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Schwimm-WM : Solo-Tour wider den Teamgeist

  • -Aktualisiert am

Will sich verstecken: Britta Steffen zieht sich nach ihren schwachen Leistungen zurück und tritt nicht mehr bei der WM an Bild: dpa

Niederlagen gehören zum Sport: Trotzdem will Britta Steffen nicht mehr bei der WM antreten - auch nicht in der Staffel. Solch eine Solo-Tour ist nur schwer zu vermitteln. Allerdings ist es nicht Steffens erster Alleingang.

          Es klang so gut. Ganz so, als sei Britta Steffen zu einer souveränen, selbstsicheren Sportlerin gereift. Sie schwimme nur noch für sich, müsse niemandem mehr etwas beweisen, könne ihren Sport genießen - so präsentierte sie sich vor der WM. Schließlich hatte sie alles gewonnen, war Doppel-Olympiasiegerin und Doppel-Weltmeisterin geworden. Doch in Schanghai gab Britta Steffen nun ein ganz anderes Bild ab - das einer Athletin, die unter Schutz gestellt werden muss. Nur: Schutz wovor? Vor schlechten Resultaten? Vor negativen Schlagzeilen? Vor überzogener Kritik? Vor öffentlichem Druck?

          Niederlagen gehören zum Sport, das sagte Britta Steffen auch am Donnerstag, und in Schanghai zeigt Michael Phelps gerade, wie man mit Niederlagen offen, ehrlich, ungekünstelt umgehen kann. Die angebliche Schutzmaßnahme der Britta Steffen dagegen macht sie erst recht angreifbar - weil sie als im Vorlauf schnellste deutsche Freistilschwimmerin nicht in der Lagenstaffel antreten will. Und das, obwohl sie kerngesund ist, das bestätigte sie. So eine Solo-Tour ist schwer zu vermitteln, zumal die Mannschaftsführung gerade viel tut, um den Teamgeist zu stärken, und die Schwimmer bei den Finalläufen in Bataillonsstärke auf der Tribüne sitzen, um die Kollegen zu unterstützen. Vor diesem Hintergrund wirkt dieser Abgang noch erratischer.

          Nicht der erste Alleingang

          Andererseits war es nicht Britta Steffens erster Alleingang in Sachen Staffelteilnahme. Schwimmen ist ein Individualsport, jeder muss sehen, wo er bleibt, und als Britta Steffen bei Olympia 2008 in Peking mit zwei Goldmedaillen die deutschen Schwimmer vor einer Blamage rettete, da waren viele der Ansicht, sie habe alles richtig gemacht. Britta Steffen ist wichtig für das deutsche Schwimmen, sehr wichtig, allein schon, weil sie mit Paul Biedermann die derzeit einzige zuverlässige Medaillenkandidatin bei Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen ist. Oder war. Schon deshalb bleibt dem Verband wenig anderes übrig, als den fragwürdigen Rückzug mitzutragen. Am Abend hieß es, Britta Steffen sei gar nicht mehr für die Lagenstaffel vorgesehen gewesen. So oder so: Es wäre kontraproduktiv, eine Athletin in ein Rennen zu zwingen, die felsenfest überzeugt ist, dort überhaupt nicht schwimmen zu wollen.

          Britta Steffen muss sich nun gefallen lassen, dass ihr jemand wie Franziska van Almsick Egoismus und fehlende Beharrlichkeit vorwirft. Das ist der Preis, den sie für ihre Entscheidung zahlen muss und den sie offenbar zu zahlen bereit ist. Als sie nach ihrer langen Pause zurückkehrte, sagte sie: "Für mich sind diejenigen Sportler die größten, die aus einer Krise gestärkt zurückkommen." Man kann nur hoffen, dass das irgendwann auch für Britta Steffen gelten wird.

          Bernd Steinle

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

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