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Schach : Russland gegen den Rest der Welt

  • -Aktualisiert am

Diesmal miteinander: Iwantschuk (l) und Ponomarjow Bild: AP

In Moskau messen sich im Schnellschach die führenden Großmeister Russlands mit den Besten aller anderen Länder.

          3 Min.

          Sechs Jahre ist es her, seit Garri Kasparow und Wladimir Kramnik letztmals für Russland angetreten sind. Und als Anatoli Karpow das letzte Mal in der Nationalmannschaft antrat, existierte die UdSSR noch. Doch auch ohne ihre besten Köpfe gewannen russische Auswahlen stets die Schacholympiaden.

          Weltmeister wurde im vorigen Jahr aber die Ukraine - ein großer Kratzer am Image der führenden Schachnation. Wie könnte Russland daher seine herrschende Rolle im Denksport deutlicher demonstrieren als nun durch ein Match gegen den Rest der Welt?

          Nach zwei von zehn Runden bahnt sich jedoch eine Überraschung an: Die Gastgeber liegen mit 8,5:11,5 zurück - Kasparow hat schon eine, Karpow gar beide Partien verloren.

          Die besten Russen sind am Start

          Sämtliche russischen Spitzenleute sind seit Sonntag mit in Moskau dabei, um die nationale Ehre wiederherzustellen, und sie nehmen den Schnellschachvergleich überaus ernst. Die Moskauer Blitzmeisterschaft, die Kramnik vor wenigen Tagen gewann, war besser besetzt denn je, weil sich einige aus der Auswahl warm spielten.

          Karpow erinnert an die Schacholympiade 1986, als die USA und England bis zur letzten Runde mit der sowjetischen Auswahl im Clinch um Gold lagen: „Kasparow und ich haben unsere Rivalität damals vergessen, damit wir gewinnen konnten.“

          „Finanzieller Appetit hat Budget überschritten“

          Kasparow selbst erklärt Russland zum Favoriten auf Grund der Absagen von Wesselin Topalow und Michael Adams. Das Fehlen der Bulgaren und des Engländers, die in der Weltrangliste auf Platz vier und fünf geführt werden, schwächt die Weltauswahl erheblich und ist in Schachkreisen derzeit Thema Nummer eins.

          Klar ist, dass keine Einigkeit über die Honorare erzielt wurde. Topalows Trainer Silvio Danailow bezeichnete ihre Forderung als „nicht billig, aber vernünftig“. Laut Gerik Bagalbajew, einem der Organisatoren, hat „der finanzielle Appetit von Adams und Topalow unser Budget überschritten“.

          Spielen politische Motive eine Rolle?

          „Ich habe nur zwei mögliche Erklärungen“, sagt Danailow gegenüber der das Event live übertragenden russischen Internetseite Worldchessrating. „Entweder gibt es ernste finanzielle Probleme, oder jemand in der Fide ist sehr interessiert, dass Russland das Match sicher gewinnt.“

          Die Andeutung zielt auf den Präsidenten des Weltschachbundes Fide Kirsan Iljumschinow, von dem die Initiative zu dem Vergleich ausging. In knapp zwei Monaten stellt sich Iljumschinow im Schach zur Wiederwahl, vorher will er aber auch noch die Wahlen in der teilautonomen russischen Republik Kalmückien gewinnen.

          Dass er überhaupt für eine dritte Amtsperiode kandidieren darf, wurde erst kürzlich vom russischen Verfassungsgericht zugelassen.

          Judit Polgar: einzige Frau im Männerduell

          Die Zusammensetzung der Weltauswahl ist, abgesehen von den Fällen Topalow und Adams, kontrovers dikutiert worden. Der Chinese Ye Jiangchuan, Loek van Wely aus der Niederlande und der Franzose Joel Lautier wären allesamt würdige Kandidaten gewesen, sind aber nicht aufgestellt worden.

          Im Gegensatz zu dem erst 15 Jahre Jahre alten Teimur Radjabow aus Aserbaidschan, der zwar in den letzten Monate gute Resultate zeigte, sich aber noch nicht in der Weltklasse festgesetzt hat.

          Die Ungarin Judit Polgar, die zuletzt in schwacher Form war, ist ebenfalls dabei. Sie ist nicht nur die einzige Frau, sondern zählt auch zu den nur vier Akteuren im Weltteam, die außerhalb der UdSSR geboren wurden. Einige sind ausgewandert, andere kommen aus ehemaligen Sowjetrepubliken, fünf Weltauswahlspieler haben Russisch als Muttersprache.

          Auch Putin ist involviert

          Außerhalb Russlands reicht die Aufmerksamkeit nicht annähernd an das Match 1970 in Belgrad, das eine UdSSR-Auswahl mit 20,5:19,5 Punkten gewann. Damals wurde ebenfalls an zehn Brettern, allerdings mit klassischer Bedenkzeit gespielt. Das gleiche Format wurde 1984 noch einmal in London erprobt, der sowjetische Sieg fiel mit 21:19 einen halben Punkt höher aus.

          In Moskau, das abgesehen von der Fide-Weltmeisterschaft und einem Schaukampf Kasparow gegen Kramnik im letzten Winter seit der Auflösung der UdSSR wenig Spitzenschach sah, ist der Vergleich dagegen ein Ereignis. Schauplatz ist der Kreml, Vorsitzender des Organisationskomitees ist kein geringerer als Staatspräsident Wladimir Putin.

          Der Modus: Schnellschach über zehn Runden

          Russland wird vertreten durch Kasparow, Kramnik, Karpow, Morosewitsch, Barejew, Grischschuk, Khalifman, Swidler, Drejew, Motyljow sowie als Ersatzspieler Swjaginzew und Rubljewski.

          Den Rest der Welt vertreten Anand (Indien), Fide-Weltmeister Ponomarjow, Iwantschuk (beide Ukraine), Leko, Polgar (beide Ungarn), Gelfand, Smirin (beide Israel), Schirow (Spanien), Short (England), Radjabow (Aserbaidschan) sowie als Ersatzspieler Akopjan (Armenien) und Asmaiparaschwili (Georgien).

          Am Sonntag und Mittwoch sind jeweils zwei Runden angesetzt, am Montag und Dienstag jeweils drei Runden. Es werden 25-Minuten-Partien mit zehn Bonussekunden pro Zug gespielt, und zwar zehn Runden an zehn Brettern nach dem so genannten Scheveninger System: jeder Spieler der einen gegen jeden Spieler der anderen Mannschaft.

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