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Skispringen : Halbbittere Halbzeitbilanz

Nur scheinbar nah: Der Gipfel der Skispringer Bild: dpa

Martin Schmitt liegt nach zwei Springen bei der Vierschanzentournee auf Platz drei. Noch ist der Gesamtsieg in Reichweite.

          3 Min.

          Martin Schmitt verzog schon im Auslauf von Garmisch sein Gesicht zu einer Grimasse. Die gerade gesprungenen 117,5 Meter würden nicht reichen, das war klar. Wieder eine kleine Pleite in Partenkirchen. Also schnitt Schmitt Fratzen, direkt in die Zielraumkamera, die live geschnitten wurde. Diese Lektion hat Martin schon lange gelernt. Im Fernsehen Emotionen zeigen, kommt gut.

          Sonst gilt er ja eher als Mister „cool men“. Schläft, sobald er die Vorhänge zugezogen hat. Sogar an Sylvester, wenn draußen die Böller krachen. Springt, auch wenn die Thermik ihn bis in die ersten Zuschauerreihen zu treiben droht. Wie in Oberstdorf, wo er im zweiten Durchgang zum Schanzenrekord flog, und das Publikum rasend wurde vor Begeisterung. Springt nicht, wenn die Thermik schlecht ist und er nicht unbedingt muss. Auch wenn seine Fans murren. Wie beim Training in Garmisch, wo er auf die Qualifikation verzichtete. „Ich bin in erster Linie Skispringer, und erst danach ein netter Kerl“, sagt er dazu lapidar.

          Halbzeitbilanz mit Rückstand

          Cool bleiben, lautet die Devise von Martin Schmitt auch am Grenzübergang der Vierschanzentournee. Nach zwei Springen liegt der große Favorit nur auf Platz drei der Gesamtwertung: 18,5 Punkte hinter dem Japaner Noriaki Kasai, das sind gute zehn Meter. Die wären aufzuholen bei noch vier ausstehenden Sprüngen. Allerdings springt Kasai technisch so stark, dass ihm die Punktrichter beinahe blind hohe Haltungsnoten geben. In Garmisch bekam er für seinen ersten Sprung fünf Mal die 19,5. Besser geht es kaum.

          Schmitt muss also schon deutlich weiter springen als der elegante Japaner, um ihn noch zu überflügeln. Aber da ist auch noch der Rekordjäger Adam Malysz. Bei ihm ist die Haltung zwar zu vernachlässigen, aber die Sprungkraft unübertroffen. Wäre Skispringen Skiweitspringen, hätte Malysz in Garmisch viereinhalb Meter vor Kasai gelegen.

          Die Konkurrenz ist also stark, aber Schmitt und sein Umfeld versuchen, locker zu bleiben. „Es ist erst Halbzeit. Da kann noch alles passieren“, sagt der Milka-Mann. Kann er die Tournee wirklich noch gewinnen? „Ich versuche es.“ Trainer Reinhard Heß bläst ins gleiche Horn: „Wir werden wieder angreifen. Noch ist der Sieg drin.“ Durchhalteparolen vor dem Auslandsaufenthalt, nachdem in der Heimat doch wieder das alte Trauma aufbrach.

          Kein Glück in Garmisch

          Achter Platz in Garmisch-Partenkirchen, schon im vergangenen Jahr hatte er da als Elfter den Tourneesieg vergeigt. „Immerhin drei Plätze besser als im vergangenen Jahr“, rechnet Schmitt: „Ich steigere mich.“ Dass es ein Fehler war, den Qualifikationssprung auszulassen, will er auch am Tag danach noch nicht einsehen: „Ich musste den Sprung auslassen, weil ich Ruhe brauchte.“ Immerhin habe er zwei gute Trainingssprünge absolviert, auf 115 und 121 Meter. Das musste reichen.

          Er schien die ungeliebte Schanze im Griff zu haben. Im Wettkampf waren dann dummerweise gerade bei ihm die Aufwinde weg: Skispringen ist eben auch Glücksache, „ich sehe das locker“, sagt Schmitt: „Ich will keine Ausreden finden.“ In Innsbruck heißt es neues Springen - neues Glück.

          Aufbruch nach Innsbruck

          Am Dienstag haben die Bretter Pause. Reise- und Ruhetag steht auf dem Programm. Dazu Jogging und Massage. Noriaki Kasai verzichtet diesmal auf sein geliebtes Fußballtraining. Dabei hatte er sich vor Jahren einmal den Fuß verknackst und seine Siegchancen begraben. Diesmal hält er die Bälle flach.

          Auch Martin Schmitt spielt gerne Fußball. Nicht so gerne springt er auf der Bergisel-Schanze. Auch sie ist eine alte Anlage. Auch auf ihr hat Martin Schmitt schon einen Tourneesieg vergeigt. Vor zwei Jahren, damals hatte er in Oberstdorf und sogar in Garmisch gewonnen. Die Schmitt-Mania stieg einem ersten Höhepunkt entgegen, da stürzte er in Innsbruck auf Platz 13 ab.

          Schnee von gestern? Immerhin ist Schmitt der einzige Sieganwärter, der seit drei Jahren um den Gesamtsieg mitspringt. Auch das sollte gewürdigt werden. Kasai war 1999 / 2000 nur 20., Malysz gar nur 31. Vorjahressieger Widhölzl liegt dieses Jahr zur Halbzeit auf Platz 31, und sein finnischer Vorgänger Ahonen guckt als Fünfter noch missmutiger als gewöhnlich an seinen Gesprächspartnern vorbei. Da ist Martin Schmitt schon ein angenehmerer Zeitgenosse. Er strahlt mittlerweile auch nach Niederlagen, und orientiert sich bei seiner Prognose an einer anderen deutschen Sportikone. Schmitts Tipp für Innsbruck und den Gesamtsieg: „Schau mer mal.“

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