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Freerunning : Lauter Katzen und ein Affe

  • -Aktualisiert am

Seinen Backflip behält er für sich: Der Autor beim Selbstversuch Bild: Cunitz, Sebastian

Bewegung ohne Einschränkungen und Grenzen: Freerunner leben die Freiheit auf zwei Beinen. Für Außenstehende ist das eine bedrückende Erfahrung.

          5 Min.

          Es ist, als ob jemand plötzlich die Schleusen öffnete. 30 junge Kerle fluten die Halle wie Kinder einen neuen Abenteuerspielplatz, haben sich des Ortes im Nu bemächtigt. Sie laufen federnden Schrittes und betasten die Dinge dieser fremdartigen Welt, in die sie hineingetappt sind. Sie tragen fluffige Hosen, Kapuzenpullover, Rucksäcke auf dem Rücken, Cappys auf dem Kopf, die inoffizielle Uniform der Freerunner. So etwas hat die blitzsaubere, mit Matten und Geräten vollgestellten Halle des Leistungszentrums des Deutschen Turner-Bundes an der Frankfurter Otto-Fleck-Schneise noch nie erdulden müssen.

          Die drei Turner, die gerade noch ihre Übungen gemacht haben, schauen gequält drein und ziehen sich in eine Ecke an die Sprossenwand zurück. Es ist der Moment, in dem olympisch auf freiheitlich, alt auf neu, Turnvater Jahn auf die Kunst von Jason Paul trifft oder besser: prallt.

          Jason Paul gehört zu den Besten der Welt

          Die Turner haben nicht gewusst, dass an diesem Samstagnachmittag ihr Revier von der „Red Bull Wings Academy“ für einen Freerunning-Workshop gemietet worden ist. Jason Paul gehört zu den Besten der Welt, in dem, was er tut. Der gebürtige Frankfurter ist einer der Pioniere der Bewegung, ein Idol. Was Freerunning genau ist? Schwer zu sagen. Ein Hybrid aus Sport und Kunst. Das Treppenhaus benutzen, ohne Treppen zu nehmen. Laufe von A nach B, aber bitte so spektakulär wie es geht, zelebriere den Schnörkel, suche den Extra-Kringel mit Sprung, Überschlag, Schraube und so weiter. Kurzum: Nutze deine Umgebung, bewege dich, und sei kreativ dabei. Also genau das, was ich als gebürtiger Hockey- und Tennisspieler nicht bin, nicht kann und bislang auch nicht ganz verstanden habe.

          Die Sonne scheint durch die Panoramafenster. Eine mitgebrachte Box erfüllt die Halle mit beatlastiger Musik. Jason versammelt die 14- bis 20-jährigen Jungs um sich - sie haben sich mit Videoschnipseln ihres Könnens für die Teilnahme beworben und sind vom 22 Jahre alten Meister persönlich ausgewählt worden. Unter den T-Shirts wölben sich athletische Körper, eher geschmeidig als muskulös. Jason stellt mich vor: „Das ist Alex, der kommt von ‘ner Zeitung und macht heute bei uns mit. Seid nett zu ihm!“ Ich empfinde es als sehr nett, dass keiner fragt, was ich so draufhabe und unter welchem Namen ich meine „Runs“ bei Youtube einstelle.




          Denn die Jungs sind im Nu in ihrem Element, machen die Turnhalle zu ihrer Arena, ihrem Spielplatz, ihrem Paradies. Ich kann die Energie förmlich sprudeln hören, als sie sich ans Werk machen. Sie zäumen das Pauschenpferd von hinten auf, sie vollführen Übungen am Reck, die selbst ein Hambüchen wohl noch nicht in Betracht gezogen hat, und applaudieren sich zu den witzigsten und kreativsten Abgängen. Sie gehen die Wände hoch und landen stets wieder auf den Füßen. Sie hechten mit mächtigem Anlauf auf den Sprungtisch, landen auf Knien, rutschen vorwärts, stoßen sich an der Kante mit den Füßen ab und landen nach Überschlag und halber Schraube auf der weichen Matte.

          Ich mache mich zum Affen

          Ich hänge wie ein nasser Sack am Reck. Ich mache einen lächerlichen Fußsprung in die Schnitzelgrube, der zum Fremdschämen Anlass gäbe. Ich mache mich zum Affen unter lauter geschmeidigen Katzen. „Du hast zwei Arme und zwei Beine. Nutze sie“, sagt Jason, dessen 1,76 großen und 85 Kilogramm schweren Körper ein einziger Muskelpanzer umgibt. Jeder so gut - das künstlerisch wertvolle Unerwartete - oder so erbärmlich wie er kann. Ich fühle mich wie ein Nichtschwimmer bei der Wasserball-Nationalmannschaft. Wie einer, der nicht Schlittschuhlaufen kann und beim Eishockey-Erstligaklub Kölner Haie anfragt, ob er mal mitmachen darf.

          Jason nimmt mich unter seine Fittiche. Weg von Trampolin, Barren und Reck, hin zu dem Kasten, der etwas verloren am Rande steht. Mit seinen Kumpels, alles Freerunner, lebt Jason viele Monate im Jahr in Bangkok - der thailändische Moloch eignet sich in Verbautheit und Verfall perfekt für ihre „Runs“. Der Profi-Freerunner trägt eine Hose, die an jene der Punkrocker der „Toten Hosen“ in den achtziger Jahren erinnert. Ich habe vor wenigen Stunden noch ratlos vor dem Kleiderschrank gestanden.

          Zu finden waren Hockey-, Tennis-, Lauf- und Radlerhose - keine reicht über die Knie, altbackener und uncooler gehts ja gar nicht. Ich hadere, wie man mit Anfang dreißig schon so vollends entkoppelt sein kann von der Welt der Kids. Ich entschied mich für meine vermeintlich coolste Hose und das vermeintlich coolste T-Shirt.

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