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Schach-WM 2016 : Russlands Oligarchen bezahlen die Rechnung

  • -Aktualisiert am

Denksport: Magnus Carlsen (links) ist der Favorit – Sergej Karjakin wird daher des Öfteren ins Grübeln kommen. Bild: Imago

Der Norweger Carlsen und der Russe Karjakin kämpfen in New York um die Schach-Krone. Doch das Duell lässt sich nur schwer verkaufen. Das liegt auch am Präsidenten des Weltverbandes, dem Geschäfte mit Assad nachgesagt werden.

          Ein Norweger ist Titelverteidiger, sein Herausforderer ist ein Russe, die Sponsoren kommen aus Russland, der Veranstalter ebenso. Warum findet die Schach-Weltmeisterschaft von diesem Freitag an (19.00 Uhr MEZ / Live bei FAZ.NET) also in New York statt? Weil der Weltschachverband in der Vergangenheit viele Versprechen gebrochen hat und dieses Mal Wort halten will. Wort halten gegenüber Weltmeister Magnus Carlsen, der endlich in Amerika groß rauskommen will. Und Wort halten gegenüber allen, die beklagen, dass offizielle Großereignisse fast nur noch in Russland oder im Kaukasus stattfinden.

          Schon wieder Moskau oder Sotschi – das hätte nicht gut ausgesehen. Als die WM-Kämpfe in den Jahren 2012 und 2014 dort stattfanden, war kein Russe im Spiel und das Interesse mäßig. Dieses Mal hätte die Austragung in Russland Sinn gemacht, und viele glaubten, dass die Weltmeisterschaft kurzfristig dorthin verlegt werde. Am WM-Herausforderer Sergei Karjakin hängen schließlich die Hoffnungen einer großen Schach-Nation.

          Als der Veranstalter, die russische Firma Agon, Anfang März bekanntgab, dass das Match definitiv in den Vereinigten Staaten stattfinde, mag er gehofft haben, dass sich im Kandidatenturnier einer der beiden Amerikaner, Fabiano Caruana oder Hikaru Nakamura, durchsetzt. Doch Karjakin machte das Rennen. Vielleicht dachte man bei Agon auch, dass ein Magnus Carlsen reicht, um in den Vereinigten Staaten Geldgeber zu locken. Schließlich hat Carlsen Berühmtheiten wie Bill Gates und Marc Zuckerberg schon wiederholt getroffen.

          Magnus Carlsen ist freilich nicht der Grund, warum Microsoft, Facebook und Co. abgewinkt haben. Jede als Sponsor angefragte Firma musste nur googeln, um zu erfahren, mit wem sie es beim Weltschachbund zu tun hat. Dessen Präsident Kirsan Iljumschinow steht wegen des Verdachts auf Geschäfte mit dem syrischen Diktator Baschar al Assad auf einer Sanktionsliste des Schatzamtes der Vereinigten Staaten. Amerikanische Bürger dürfen dem Schachpräsidenten nicht mal eine Eintrittskarte abkaufen, geschweige denn einen Sponsoringvertrag mit ihm schließen. So hat das Finanzielle einmal mehr ein Netzwerk Kreml-freundlicher Oligarchen gerichtet. Dieses Mal ist es Andrei Gurjew, der Hauptaktionär des Düngemittelherstellers PhosAgro.

          Beide sorgen als Wunderkinder für Furore

          Dass sich das Match schwer verkaufen lässt, liegt auch an der Rollenverteilung. Als unumstrittene Nummer eins des Schachs ist Carlsen eindeutiger Favorit gegen den Weltranglistenneunten. Doch Karjakins Plazierung täuscht. Auf Einladungsturnieren kommt er oft nicht übers Mittelfeld hinaus. Allerdings sind seine Resultate deutlich besser, wenn viel auf dem Spiel steht wie im Kandidatenturnier oder beim Weltcup 2015, wo er unter 128 Teilnehmern das Finale erreichen musste, um überhaupt WM-Kandidat zu werden.

          Zweikämpfe um die Schach-Krone wurden in der Vergangenheit oft zu politischen Stellvertreterduellen hochgejubelt. Persönliche Rivalitäten wurden beschworen oder zumindest ein Clash der Generationen oder der Spielauffassung. Wenig her gibt da das vom Veranstalter als erster Titelkampf der „Smartphone-Generation“ apostrophierte Duell zwischen dem 25 Jahre alten Carlsen und dem ein Jahr älteren Karjakin. Vielmehr sticht ins Auge, wie viel die beiden gemein haben. Beide sorgten als Wunderkinder für Furore.

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          Karjakin absolvierte schon als Neunjähriger das Trainingspensum eines Profis und wurde mit zwölf der bisher jüngste Großmeister. Carlsen war damit ein Jahr später dran. Zwischen dem 13. und 19. Lebensjahr verlief ihre Entwicklung unterschiedlich. Karjakin hatte nahezu keine Förderung in der Ukraine, bis er mit 19 zum russischen Verband wechselte. In dem Alter führte Magnus Carlsen schon erstmals die Weltrangliste an. Von seinem WM-Gegner 2013 und 2014, Viswanathan Anand, trennten den Norweger neben dem kulturellen Hintergrund und der Spielauffassung auch 21 Jahre.

          Karjakin ist hingegen nur zehn Monate älter als er. Beide wurden 1990 geboren. Sie kennen sich schon ihr halbes Leben lang. Und sie mögen einander. Bis Karjakin im März in Moskau das Kandidatenturnier gewann, hielten sie, wenn sie einander nicht gerade auf einem Turnier trafen, per Skype Kontakt. Ein gemeinsamer Freund der beiden ist Jan Nepomnjaschtschi, ebenfalls Jahrgang 1990. Der Moskauer, der kürzlich beim Michail-Tal-Memorial sein erstes Weltklasseturnier gewann, half Carlsen vor zwei Jahren, Anand zu besiegen. Als Trainingspartner und Sekundant erfuhr er aus nächster Nähe, wie der Norweger tickt. Diese Einsichten kommen nun Karjakin zugute, der Nepomnjaschtschi in sein Team geholt hat.

          Carlsens Spielstil ist sehr effektiv

          Eine ähnliche Überschneidung gab es zwar auch zwischen Carlsen und Anand, die beide mit Peter Heine Nielsen trainierten. Doch aus ihren WM-Kämpfen hat sich der Däne herausgehalten. Nielsen ist nun wieder in Carlsens Team, die Namen seiner übrigen Sekundanten werden noch geheim gehalten. Der Norweger ist besonders gut darin, Stellungen von denen er annimmt, dass sie sein Gegner gut kennt, zu vermeiden. Von 22 WM-Partien gegen Anand hat er nur eine einzige verloren, und da lief er dem Inder in eine akribisch vorbereitete Variante. Carlsen verzichtet lieber auf einen analytisch nachweisbaren Eröffnungsvorteil, als zu riskieren, dass er sich auf feindlichem Terrain verirrt. Darum setzt er auf ein breites Repertoire, das von Nebenvarianten durchsetzt ist.

          Karjakins Spielanlage ist klassischer. Sein Arsenal an Eröffnungen ist eines der kleinsten in der absoluten Weltklasse. Diese Berechenbarkeit hat ihm zumindest im Kandidatenturnier nicht geschadet. Gegen seine Hauptwaffen mit Schwarz, Damenindisch und „Berliner Mauer“, hat Carlsen allerdings dieses Jahr gut gepunktet.

          Beide Spieler gelten als ausgesprochen nervenstark. Eine weitere gemeinsame Stärke liegt in der Defensive. Im Angriff hat Karjakin wohl gerade in letzter Zeit aufgeholt. Unter dem Einfluss seines Trainingspartners Schachrijar Mamedscharow tut er sich inzwischen leichter, Material zu opfern, um Dynamik in sein Spiel zu bekommen. In puncto Intuition ist Carlsen unübertroffen. Auch in ungewöhnlichen Stellungen findet er fast immer die richtigen Felder für seine Figuren. Doch auch ihm unterlaufen Rechenfehler. Einiges deutet darauf hin, dass Karjakin sich gezielt darauf eingestellt hat, Rechenfehler zu entdecken und auszunutzen.

          Carlsens Spielstil ist wenig spektakulär, aber sehr effektiv. Er versteht es, Probleme zu entdecken, die seine Gegner manchmal erst wahrnehmen, wenn sie schon auf die schiefe Bahn geraten sind. Er kämpft Stellungen aus, in denen sich andere längst auf Remis geeinigt hätten. In der fünften oder sechsten Stunde einer Partie macht sich seine bessere Kondition bemerkbar. Kein anderer Weltklassespieler trieb je so viel Sport wie Carlsen. Bei der Wahl seines New Yorker Hotels hat er auf den Fitnessraum großen Wert gelegt und darauf, dass man ganz in der Nähe Basketball spielen kann.

          Weltmeister Carlsen will immer gewinnen

          Der Faktor Fitness dürfte gegen Karjakin allerdings weniger wichtig sein als gegen Anand. Über das Trainingslager vor seinem Sieg im Kandidatenturnier berichtete Karjakin, dass er mit seinen Sekundanten mehr auf dem Beachvolleyballfeld gewesen sei, als ernstlich Schach studiert zu haben. Als Kind war er ein begabter Turner. Bei einem Besuch in der Hamburger Firma Chessbase verblüffte der Russe die Mitarbeiter, indem er auf seinen Händen durch ihr Büro lief.

          In den direkten Begegnungen führt Carlsen mit 4:1 Siegen. Zuletzt spielte er Karjakin im Juli in Bilbao an die Wand. Allerdings war offensichtlich, dass dem Russen dort weit weniger an einem guten Resultat gelegen war als daran, etwas Spielpraxis zu bekommen, ohne seine WM-Vorbereitung preiszugeben. Vor russischen Journalisten fand er dafür eine selbstbewusste Deutung: Carlsen wolle immer gewinnen, selbst auf dem Sportplatz oder beim Computerspiel. Er hingegen gewinne, wenn es darauf ankommt.



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          Das Schachblog „Berührt, geführt“ verfolgt die Spiele der WM intensiv und analyisiert die Begegnungen in den kommenden Tagen.

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