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Schach-WM : Ein schlechter Tag kostet Deutschland Medaille

  • -Aktualisiert am

Zwischenzeitlich waren die deutschen Schach-Großmeister bei der Mannschafts-WM in Jerewan sogar in Führung, dann setzte es ein 0,5:3,5 gegen Rußland und es blieb nur Rang vier.

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          Zwischenzeitlich sah es bei der Mannschafts-WM in Jerewan nach mehr aus als Platz vier. Nach fünf Runden waren die deutschen Großmeister sogar in Führung, dann setzte es ein 0,5:3,5 gegen Rußland. Später strauchelte der Favorit selbst und mußte der Ukraine den Titel überlassen. "Unter den gegebenen Umständen war nicht mehr drin", sagte Artur Jussupow nach seiner Rückkehr aus Armenien zu faz.net.

          Der vierte Platz gehe ebenso in Ordnung wie die Einzelresultate, so Jussupow, zumal Deutschland bei der einzigen früheren WM-Teilnahme 1985 als Neunter enttäuscht hatte. Der gebürtige Russe, der seit seiner Einbürgerung 1993 das deutsche Team anführt, mußte ebenso wie Christopher Lutz, Alexander Graf und Thomas Luther in Jerewan alle acht Kämpfe durchspielen, während die Konkurrenten frische Ersatzleute bringen konnten.

          Vergebliche Suche nach Ersatz

          Der vorsichtige Optimismus, nach dem überraschenden Gewinn der Silbermedaille bei der Schacholympiade 2000 in Istanbul erneut ganz vorne mitzuspielen, erhielt einen kräftigen Dämpfer, als Rustem Dautow absagte. Der fleißigste Punktesammler von Istanbul wollte seine erkrankte Frau pflegen. Obwohl fast eine Woche bis WM-Beginn blieb, telefonierte Bundestrainer Uwe Bönsch vergeblich nach Ersatzleuten.

          Finanzkrise im Deutschen Schachbund

          Dabei machte sich bemerkbar, daß er keine Bezahlung garantieren kann. Seit mehr als einem Jahr sucht der Deutsche Schachbund vergeblich nach Sponsoren. Aufgrund des Mitgliederrückgangs und besonderer Ausgaben zum bevorstehenden 125jährigen Jubiläum steckt der Verband in einer Finanzkrise. Weil sie bisher ordentlich entlohnt wurden, wollen die Nationalspieler den Funktionären aber nicht in den Rücken fallen.

          Obwohl die Honorare für Istanbul nach einem Jahr immer noch offen sind und nunmehr keine Möglichkeit zum Pausieren oder Taktieren mit der Aufstellung blieb, habe die Stimmung im Team nicht gelitten, sagte Christopher Lutz zu faz.net. Der Kölner Großmeister holte beim 0,5:3,5 Rußland das einzige Remis. Der Kampf lief unglücklich, denn Thomas Luther habe am vieren Brett eine Gewinnstellung weggeworfen. Zudem hatten die Russen ausgerechnet vor diesem Wettkampf ihren spielfreien Tag und konnten sich ausführlich präparieren, während die Deutschen erst am Tag danach pausieren durften.

          Ein 17jähriger entscheidet den Titelkampf

          Am Ende strauchelte das auch ohne Kasparow und Kramnik favorisierte Team selbst. Rußland verlor in der letzten Runde 1,5:2,5 gegen die Ukrainer, die den Dreikampf um den Titel, an dem noch Gastgeber Armenien beteiligt war, um einen halben Punkt für sich entschieden.

          Das Zeug zum Weltmeister wird dem Ukrainer Ruslan Ponomarjow nicht erst nachgesagt seit seinem geteilten ersten Platz bei der Einzel-EM im Juni (er verlor den Stichkampf um den Titel gegen den Israeli Emil Sutovsky). Der 17jährige aus Dnjepopetrowsk erinnert mit seiner schmächtigen Statur und seinem Spielstil, der auf Kampf statt auf Eröffnungsvorbereitung basiert, an den jungen Anatoli Karpow.

          Auch andere Nationen auf Sponsorensuche

          Vor dem entscheidenden Kampf der letzten Runde sprach sich herum, daß Alexei Drejew auf russischer Seite nicht gegen Ponomarjow antreten wollte. Drejew wurde die Auswechslung verweigert. Nicht einmal der Vorteil der weißen Steine bewahrte den früheren WM-Kandidat vor der Niederlage gegen seinen Angstgegner. Damit steuerte Ponomarjow in sämtlichen wichtigen Begegnungen mit Deutschland, Armenien und Rußland einen vollen Punkt zum Erfolg der Ukraine bei.

          Während die Russen kurzfristig einen Sponsor für ihre Auswahl fanden, traten die Ukrainer in Jerewan für die Ehre an. Ihr Spitzenspieler Wassili Iwantschuk hatte bei früheren Mannschaftswettbewerben sogar schon für seine Mitspieler in die Tasche gegriffen. Auch die ungarischen und deutschen Profis spielten die WM ohne Honorar.

          Wenig Ambitionen für die Europameisterschaft

          Was die Sache auch erschwert für die Mannschafts-Europameisterschaft Anfang November in der spanischen Stadt Léon. Jussupow und Graf haben schon vor der WM erklärt, daß sie es sich als Profis und Familienväter nicht leisten können, zwei Turniere ohne Einkommen zu spielen. Nun hat auch Luther abgesagt. Der Erfurter will sich auf die Vorbereitung für die Einzel-WM, die am 25.November in Moskau beginnt, konzentrieren.

          Nur Lutz ist in Léon dabei. Dazu kommen Robert Hübner und voraussichtlich Dautow. Zwei weitere Plätze sind offen. Lutz fühlt mit Bundestrainer Bönsch: "Jetzt hat Uwe die ungleiche undankbare Aufgabe wie vor Jerewan."

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