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Schach-Weltmeister Carlsen : Pizza, Poker und Premier League

  • -Aktualisiert am
Der Herausforderer aus den Vereinigten Staaten: Fabiano Caruana.

Vor Caruana hat Carlsen größeren Respekt. Keiner hat ihn öfter überspielt. Keiner hat ihn so oft, nämlich fünfmal, in einer regulären Partie geschlagen wie sein Herausforderer. Seine letzte Niederlage gegen Caruana liegt allerdings schon vier Jahre zurück. Seither hat Carlsen ihn besser im Griff. Ihre vorletzte Begegnung im Mai in Stavanger gewann er gleich in der ersten Runde. Doch am Ende war es Caruana, der in der Heimat des Weltmeisters triumphierte. Einen Monat zuvor in Karlsruhe schien Carlsen den direkt vom Sieg im Kandidatenturnier angereisten Amerikaner im Griff zu haben. Caruana entwischte ihm in ein Remis und gewann auch dieses Turnier.

Hätte der Amerikaner bei seinem starken Auftritt bei der Schacholympiade vor einem Monat noch einen halben Punkt mehr erzielt oder Carlsen beim Europacup vor zwei Wochen einen halben Punkt weniger, hätte Caruana in der Weltrangliste die Führung übernommen. Carlsen macht kein Hehl daraus, dass ihn dies endlos gewurmt hätte. Nur noch drei Elo-Punkte trennen die beiden. So schmal war sein Vorsprung noch nie, seit er 2011 die Nummer eins wurde.

Man muss weit zurückgehen, um ein Finale zu finden, in dem die beiden unbestritten besten Spieler um den Titel spielten, nämlich bis zur epischen Rivalität zwischen Garri Kasparow und Anatoli Karpow. Während derem fünften und letzten WM-Kampf 1990 kam Carlsen zur Welt, Caruana zwanzig Monate später. Noch viel länger, nämlich seit 1921 ist es her, dass zwei westliche Spieler um den Titel rangen.

Zur gespannten Vorfreude unter den Schachfans trägt bei, dass beide sehr kämpferisch orientiert und dafür bekannt sind, in jeder Spielphase Probleme zu stellen. Inhaltsarme Remispartien wie in Carlsens WM-Kämpfen gegen Anand und Karjakin sind zwar nicht auszuschließen, aber mit einem einseitigen Verlauf rechnet kaum jemand. Beide Spieler sind nervenstark und in ihren Bewertungen nicht von Wunschdenken getrübt wie Wladimir Kramnik oder Lewon Aronjan. Eine leichte Favoritenrolle für Carlsen ergibt sich aus seiner Matcherfahrung, seiner körperlichen Fitness und weil er in ein Stechen, das im Falle eines 6:6-Gleichstandes erforderlich würde, als eindeutig stärkerer Schnellschachspieler ginge.

Der schmalere Caruana wird von vielen unterschätzt. Spannkraft und Fokus trainiert der 26-Jährige beim Yoga, für das ihn sein usbekischer Trainer Rustam Kasimdschanow begeistert hat. Für ihn sprechen seine seit März exzellente Form und die ungebändigte Motivation eines Herausforderers, der weiß, dass er den Titelverteidiger schlagen kann. Selbst taxiert er seine Chancen auf 50:50. Kräftige Ansagen über soziale Medien oder die Presse sind aber nicht sein Ding. Umgänglicher als der mitunter divenhafte und verspielte Norweger, sucht er Konflikte nur auf dem Brett. Klar ärgere ihn, dass das WM-Preisgeld in London nur eine Million Euro beträgt, sagte er der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, „aber ich habe nicht das Gefühl, dass ich das ändern kann“. Er schätzt, dass in den Vereinigten Staaten ein mehr als doppelt so hohes Preisgeld möglich gewesen wäre, wenn die russische Vermarktungsfirma Agon beweglicher gewesen wäre.

Was Agon von den russischen und norwegischen Sponsoren einnimmt, fließt vorrangig ins Erscheinungsbild. Dazu zählt neuerdings eine Dating-App, mit deren Hilfe sich Schachspieler verabreden sollen. Welche Kontakte sich beim Chatten über DrDrunkenstein und Caruanas Zentrumsspiel anbahnen lassen, muss sich freilich noch erweisen.

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