eigenen Regeln. Solange du deinem Herzen, deiner Leidenschaft folgen kannst, hast du ein gutes Leben.

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