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Langeweile bei der Schach-WM? : Die böse Remis-Frage

  • -Aktualisiert am

Wann gelingt nur einem Spieler mal ein Sieg bei der Schach-WM? Auch Titelträger Magnus Carlsen (rechts) scheint sich diese Frage zu stellen. Bild: EPA

Auch nach acht Spielen ist noch kein Sieger bei der Schach-WM gefunden. Alle bisherigen Partien endeten unentschieden. Was aber passiert, wenn diese Serie so weitergeht?

          Wann endet diese vermaledeite Remis-Serie? Als Magnus Carlsen nach dem Unentschieden in der dritten Partie gefragt wurde, ob ihm langweilig werde, sagte er: „Fragt mich nach dem neunten Remis wieder.“ Drei Remis nacheinander waren doch gar nichts. Schon gar nicht gegen einen so ebenbürtigen Gegner wie Fabiano Caruana und in einem WM-Match. Vor zwei Jahren gegen Sergei Karjakin ging es mit sieben Remis los. Inzwischen sind im College im Londoner Stadtteil Holborn acht Partien gespielt, und es gab immer noch keinen Sieger.

          Das war auch schon zwischen Garri Kasparow und Vishy Anand 1995 in New York so. Nur waren damals nicht alle Partien ausgekämpft. Wenn Kasparow keine Lust mehr hatte, bot er Remis an, egal wie viel Leben noch in der Stellung war; und Anand wagte es nicht, den Zorn des Champions zu erregen, sondern wartete auf seine Chance, die dann in der neunten Partie kam. Zwischen dem Norweger Carlsen und seinem amerikanischen Herausforderer Caruana sind alle Stellungen ausgereizt gewesen, als der Punkt jeweils geteilt wurde. Endet auch ihre neunte Partie an diesem Mittwoch unentschieden, kommt die „böse Remis-Frage“ wieder. Ein Rekord wäre es aber nicht.

          1984 in Moskau remisierten Anatoli Karpow und Garri Kasparow siebzehnmal in Folge. Ihr Match war nicht limitiert, sondern ging auf sechs Gewinnpartien. Karpow führte 4:0 und lauerte darauf, dass sich sein ungestümer Herausforderer wie zu Beginn des Matches selbst schlug. Kasparow sah seine einzige Chance in seiner Fitness und wollte seinen zwölf Jahre älteren Gegner zermürben. Weil damals nur drei Partien pro Woche angesetzt waren und es noch Ruhetage gab, zog sich die sieglose Serie über sechs Wochen. Nach 48 Partien, von denen 40 remis endeten, wurde das Match abgebrochen.

          Im Fall der Fälle bringt eine Blitzpartie die Entscheidung

          Inzwischen sind WM-Kämpfe auf zwölf Partien limitiert. Enden alle unentschieden, wird der Weltmeister in einem Stechen ermittelt. Die Bedenkzeit wird verkürzt, bis es einen Sieger gibt. Wenn, was sehr unwahrscheinlich ist, weiter alle Partien unentschieden enden, würde eine Blitzpartie entscheiden. Wer Weiß zugelost bekommt, erhält eine Minute mehr Bedenkzeit, dafür genügt dem Schwarzspieler ein Remis zum WM-Sieg. So weit will es niemand kommen lassen. Schon gar nicht Caruana, der im Schnell- und Blitzschach nicht annähernd so gute Resultate hat wie Carlsen. Vor zwei Jahren gegen Karjakin hat es der Norweger am Ende aufs Stechen angelegt und im Schnellschach den Matchsieg geholt.

          Um in Führung gehen zu können, hat Caruana im achten Spiel die Gangart verschärft. Als er mit Weiß im dritten Zug seinen Damenbauern vorschob, ging ein Raunen durch den vollbesetzten Saal. Ein offener Sizilianer war auf dem Brett. Schärfere Eröffnungen sieht man auf Weltklasseniveau praktisch nicht. Caruana ließ sich in dieser Zugfolge zuletzt selten darauf ein, weil ihm das Sweschnikow-System nicht liegt. Dieses brachte Carlsen erwartungsgemäß aufs Brett. Doch Caruanas Analyseteam leistet wie schon im Kandidatenturnier ganze Arbeit. Der Herausforderer schlug ein auf hohem Niveau nahezu unerprobtes Abspiel ein. Caruana versuchte erst gar nicht, die typische Felderschwäche auf der schwarzen Seite auszunutzen, sondern expandierte zügig und konsequent am Damenflügel.

          Darauf war Carlsen nicht gefasst. Er verbrauchte viel mehr Bedenkzeit und schwächte seinen Königsflügel ohne Not. Dass der Titelverteidiger ein starkes Bauernopfer zuließ und dann auch annahm, brachte seine Stellung zum Zerbersten. Caruanas Damenläufer nahm dem schwarzen König die Luft. Vor seinem 24. Zug sprang die Bewertung des norwegischen Supercomputers „Sesse“ auf siegverheißende 2,45 Bauerneinheiten Vorteil für Weiß. Ihn zu sichern verlangte allerdings mehrere Züge, die menschlicher Intuition widersprechen. Caruana nutzte den Zug, um ein Gegenspiel zu verhindern. Carlsens folgenden Damenzug, der alle Angriffe parierte, hatte er unterschätzt.

          Das Remis habe sich angefühlt, „als ob ich mit einem Mord ungestraft davongekommen bin“, sagte Carlsen. Mit Weiß muss er endlich auch auf die vermeintlich zweitbesten Varianten gefasst sein, mit denen Caruana seinen Vorbereitungen bisher zuvorkam. Für die zwei verbleibenden Schwarzspiele müssen seine Analytiker, die ihm mit Ausnahme seines dänischen Cheftrainers Peter Heine Nielsen per Skype zuarbeiten, ihn auf ein weniger riskantes Spanisch oder vielleicht Caro-Kann einstellen oder sein Sizilianisch reparieren. Sein Schachteam nahm Carlsen nach dem Beinahe-Unfall in Schutz: „Sie arbeiten sich ihre Hintern ab, und ich bin sehr zufrieden mit ihnen.“ Freundliche Worte vor langen Nächten.

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