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Schwimmen : Neue Präsidentin - neue Hoffnung?

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Neue Frau an der Spitze: Christa Thiel Bild: dpa

Nach heftigen Debatten im Vorfeld hat der Verbandstag der Schwimmer Christa Thiel einstimmig zur neuen DSV-Präsidentin gewählt. Hauptziel: Die Fehler der Vorgänger vermeiden.

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          Das Büro des Bundeskanzlers war gut informiert. Kaum hatte der Verbandstag der Schwimmer Christa Thiel einstimmig zu ihrer neuen Präsidentin gewählt, konnte DSV-Generalsekretär Jürgen Fornoff auch schon das Glückwunschtelegramm von Gerhard Schröder verlesen. Für einen Augenblick lang hielt die großen Politik Einzug in die Mannheimer Rheingoldhalle, die bis dahin erfüllt war von kleinkariertem Funktionärsstreit.

          Sechs Monate nach dem Debakel bei den Olympischen Spielen in Sydney ist die personelle Runderneuerung des Deutschen Schwimm-Verbandes (DSV) mit der Wahl der neuen Präsidentin abgeschlossen. Damit wird zum ersten Mal einer der großen Sportverbände in Deutschland von einer Frau angeführt.

          Lieber auf dem Parkett als im Wasser

          Für die smarte Rechtsanwältin könnte dies nur ein kleinerer Schritt in ihrer Funktionärskarriere sein. Wenn Ende 2002 die Wahl eines neuen Präsidenten des Deutschen Sportbundes (DSB) ansteht, gehört die 46-Jährige zumindest zu den Kandidaten. „Ich denke nicht, dass wir darüber diskutieren müssen. Wenn Manfred von Richthofen wieder kandidiert, ist sowieso alles klar“, wehrte Christa Thiel halbherzig ab, ausschließen wolle sie eine Kandidatur allerdings nicht. Ihr wird das Potenzial nachgesagt, sich in Zukunft sich zu einer der führenden Kräfte im deutschen Sport zu entwickeln.

          Ihr neues Amt kann sie mindestens bis zum nächsten Verbandstag nach den Olympischen Spielen 2004 in Athen führen. Für den als Chaosverband verrufenen DSV ist Christa Thiel ein Gewinn. Als Präsidiumsmitglied des Deutschen Sportbundes (DSB), zuständig für Frauen im Sport, gilt sie als fachlich unumstritten. Gleichzeitig ist sie im Schwimmverband unbelastet und muss keine Rücksicht auf alte Seilschaften nehmen. Dass die frühere Turniertänzerin sich auf dem sportpolitischen Parkett wohler fühlt als im Wasser, ist unwichtig.

          Sandra Völker und Christian Keller wollen Ehrenamt

          Bevor es an höhere Aufgaben geht, gilt es für Christa Thiel jedoch, die Fehler ihrer Vorgänger zu vermeiden. Vor allem das Verhältnis zu den Schwimmern, die ihre Vorgänger gern und oft in der Öffentlichkeiut demontierten, ist von Bedeutung. Das einstimmige Votum der 168 Delegierten aus den 18 Landesverbänden ist wenig wert, würde sie wie ihr entnervt zurückgetretener Vorgänger Rüdiger Tretow von Sandra Völker und Co. als unfähig bezeichnet.

          Christa Thiel hat in diesem Punkt vorgesorgt. „Ich habe mich mit den Top-Stars zusammengesetzt. Dass Sandra Völker und Christian Keller sich für ein Ehrenamt interessieren, das ist doch schon ein gutes Gefühl“, sagte die DSV-Präsidentin. Offenbar wollen dei beiden sich um den Posten des Aktivensprechers bemühen. Ob die Sprinterin aus Hamburg und der Essener Lagenspezialist allerdings ein gutes Gefühl haben, wenn Christa Thiel ihre Pläne so locker ausplaudert, ist fraglich. Schließlich wird der Sprecher von den Kader-Schwimmern gewählt und da werden es die verschlossene Sandra Völker und Keller, der gern mit Aktientips prahlt, vor allem bei den Athleten aus den neuen Bundesländern schwer haben.

          Konsolidierung in Aussicht

          Dass Christa Thiel in Mannheim geheime Geldquellen andeutete, mit deren Hilfe sie die finanziellen Leiden des Verbandes lindern wolle, gehört schon zur Tradition derartiger Versammlungen. Ergebnisse konnten ihre optimistischen Vorgänger allerdings nur selten aufweisen. Und so sehr sie ihren für die Finanzen zuständigen Vize-Präsidenten Thomas Wupperfeld auch drängte, ein wenig von den Verhandlungen mit Geldgebern zu offenbaren. Wupperfeld ist zu lange dabei, um nicht zu wissen, wie gefährlich Wasserstandsmeldungen sind.

          Doch die Aussicht, dass der Verband einer einigermaßen sicheren finanziellen Zukunft entgegensteuert, können die Delegierten mit nach Hause nehmen. Der Weg zur finanzielle Konsolidierung, die Christa Thiel als Voraussetzung ihrere Kandidatur gefordert hatte, war im Vorfeld des Verbandstages mit ungewohnter Heftigkeit diskutiert worden. Dass es dabei hinter verschlossenen Türen sehr laut und verletzend zuging, berichteten gleich mehrere Delegierte auf dem Flur vor der Versammlungshalle. Christa Thiel hatte noch zum Auftakt des Verbandstages am Donnerstag in einem FAZ.NET Gespräch ihre Drohung wiederholt, nicht anzutreten, sollten ihr Finanzplan nicht durchgkommen.

          Zwischenstation Fukuoka - Ziel Athen 2004

          Doch das Ergebnis kann sich sehen lassen. In diesem Jahr stehen zwar nur 200.000 statt der von Christa Thiel geforderten 300.000 Mark mehr auf dem DSV-Verbandskonto. Doch von 2002 an sind es jährlich 400.000 Mark mehr. Damit kann das überdimensionierte Verbandshaus in Kassel mittelfristig entschuldet werden. Dass Christa Thiel Fachanwältin für Immobilenrecht ist, kann nicht Schaden, wenn es darum geht den Klotz am Bein in Kasselk loszuwerden. Ein Umzug nach Frankfurt innerhalb der nächsten fünf Jahre ist geplant. Gleichzeitig dürfen die darbenden Fachsparten Wasserball und Wasserspringen auf weitere Mittel hoffen.

          Ein wichtige Entscheidung, den Verband zukunftsfähig zu machen, hat Christa Thiel ist ihr bereits in ihrer sechsmonatigen Interims-Präsidentschaft getroffen. Ralf Beckmann hat als neuer Cheftrainer der Schwimmer bereits am 1. März das disharmonische und zuletzt erfolglose Trio Winfried Leopold (Teamchef), Manfred Thiesmann (Bundestrainer Männer) und Achim Jedamsky (Frauen) abgelöst. Damit traten die drei Coaches unfreiwillig in die zweite Reihe. Denn egal wie erfolgreich Christa Thiel in finanzieller und politischer HInsicht sein wird. Gemessen wird sie am Erfolg ihrer Sportler beim Wasserball, Synchronschwimmen, Wasserspringen und vor allem bei den Schwimmern. Die WM in Fukuoka ist dabei nur eine Zwischenstation, die sich zumindest kurzfristig nicht auf die Fördermittel vom Bund auswirken wird. Ziel ist Athen 2004. Danach muss sich Christa Thiel wieder den Delegierten stellen.

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