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Schefflers Golf-Kolumne : Der Fließbandarbeiter mit den Mafia-Handschuhen

  • -Aktualisiert am

Der Mörder in einem Mafia-Film? Bild: AFP

Er war Heizungsbauer und Möbelpacker, nahm an einer Reality Show im Fernsehen teil und entspricht auch sonst nicht den üblichen Klischees eines Golfspielers. Doch Tommy „Two Gloves“ Gainey ist trotz seines Stils zu den „big boys“ aufgestiegen.

          Ein Name, der einem Mafia-Film entlehnt scheint, ein Schwung, der Golfästheten schaudern lässt und eine Vita, die so gar nicht zu dem hierzulande immer noch häufig gepflegten Vorurteil von Golf als einem Zeitvertreib für Großkopferte passt: Tommy „Two Gloves“ Gainey spielt auf der lukrativsten Turnierserie der Welt, der PGA Tour, aber von den meisten Kollegen, die im College auf eine Profilaufbahn vorbereitet wurden und in feinen Country Clubs das Spiel erlernten, unterscheiden ihn nicht nur Äußerlichkeiten - auch wenn die schon auf den ersten Blick ins Auge stechen.

          Der 35-jährige Amerikaner trägt ständig - sogar beim Putten - an beiden Händen Golfhandschuhe, die ihm seinen Spitznamen eintrugen und die er - wie schon seine Website (Gaineys Homepage: www.twogloves.com) vermuten lässt - mittlerweile stolz als Markenzeichen führt. Und dann geht der 35-jährige Amerikaner seinem Job auch noch meist mit schwarzen Regenhandschuhen nach; Modelle, die Tourspieler, die in der Regel weiße Ware aus feinstem, dünnem Cabretta-Leder an einer Hand (Rechtshänder links, Linkshänder rechts) bevorzugen, niemals überstreifen würden.

          Der Versuch, mit dem Holzstock eine Schlange zu erschlagen

          „Two Gloves“ legt das Markenzeichen an der rechten Hand immer nur kurz ab, um aus seiner Hosentasche eine Münze zum Markieren des Balls auf dem Grün zu fischen. Aber die ungewöhnlichen Arbeitshandschuhe sind nur der Anfang: Der Mann mit dem ausgeprägten Südstaaten-Akzent schlägt mit dem so genannten „Baseball-Griff“ zu, bei dem alle zehn Finger am Griff liegen - ein heute vollkommen aus der Mode gekommene Art, den Schläger zu packen.

          Nein, ein (fast) ganz normaler Golfspieler

          Und wenn er dann zulangt, dann hat das nicht die entfernteste Ähnlichkeit mit den fließenden, so mühelos und elegant ausschauenden Schwüngen der Kollegen. Gainey hackt mit weit vorgebeugtem Oberkörper auf den Golfball, eine Bewegung die amerikanische Kommentatoren mit dem Versuch verglichen, mit einem Holzstock eine Schlange zu erschlagen.

          „Wer mit Stil gewinnen will, muss auch mit Stil verlieren können“

          Aber im Golf geht es einem Bonmot zufolge nicht um „how“, sondern um „how many“, also nicht um das Wie, sondern darum, wie viele Schläge man benötigt. Und da kann der Mann aus South Carolina allemal mit vielen Kollegen mithalten. Im Vorjahr gewann er zweimal in der zweiten amerikanischen Liga, der Nationwide Tour, und qualifizierte sich damit zum zweiten Mal für die PGA Tour. Am Montag spielte der Profi aus South Carolina bis zum 17. Loch um den Sieg bei der Phoenix Open in Scottsdale mit. Er lag bei diesem Turnier, das jedes Jahr mit einer halben Million Fans das bestbesuchte der Welt ist, nur einen Schlag hinter dem Spitzenreiter und späteren Sieger Mark Wilson.

          Nachdem er kurze Birdie-Putts an den Löchern 15 und 16 vorbei geschoben hatte, wollte der neue Publikumsliebling „Two Gloves“ mit einem gewaltigen Hieb das rund 300 Meter entfernte Loch erreichen. Doch sein Ball prallte von einem der roten Pfosten ab, die die Begrenzung des Wasserhindernisses markieren, und rollte in den Teich. Entnervt versenkte Gainey auch seinen dritten Schlag. Mit einem Triple-Bogey fiel er auf den geteilten achten Platz zurück.

          Gainey, der immer höflich zuvorkommende „Southern Gentleman“, ließ sich dadurch die gute Laune nicht verderben, auch wenn ihn die Fehler am vorletzten Loch rund 250.000 Dollar kostete: „Wer mit Stil gewinnen will, muss auch mit Stil verlieren können.“

          Fließbandarbeiter, Möbelpacker, Reality-Show-Teilnehmer

          Einen Mann der noch 1997 für 9,15 Dollar die Stunde am Fließband Durchlauferhitzer zusammenbaute, lässt sich von Rückschlägen so leicht nicht aus der Fassung bringen. Denn davon gab es in seinem Leben genug. Mit 15 Jahren schwang Gainey erstmals die Golfschläger - mit zwei Handschuhen, so wie er es vom Baseball gewohnt war. Seinem unorthodoxen Schwung und seiner Marotte mit den „two gloves“ blieb er auch treu, als 1997 ein Freund ihm 750 Dollar Startgeld spendierte, um bei einem kleinen Profiturnier mitzuspielen. Gainey gewann, kassierte 15.000 Dollar und schlug sich fortan auf allen möglichen Minitouren im Südosten der Vereinigten Staaten herum.

          Als seine Eltern schwer erkrankten, musste er das Wandergewerbe wieder aufgeben und verdingte sich zunächst als Möbelpacker, ehe er wieder einen Job bei seinem alten Arbeitgeber, dem Boiler-Hersteller A.O. Smith, fand. Diese Firma ist heute einer seiner Sponsoren, ihr Schriftzug prangt prominent auf seiner Kappe, die seine wenigen verbliebenen Haare verdeckt.

          Jetzt ist der Junge vom Land bei den „big boys“

          Der Mann aus Bishopsville hatte einen weiten Weg hinter sich zu bringen. Ende 2002 sammelte seine Freunde Geld, damit er bei einem Turnier der Getaway Tour in Gainesville (Florida) mitspielen konnte. Er unterlag im Stechen, war aber seitdem überzeugt, dass er im Profigolf mithalten könne. Kurz darauf nahm er an der vierten Folge von „Big Break“, einer Reality Show im Golf Channel teil. Mit seinem ungewöhnlichen Arbeitskleidung wurde der Mann bei der in St. Andrews (Schottland) gedrehten Sendung alsbald zu einem Publikumsliebling, auch wenn die britischen Mitstreiter sich immer wieder über seinen aus dem Rahmen fallenden Schwung mokierten.

          Gainey durfte ein zweites Mal bei „Big Break“ mitmachen - Erfahrungen, die ihn fürs Profileben stählten. Er war es gewohnt, dass jeder Schlag gefilmt wurde und von Experten analysiert wurde. 2007 qualifizierte er sich erstmals für die PGA Tour, verlor aber nach der Saison 2008 die Spielberechtigung. Jetzt ist er der Mann, der sich selbst als Junge vom Land bezeichnet, zurück, wie er sagt, bei den „big boys“ - und spätestens seit den fünf frostigen Tagen in Scottsdale glauben auch fast alle Spötter, dass er dorthin gehört.

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