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Schach-Weltmeister Carlsen : Pizza, Poker und Premier League

  • -Aktualisiert am

Schach-Weltmeister Magnus Carlsen will seinen Titel erfolgreich verteidigen. Bild: AFP

Fabiano Caruana trifft bei der Schach-WM in London auf Weltmeister Magnus Carlsen. Der schickt einige erstaunliche Botschaften an seinen Herausforderer. Mit dieser Offensive verfolgt der Champion ein klares Ziel.

          Als der Schachserver LiChess zuletzt sein beliebtes Online-Turnier im Bulletschach ausrichtete, trauten manche ihren Augen nicht. Auch DrDrunkenstein beteiligte sich an den ultraschnellen Partien mit nur jeweils einer Minute Bedenkzeit pro Spieler. DrDrunkenstein ist kein anderer als Schachweltmeister Magnus Carlsen. Statt sich auf die an diesem Freitag in London beginnende Weltmeisterschaft vorzubereiten, verdaddelte er seine Zeit mit einer Schachvariante, die viele seiner Kollegen als wertlos ansehen.

          Beim Bulletschach kommt es vor allem darauf an, die Computer-Maus schnell zu bewegen, Fallen zu stellen und den jeweils nächsten Zug schon vorzugeben, bevor der Gegner überhaupt gezogen hat. Wenn dessen Zug aufscheint, braucht man nur noch die Maustaste loszulassen. Ein überraschender Angriff auf die Dame oder eine nicht allzu offensichtliche Mattdrohung führt da oft zum Erfolg. Beim Bulletschach kommt keiner ungeschoren davon. DrDrunkenstein alias Magnus Carlsen verlor an diesem Abend 13 Ein-Minuten-Spiele. Doch 41 Mal war er es, der seinen Gegner übertölpelte. Das reichte, um die undotierte Konkurrenz zu gewinnen.

          Es blieb nicht die einzige Botschaft, die der 27 Jahre alte Norweger in den vergangenen Tagen an seinen Herausforderer Fabiano Caruana schickte. Da war noch dieser Videoclip aus seinem Trainingslager, in dem er von einer bisher unbekannten 3P-Formel schwärmte. Was brauchte sein Team, um sich optimal auf die WM einzustimmen? Pizza, Poker und Premier-League-Spiele. Sich auf Caruana vorzubereiten war, signalisierte er, ein einziger gewaltiger Spaß.

          Carlsen vs. Caruana – Zeitplan der Schach-WM 2018 in London

          Zuvor hatte Carlsen in Interviews, die er norwegischen Medien gab, eine von ihm nicht gewohnte Offenherzigkeit an den Tag gelegt. In Caruanas Schach will er eine Macke erkannt haben. Sein Herausforderer um den WM-Titel liebe das Zentrum des Bretts über alles und nehme im Unterschied zu ihm selbst alles Mögliche in Kauf, um die Mitte zu kontrollieren. Caruanas relative Schwäche im Schnell- und Blitzschach erklärte Carlsen mit einem Mangel an Intuition, also jener Gabe, die Carlsen für sich selbst reklamiert. Nebenbei erwähnte er die mangelnde Zweikampferfahrung des Amerikaners und einen bisher von diesem geheim gehaltenen Helfer, den kubanischen Spitzenspieler Leinier Dominguez, der angeblich bald zum amerikanischen Verband wechseln soll.

          Ich habe dich durchschaut! Ich weiß alles über dich! Ich denke schneller, als du gucken kannst! Das also wollte Carlsen seinen Herausforderer wissen lassen. Welchem Effekt seine Kommunikationsoffensive dienen soll, verriet er ebenfalls: „Ich hoffe, dass Caruana den Druck spüren wird. Dann habe ich von Anfang an einen Vorteil im Match.“ Um diesen Druck zu verstärken, will er in den ersten Partien gezielte Schläge anbringen.

          Carlsen selbst war nur selten so verwundbar gewesen wie zu Beginn seines ersten WM-Kampfes gegen den Inder Vishy Anand vor fünf Jahren. Auch die achte WM-Partie gegen Sergei Karjakin, die ihn vor zwei Jahren in New York fast den WM-Titel kostete, war ein Tiefpunkt für ihn. Carlsen hat das endlich verarbeitet. Weil er in keiner der vorangegangenen Partien ernste Probleme zu lösen hatte, habe er sich gegen Karjakin für unbesiegbar gehalten. Nach der Niederlage in dieser Partie habe ihn dann die Vorstellung geplagt, irgendwo antreten zu müssen, ohne Weltmeister zu sein. Dass ausgerechnet Karjakin den Titel gewinnen würde, schien ihm unerträglich.

          Der Herausforderer aus den Vereinigten Staaten: Fabiano Caruana.

          Vor Caruana hat Carlsen größeren Respekt. Keiner hat ihn öfter überspielt. Keiner hat ihn so oft, nämlich fünfmal, in einer regulären Partie geschlagen wie sein Herausforderer. Seine letzte Niederlage gegen Caruana liegt allerdings schon vier Jahre zurück. Seither hat Carlsen ihn besser im Griff. Ihre vorletzte Begegnung im Mai in Stavanger gewann er gleich in der ersten Runde. Doch am Ende war es Caruana, der in der Heimat des Weltmeisters triumphierte. Einen Monat zuvor in Karlsruhe schien Carlsen den direkt vom Sieg im Kandidatenturnier angereisten Amerikaner im Griff zu haben. Caruana entwischte ihm in ein Remis und gewann auch dieses Turnier.

          Hätte der Amerikaner bei seinem starken Auftritt bei der Schacholympiade vor einem Monat noch einen halben Punkt mehr erzielt oder Carlsen beim Europacup vor zwei Wochen einen halben Punkt weniger, hätte Caruana in der Weltrangliste die Führung übernommen. Carlsen macht kein Hehl daraus, dass ihn dies endlos gewurmt hätte. Nur noch drei Elo-Punkte trennen die beiden. So schmal war sein Vorsprung noch nie, seit er 2011 die Nummer eins wurde.

          Man muss weit zurückgehen, um ein Finale zu finden, in dem die beiden unbestritten besten Spieler um den Titel spielten, nämlich bis zur epischen Rivalität zwischen Garri Kasparow und Anatoli Karpow. Während derem fünften und letzten WM-Kampf 1990 kam Carlsen zur Welt, Caruana zwanzig Monate später. Noch viel länger, nämlich seit 1921 ist es her, dass zwei westliche Spieler um den Titel rangen.

          Zur gespannten Vorfreude unter den Schachfans trägt bei, dass beide sehr kämpferisch orientiert und dafür bekannt sind, in jeder Spielphase Probleme zu stellen. Inhaltsarme Remispartien wie in Carlsens WM-Kämpfen gegen Anand und Karjakin sind zwar nicht auszuschließen, aber mit einem einseitigen Verlauf rechnet kaum jemand. Beide Spieler sind nervenstark und in ihren Bewertungen nicht von Wunschdenken getrübt wie Wladimir Kramnik oder Lewon Aronjan. Eine leichte Favoritenrolle für Carlsen ergibt sich aus seiner Matcherfahrung, seiner körperlichen Fitness und weil er in ein Stechen, das im Falle eines 6:6-Gleichstandes erforderlich würde, als eindeutig stärkerer Schnellschachspieler ginge.

          Der schmalere Caruana wird von vielen unterschätzt. Spannkraft und Fokus trainiert der 26-Jährige beim Yoga, für das ihn sein usbekischer Trainer Rustam Kasimdschanow begeistert hat. Für ihn sprechen seine seit März exzellente Form und die ungebändigte Motivation eines Herausforderers, der weiß, dass er den Titelverteidiger schlagen kann. Selbst taxiert er seine Chancen auf 50:50. Kräftige Ansagen über soziale Medien oder die Presse sind aber nicht sein Ding. Umgänglicher als der mitunter divenhafte und verspielte Norweger, sucht er Konflikte nur auf dem Brett. Klar ärgere ihn, dass das WM-Preisgeld in London nur eine Million Euro beträgt, sagte er der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, „aber ich habe nicht das Gefühl, dass ich das ändern kann“. Er schätzt, dass in den Vereinigten Staaten ein mehr als doppelt so hohes Preisgeld möglich gewesen wäre, wenn die russische Vermarktungsfirma Agon beweglicher gewesen wäre.

          Was Agon von den russischen und norwegischen Sponsoren einnimmt, fließt vorrangig ins Erscheinungsbild. Dazu zählt neuerdings eine Dating-App, mit deren Hilfe sich Schachspieler verabreden sollen. Welche Kontakte sich beim Chatten über DrDrunkenstein und Caruanas Zentrumsspiel anbahnen lassen, muss sich freilich noch erweisen.

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