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Schefflers Golf-Kolumne : Mr. September steigt vom Hochsitz

  • -Aktualisiert am

Die Tränen sind getrocknet: Stricker nach seinem Sieg beim Deutsche Bank Championship Bild: dpa

In den neunziger Jahren war Steve Stricker ein Weltklasse-Golfer. Dann folgte eine tiefe sportliche Krise - und Stricker ging lieber jagen. Jetzt ist er zurück, und hat gute Chancen, einen Zehn-Millionen-Dollar-Siegerbonus zu gewinnen.

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          Ein Golfprofi, der durch tiefe Täler gehen musste, genießt den Höhenflug ganz besonders. „Die vergangenen beiden Wochen waren ein Wahnsinnsspaß. Ich will auf dieser Erfolgswelle so lange es geht weiter schwimmen“, sagt Steve Stricker. Der 42-Jährige aus Madison, der Hauptstadt des amerikanischen Bundesstaates Wisconsin, hat am Montagabend in Norton, einem Vorort von Boston, nicht nur die Deutsche Bank Championship, das zweite Play-off-Turnier des FedExCups, sowie 1,35 Millionen Dollar (rund 933.000 Euro) gewonnen.

          Mit zwei Birdies auf den beiden Schlusslöchern holte er sich den Sieg, der ihm noch in der Vorwoche entgangen war, als er einen Par-Putt aus drei Metern auf dem 18. Grün vorgeschoben hatte, der ihn ins Stechen mit Heath Slocum gebracht hätte. Gemeinsam mit Tiger Woods und Padraig Harrington hatte er sich mit dem zweiten Platz begnügen müssen.

          Am Montag, dem amerikanischen Tag der der Arbeit (Labor Day) gewann zum siebten Mal auf der PGA Tour - und doch war dieser Sieg für den Tourveteranen ein Debüt. Erstmals gewann er ein Turnier mit Primus Woods im Feld. Der Superstar zerstreute zwar mit einer brillanten Schlussrunde von 63 Schlägen (8 unter Par) alles Krisengerede, aber zu mehr, als um vom 30. auf den einem geteilten 11. Platz vorzurücken, reichte es nicht - und es reichte auch nicht, um die Führung im FedExCup zu verteidigen. Die hat jetzt Stricker inne.

          „Mr. September”: Im Herbst läuft Stricker zu großer Form auf

          Allerdings: Viel zu bedeuten hat dies noch nicht. In diesem Jahr wird der prall gefüllte Preisgeldtopf dieses Bonuspools ganz anders verteilt. Die Verantwortlichen wollten nicht, dass wie im Vorjahr mit Vijay Singh der Sieger des FedExCups und des Siegespreises von zehn Millionen Dollar schon nach den ersten beiden Play-off-Turnieren praktisch fest steht. Der Profi aus Fidschi ist in diesem Jahr übrigens schon ausgeschieden.

          Stricker weiß, was eine sportliche Talfahrt ist

          Er schaffte es nicht, sich unter die besten 70 der Punktwertung zu schieben, die von Donnerstag bis Sonntag bei der BMW Championship in Lemont (Illinois) spielen und die 30 Spieler ermitteln, die in der übernächsten Woche bei der Tour Championship in Atlanta antreten dürfen. Steve Stricker wie auch Woods werden auf jeden Fall in Atlanta dabei sein - und sie haben die Chance, ein Wörtchen bei der Vergabe des lukrativsten Geldpreises im Sport mitreden.

          Woods gehört zu den „üblichen Verdächtigen“, wenn es um große Golfsiege geht - auch wenn seine Bilanz der letzten drei Wochen mit zwei zweiten Plätzen (PGA Championship, The Barclays) und nun einem 11. Platz für viele schon wie ein Formtief wirkt. Was eine wirkliche sportliche Talfahrt ist, davon kann hingegen Stricker erzählen. Stricker, der 1990 ins Profilager wechselte, war zwar kein Senkrechtstarter, aber er etablierte sich recht schnell auf der PGA Tour, gewann 1996 zwei Turniere und belegte in der Geldrangliste den vierten Platz.

          Die Ehefrau als Caddie gefeuert

          Damals diente ihm seine Ehefrau Nikki, selbst eine vorzügliche Golferin, als Caddie. Doch als das Ehepaar danach nicht mehr so erfolgreich auf Tour war, feuerte er seine Gemahlin. „Ich wollte nicht, dass meine beruflichen Schwierigkeiten zwischen uns kommen“, begründete er den Schritt. „Aber nachdem ich mit Nikki jahrelang 24 Stunden am Tag zusammen war, war es unheimlich schwer, mich auf das Alleinsein einzustellen“, erinnert sich Stricker.

          Zwar erlebte er noch einmal ein kleines Zwischenhoch, als er 2001 die Accenture World Matchplay in Melbourne gewann, allerdings ein Turnier bei dem Woods und viele andere Weltklassespieler über die Weihnachts- und Neujahrszeit die Reise nach Australien scheuten. Dieser Erfolg bei diesem Lochspielturnier der World Golf Championship brachte zwar eine Million Dollar ein, seinen Absturz konnte er nicht verhindern.

          Abschläge aus dem Motorhome

          Stricker verlor die Spielberechtigung für die PGA Tour und konnte sich 2005 in der Qualifying School nicht den Arbeitsplatz auf der größten Turnierserie der Welt sichern. Das wirkte für ihn wie ein Weckruf. Statt immer häufiger der Jagd nachzugehen, seinem großen Hobby, stieg er vom Hochsitz herab. Im harten Winter seiner Heimatstadt Madison, Wisconsin, schlug er bei Eiseskälte aus dem als Unterstand dienenden Motorhome seines Schwiegervaters Dennis Tiziani, dem Golf Coach des Teams der University of Wisconsin, im Cherokee Country Club in Madison stundenlang Bälle in den Schnee - nur von einem Heizlüfter dürftig gewärmt.

          Er beherzigte die Ratschläge seines Schwiegervaters: Arme im Schwung immer vor dem Körper zu halten und den Rumpf ordentlich zu drehen. Der Erfolg stellte sich ein, er schaffte es zurück auf die Tour. Vor zwei Jahren hatte er bei der British Open in Carnoustie nach drei Tagen zu den Siegesanwärtern gezählt, aber Stricker, der als einer der besten Putter der Welt gilt, verschob am Schlusstag mehrere Putts aus einem Meter am Loch vorbei.

          „Mr. September“

          Die Wende kam erst im September 2007 - und seitdem nennt man ihn auf der Tour auch „Mr. September“. Er gewann das erste Play-off-Turnier des ersten FedExCups - als 91. der Weltrangliste. Zum Sieg im FedExCup reichte es nicht. Gegen Woods, der sich sogar erlauben konnte, das erste Turnier auszulassen, hatte er keine Chance. Immerhin blieben ihm am Ende drei Millionen Dollar als Zweiter - und Platz drei in der Weltrangliste.

          Diese hohe Einstufung konnte er zwar nicht lange halten. Aber nach dem Sieg in Norton ist Stricker jetzt sogar offiziell sogar der zweibeste der Zunft, zumindest wenn man der Weltrangliste glaubt. Aber was vielleicht noch wichtiger ist: Jahrelang galt Stricker als netter Kumpeltyp von nebenan, vielleicht als zu nett für große Siege. Diese Einschätzung hat der sympathische Profi widerlegt, ohne seine offene, freundliche Natur zu verleugnen. Der weiche Kern kommt dennoch immer wieder durch - wie bei jedem seiner vorigen sechs Siege auf der PGA Tour weinte Stricker auch in Norton beim Siegesinterview. Eines ist über die Jahre unverändert geblieben: Siege rühren Stricker immer noch zu Tränen.

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