https://www.faz.net/-gtl-14d1j

Schefflers Golf-Kolumne : Christoph Günther und das Scheitern eines Mannes

  • -Aktualisiert am

„Jetzt brauche ich erstmal ein paar Wochen, um mich zu sammeln”: Christoph Günther Bild: AP

Fast hätte sich Christoph Günther seinen großen Traum von der European Tour erfüllt. Doch dann versagte er beim letzten Turnier. Damit blieb eine ungewöhnliche Geschichte mit unvergessener Sternstunde ohne Happy-End.

          3 Min.

          Was lange Zeit nach einer der typischen Tellerwäscher-Story im Golf aussah, ist am Ende nur noch die traurige Geschichte vom Scheitern eines Mannes. Christoph Günther aus Dornstadt bei Ulm war vor dem Grand Finale der Challenge Tour, der zweiten Liga des Profigolfs in Europa, kurz davor, sich den großen Traum von der Qualifikation für die Eliteklasse, die European Tour, zu verwirklichen. Die Top 20 der Geldrangliste der Challenge Tour steigen am Ende auf.

          Günther lag vor dem Abschlussturnier auf dem Platz von San Domenico Golf in Savelletri di Fasano in Apulien auf dem 19. Platz. Doch nach Runden von 77, 66, 75, 75 und insgesamt 293 Schlägen belegte der 34-Jährige unter den 45 Spielern auf dem extrem windigen und durch enge Fairways und hohes Rough sehr schweren Platz direkt an der adriatischen Küste nur den geteilten 26. Platz. Die 2600 Euro Preisgeld, die Günther dafür kassierte, warfen ihm auf den 22. Rang der Order of Merit zurück - aus der Traum, sich im nächsten Jahr mit Stars wie Martin Kaymer zu messen.

          „Enorm“, nur mit diesem einen Wort fasste Günther seine Enttäuschung zusammen, „Jetzt brauche ich erstmal ein paar Wochen, um mich zu sammeln. Und dann werden die Ziele neue gesteckt. Ich weiß nicht, ob ich noch einmal so nahe herankomme.“ So nah, an das große Ziel European Tour. Man merkte ihm an, wie sehr es ihn mitnahm, die vielleicht größte Chance seiner Laufbahn kurz vor dem Zielstrich verpasst zu haben - und eine ungewöhnliche Geschichte blieb ohne Happy-End.

          „Ich bin mit meiner ersten Profisaison hoch zufrieden”: Florian Fritsch
          „Ich bin mit meiner ersten Profisaison hoch zufrieden”: Florian Fritsch : Bild: picture-alliance/ dpa

          Sein größter Erfolg ist mit einer Sternstunde verbunden

          Denn Günther darf im Profigolf als klassischer Quereinsteiger gelten. „Mein Weg ist unorthodox im Verhältnis zu den anderen“, sagt er. Günther ist kein früherer Spitzenamateur, sondern ein ehemaliger Tischlergeselle und Golflehrer - noch dazu einer, der 1995 im Alter von 19 Jahren die Ausbildung zum PGA Professional mit Handicap von -6 im Golf Club Höslwang begann.

          Neben der Arbeit auf der Driving Range in Höslwang und später in Gleidingen bei Hannover spielte er alsbald bei kleineren Profiturnieren. Er gewann in Coburg 1999 sein erstes Turnier. Seine Reisen finanzierte er sich durch Unterricht. Erst 2003 fand er nach dem Gewinn der German PGA Championship Sponsoren und konzentrierte sich ganz auf Turniergolf. Mittlerweile hat Günther zwanzig Profiturniere gewonnen, sieben davon in der dritten Liga, der EPD Tour.

          Aber sein größter Erfolg ist mit einer Sternstunde verbunden: Am 7. Juni gelang Günther am letzten Tag der Kärnten Golf Trophy in Klagenfurt mit 62 Schlägen eine Traumrunde. Er verdrängte den Heidelberger Neuprofi Florian Fritsch noch vom ersten Platz - ein Sieg, der aus heiterem Himmel kam. Denn Günther hatte zuvor bei 20 Turnieren innerhalb von viereinhalb Jahren auf der Challenge Tour den Cut verpasst - und auf einmal winkte die Chance, sich für die europäische Tour zu qualifizieren. Dafür hatte Günther alles getan, hatte sogar bei Sepp Spreitzer bei der Firma Powerbrain in Allershausen ein Mentaltraining mit Hypnose durchgemacht.

          „Ich habe neun Cuts verpasst, das ist einfach zu viel“

          „Anfangs hat es geholfen“, sagt Günther, aber je länger die Saison lief desto mehr fielen die Leistungen ab. Nur noch zweimal, im Juni in Bastad in Schweden und Anfang August in Breslau, schafft er als Vierter und Siebenter eine Top-Ten-Plazierung auf der Challenge Tour. „Ich habe neun Cuts (in 21 Turnieren) verpasst, das ist einfach zu viel“, resümierte Günther, „man kann mein Scheitern nicht an einem Turnier fest machen.“

          In den nächsten Wochen wird er überlegen, was er macht: Ob er in Südafrika seine Chance nutzt, bei kleineren Turnieren der European Tour einen Platz im Feld zu ergattern oder ob er versucht, sich über das Endturnier der Tour-Qualifikation in Spanien doch den Sprung auf die „große Tour“ zu schaffen. „Beides kann ich mir nicht leisten.“

          „Ich habe mich zuletzt nicht mit meinem Schwung wohl gefühlt“

          Auch der 24-jährige Florian Fritsch kam in Apulien nicht voran. Er war als 27. der Geldrangliste der Challenge Tour in das Finale der 45 Saisonbesten gegangen. Der ehemalige Amateur-Nationalspieler, der Ende vergangenen Jahres mit Handicap +4 in Profilager gewechselt war, hätte mit einer Spitzenplazierung noch den Sprung unter die Top 20 schaffen können, doch nach zwei schwachen Auftaktrunden von 77 und 76 Schlägen war er auf den letzten Platz zurückgefallen.

          „Ich habe mich schon in den letzten Wochen nicht mit meinem Schwung wohl gefühlt“, sagte der junge Heidelberger. Erst nach zwei Tagen fand er, wie er sagte, auf der Driving Range, den richtigen Schwunggedanken. Mit Runden von 70 und 71 schob er sich auf den 35. Platz vor.

          „Ich bin mit meiner ersten Profisaison hoch zufrieden“

          Trotzdem war bei ihm von Enttäuschung keine Spur: „Mein mittelfristigen Ziele hatte ich schon nach meinen ersten beiden Profiwochen erreicht.“ Er gewann auf der EPD-Tour und belegte zweimal auf der Challenge Tour den zweiten Platz. Auch wenn es danach nicht mehr ganz so gut lief, sagt der ehemalige Spitzenamateur aus dem Golf Club St. Leon-Rot: „Ich bin mit meiner ersten Profisaison hoch zufrieden.“

          Und Fritsch hat ja noch eine Chance: „Ich habe mich schon für die Stage 3, die letzte Qualifikation für die European Tour, angemeldet.“ Nach den windigen Tagen in Apulien machte er mit seinen Eltern und seinem Bruder (Handicap -1) erst einmal ein paar Tage Urlaub in Rimini. Im Gegensatz zu Günther kann er die freien Tage richtig genießen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wollen keine Spaltung: Biden und Harris am 1. Dezember in Wilmington

          Joe Biden gegen Spaltung : Die Botschaft lautet Zuversicht

          Biden glaubt, dass Kompromisse zwischen Demokraten und Republikanern möglich sind – trotz aller Polarisierung. Ein Einlenken beim Abzug der Soldaten aus Deutschland scheint ein erstes Zeichen dafür zu sein.
          Pfizer stellt den Impfstoff in Belgien und den Vereinigten Staaten her.

          Impfstoffherstellung : Qualitätsproblem bremst Biontech

          Pfizer und Biontech müssen ihrem hohen Tempo Tribut zollen und können nur halb so viele Impfstoffdosen liefern wie ursprünglich geplant. Wer macht das Rennen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.