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Segeln : „Vendée Globe“: Der Sieger geht leer aus

  • -Aktualisiert am

Freudenfeuer im Ziel: Ellen MacArthur Bild:

Michel Desjoyeaux gewinnt souverän die „Vendée Globe“. Ellen MacArthur aber segelt sich in die Herzen der Menschen.

          Diese Frau ist ein Phänomen. Über drei Monate war sie allein auf See, hat drei Ozeane durchsegelt, mit Speeds, vor denen die meisten Fahrtensegler blanke Angst empfinden. Draußen auf dem Ozean hat sie immer alles im Griff gehabt. Sie meisterte mit Leidenschaft und Willen schwierige Situationen, Einsamkeit, Hitze, Kälte und Gefahren - eine bravouröse erste Vendée Globe Challenge.

          Öffentlichkeit, Medien und Konkurrenz sind voller Jubel über die Engländerin Ellen MacArthur. Die Zeitungen daheim feierten sie an den letzten sieben Renntagen auf den Titelseiten. Regatta Experte James Boyd sprach in der BBC gar von durchschlagenden Effekten auf die Segelei und fand auch eine Erklärung für ihre Popularität: „Sie kommt nicht aus der Gin-Tonic- und Blazerträger-Szene des Sports. Sie nimmt dem Segeln das Elitäre, sie ist ein ganz normaler Mensch.“

          Schätzungen zufolge sind um die zwei Millionen Menschen in das vorsaisonale Les Sables d'Olonne an der französischen Atlantikküste gepilgert, um die ersten beiden Boote der Vendée Globe heimkehren zu sehen. Am 11. Februar kurz vor 20 Uhr knattert eine Handvoll Hubschrauber über das Wasser vor Les Sables, die Suchscheinwerfer fest auf ein Objekt gerichtet, auf „Kingfisher“. Die 24-jährige Britin manövriert ihren Open 60 kurz vor der Ziellinie durch den Wind. Ein letztes Mal bei der Vendée, die für sie 94 Tage gedauert hat.

          Als sie die Linie passiert, verbirgt sie das Gesicht in den Händen, fällt auf die Knie, küsst ihre Yacht, Tränen fließen. Die jüngste Teilnehmerin aller Zeiten und zugleich die schnellste Frau auf dem Parcours um die Welt hat es geschafft. Als Zweite hat die Ausnahmeseglerin das Ziel erreicht. Da gibt es kein Halten mehr: Hurra-Rufe, Sirenengeheul, Blitzlichtgewitter. Das kalte Wasser der Biskaya schäumt von den Strudeln unzähliger Boote, als würde es überkochen. Darunter auch Freunde mit ihrer „Iduna“, einer Corribee 25, auf der MacArthur nach dem Schulabschluss gewohnt hat. Auf dem River Hamble, um näher an der Bootsbauerszene zu sein.

          Sie hat die Erde umrundet, aber versteht die Welt nicht mehr. Der Rummel um ihre Person wird ihr zu viel. „Thanks Kingfisher, see you later“, kann Ellen nur noch stammeln und springt auf den Steg, der vor Menschen fast untergeht. Von Bord möchte sie eigentlich gar nicht: „Ich kann mir ein Leben ohne mein Boot nicht vorstellen. “ Die Szene überwältigt. Alle wollen Zeuge von Ellens ersten offiziellen Worten werden. Sie erklären zum Teil, warum MacArthur in wenigen Jahren zur Leitfigur einer Generation geworden ist: „Jeder Mensch kann und muss seinen Traum leben. Meiner hat mit Segeln zu tun. Aber das ist eigentlich Nebensache. “

          Der „Professor“, so der Branchenname des penibel-analytischen Siegers Michel Desjoyeau, war da etwas cooler, als er die Ankunftsprozedur, fast exakt 24 Stunden früher als MacArthur, über sich ergehen ließ. Mit ausgebreiteten Armen stand der Mann, der alle Tricks beim Einhandsegeln kennt, im Bugkorb seiner Lombard-Finot-Flunder und schwenkte in beiden Händen eine Fackel. Seine ersten Worte: „Im Dunkeln ankommen ist cool. Da gibt's immer Feuerwerk. “ Er ist Trubel gewohnt. Die vielen Male, die er die Ziellinie einer Einhandregatta als Sieger überquerte, haben ihm eine gegen Rampenlicht gegerbte Haut verpasst.

          Seinen ersten ernst gemeinten Kommentar widmete er Ellen, die ihn um den Globus gehetzt hatte: „Sie ist ein Wunder. Ich fühle mich, als ob ich in den letzten zehn Jahren alles falsch gemacht hätte. “ Dabei segelt Desjoyeaux seit seiner Jugend auf höchstem Niveau. Kaum jemanden wundert, dass dieser Mann seine erste Vendée gleich gewinnt. Angesichts des phänomenalen Siegeszugs Ellens in der Öffentlichkeit aber stellt sich die Frage nach dem Wert seines Erfolgs.

          Spätestens seit dem Zusammenstoß mit einem Container zwei Wochen vor dem Ziel hatte Ellen MacArthur für Sinnfragen keine Zeit mehr. Bilanz: ein Steckschwert abrasiert, ein Ruder angeknackst. Da musste sie rackern wie nie zuvor, um den zweiten Platz zu behaupten. Fünf Tage vor ihrer geschätzten Ankunft brach auch noch eines von „Kingfishers“ Vorstagen. Wie, um der Welt ein weiteres Mal zu demonstrieren, dass die Wettfahrt Mensch und Material an die Grenzen führt. Die letzten 400 Meilen konnte Ellen nur noch mit halber Kraft segeln. Der „Professor“ war endgültig außer Reichweite.

          Dennoch verkündete Ellen schon in Les Sables, dass als Nächstes das Transatlantik-Rennen Jacques Vabre auf dem Plan stünde (Start Oktober 2001) - und eine Stippvisite in Deutschland denkbar wäre (s. Interview). Weil „Kingfisher“, der sie längst menschliche Züge nachsagt, ein Teil von ihr geworden ist und sie ihren Platz auf dem Wasser sieht. Die Frau ist endgültig infiziert: „Wenn morgen die Vendée wieder starten würde, wäre ich dabei. “













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