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Schefflers Golf-Kolumne : Nicht aus allen Wunderkindern werden Superstars

  • -Aktualisiert am

Der Weg nach oben ist hart und steinig: Nicolas Colsaerts Bild: AFP

Nicolas Colsaerts war ein Golf-Talent. Doch bis zum ersten Erfolg auf der European Tour musste er einen langen, steinigen Weg gehen. Es hat 181 Turniere gedauert bis der Belgier endlich einen Pokal und einen Siegesscheck in der Hand hielt.

          Die Geschichte des Belgiers Nicolas Colsaerts und seines langen, steinigen Weg zum ersten Erfolg auf der European Tour ist nicht nur die Story von einem späten Happyend. Colsaerts Triumph am Sonntag bei der China Open in Chengdu, der Provinzhauptstadt von Sechuan, erinnert auch daran, dass nicht aus allen Wunderkindern Superstars werden.

          Natürlich fallen einem spontan Männer und Frauen ein, die schon in jungen Jahren ihr Hobby zum Beruf machten und sofort bei den Profis mithalten konnten, ja sich im Eiltempo in der Weltklasse etablierten, wie etwa die Amerikanerin Michelle Wie, der Spanier Sergio Garcia, der Nordire Rory McIlroy oder der Italiener Matteo Manassero, der erst in der vergangenen Woche die stark besetzte 50. Jubiläumsausgabe der Maybank Malaysian Open gewonnen hatte.

          Auch Nicolas Colsaerts galt einmal als einer dieser frühreifen Golfer. Kurz nach seinem 18. Geburtstag am 14. November 2000 fühlte er sich als Sieger der belgischen Amateur-Meisterschaften (Lochspiel und Zählspiel) und dem Traum-Handicap von +5 stark genug für eine Karriere im Profigolf. Und es sah zunächst auch ganz danach aus, als ob der junge Mann aus Brüssel die richtige Entscheidung getroffen hatte.

          Späte Belohnung für all die Mühen: Der Belgier gewinnt in China

          Ich habe alles falsch gemacht, was man falsch machen konnte“

          Er überstand geradezu spielerisch alle drei Stufen der Qualifikation für die European Tour. Nachdem er beim Final Qualifying über sechs Runden in San Roque in Südspanien den vierten Platz belegte hatte, schossen nicht nur in Belgien die Erwartungen in die Höhe. Viele sahen in dem Schlaks, der den Ball so unheimlich weit schlug und auf dem Platz so unbekümmert wirkte, einen kommenden Superstar.

          Die Wirklichkeit holte den jungen Himmelstürmer schnell ein. Colsaerst konnte sich in seinem ersten Jahr nicht behaupten, verlor als 172. der Geldrangliste sofort die Spielberechtigung für die Euro-Tour und musste zurück in die zweite Liga, die Challenge Tour. Er schaffte zwar prompt den Wiederaufstieg, aber in den Jahren 2003 bis 2006 war er einer der vielen Mitläufer, die jedes Jahr um ihren Arbeitsplatz zittern mussten. Bis auf den zweiten Platz bei der Johnny Walker Championship 2005 in Gleneagles blieb er unauffällig.

          Nachdem Colsaerts 2006 abermals zurück in die Challenge Tour musste, geriet seine Karriere vollkommen aus den Fugen. Er spielte so schlecht, dass er in der Geldrangliste der zweiten Liga 2007 (163.) und 2008 (153.) nur unter ferner liefen landete. „Ich habe damals alles falsch gemacht, was man nur falsch machen konnte“, erinnert sich Colsaerts, „ich wachte eines Morgens auf und entschied mich, nach Australien zu gehen.“

          „Das hat mich und mein Leben für immer verändert“

          Vier Monate verbrachte Colsaerts in der Elite-Akademie des australischen Sportbundes in Brisbane: „Das hat mich und mein Leben für immer verändert“, sagt Colsaerts. Mit frischem Mut ging er 2009 in die Saison auf der Challenge Tour - und tatsächlich präsentierte sich dort ein neuer Colsaerts. Er gewann zwei Turniere, belegte in der Abschluss-Rangliste den dritten Platz und kehrte auf die European Tour zurück.

          Im Vorjahr verdiente er bei 27 Turnieren 423.513 Euro und belegte im Race to Dubai, wie die Geldrangliste seit zwei Jahren heißt, den 67. Platz und war laut Statistik in der Kategorie „Driving Distance“ mit 307,7 Yards (281 Meter) noch vor dem Spanier Alvaro Quiros, der als der „Längste“ im Golf gilt, die Nummer eins.

          „Ich habe all die Jahre nie den Glauben an mich verloren“

          Dass er erstmals in seiner Karriere nicht um seine Tour Card bangen musste, gab ihm den rechten Schub für die neue Saison. Im Luxeville Country Club passte dann alles zusammen. Ein Platz, der gegen die meist über 300 Meter langen Abschläge des Belgiers ziemlich verteidigungslos war, dazu ein Feld, in dem bis auf Garcia und den Iren Padraig Harrington die ganz großen Namen fehlten - ideale Voraussetzungen für den ersten Sieg, noch dazu mit dem Rekordergebnis von 24 unter Par und vier Schlägen Vorsprung vor dem Spanier Pablo Martin, dem Iren Peter Lawrie, dem Dänen Sören Kjeldsen und dem Neuseeländer Danny Lee.

          Nachdem Colsaerts als zweiter Belgier nach Philippe Touissant (1974) auf der European Tour gewonnen hatte, erinnerte er sich an seine Anfänge im Profigolf: „Im Rückblick war es ein Höllenritt. Als ich mit 18 auf die Tour kam, hatte ich keine Ahnung wie sehr man sich als Amateur verbessern muss, um mitzuhalten. Dazu haben viele Leute von mir schnell Turniersiege erwartet. Aber ich habe all die Jahre nie den Glauben an mich verloren.“

          Für jeden Manassero lassen sich zehn Colsaerts finden

          Es hat 181 Turniere auf der European Tour gedauert bis Colsaerts endlich einmal den Pokal und den Siegesscheck über 350.946 Euro in der Hand hielt. Der beste Golfer aus dem kleinen Land mit nur zehn Millionen Einwohnern und nur 53.000 Golfern kletterte in der Weltrangliste von Rang 175 auf 105 und bewies damit, dass man nicht aus einer der großen Golfnationen kommen muss, um im Profigolf zu reüssieren.

          Aber mehr noch erzählt diese Geschichte davon, dass nur wenige Ausnahmetalente, schon im jugendlichen Alter fürs Profigolf, für den Druck spielerisch seinen Lebensunterhalt zu verdienen, genug Geld einzuspielen, um den Arbeitsplatz zu sichern, für die Einsamkeit, für das Reisen um die Welt, reif sind. Für jeden Matteo Manassero lassen sich leicht zehn Nicolas Colsaerts finden, Profis, die lange auf ihren Durchbruch warten mussten - nicht zu reden, von den ungleich Zahlreicheren, die nicht das Durchhaltevermögen von Colsaerts haben und schnell in der Versenkung verschwinden.

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