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Schach : König Kasparow schlägt zurück

  • -Aktualisiert am

König Kasparov: Starkes Comeback Bild: dpa Sportreport

Starkes Comeback: Der erst kürzlich entthronte Schach-Weltmeister Kasparow siegte beim bestbesetzten Turnier aller Zeiten in Wijk aan Zee vor den Erzrivalen Anand und Kramnik.

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          Hinter den Kulissen gibt es Streit, doch drei Spieler halten die Schach-Welt in Atem:

          Im November 2000 entthronte der erst 25-jährige Russe Wladimir Kramnik seinen Landsmann Garri Kasparow bei der Braingames-Weltmeisterschaft in London. Kurz vor Weihnachten brach Viswanathan Anand (31) in die russische Phalanx ein und sicherte sich in Teheran als erster Inder den offiziellen WM-Titel des Weltverbandes FIDE. Doch bereits Ende Januar schlug Kasparow zurück: Der 37-Jährige gewann das bestbesetzte Turnier aller Zeiten in Wijk aan Zee vor den beiden Champions, und zwar zum dritten Mal in Folge.

          Mit dieser Reihe von Super-Veranstaltungen, zu denen auch die Schach-Olympiade zählt (Sieger im November 2000 war Russland), soll ein goldenes Zeitalter im Schachsport begonnen haben. Zumindest wünschen sich das die FIDE-Funktionäre. Deshalb haben sie den internationalen Turnierzyklus modernisiert und dem Zeitgeist entsprechend mit dem Label „Champions League“ versehen.

          Die besten 32 bilden die „Königsklasse“

          In der Weltrangliste hat Kasparow seine Führung durch den Sieg im holländischen Nordsee-Städtchen Wijk vor Anand und Kramnik ausgebaut. Damit hat er auch gleich die Spitze in der Champions-League-Wertung vor den beiden Erzrivalen übernommen. Insgesamt 32 Spieler duellieren sich in der eigens organisierten Turnierserie, die 14 besten und zwei Wildcard-Inhaber werden Ende des Jahres das Grand-Prix-Finale bestreiten.

          Pikant: Die beiden Wildcards vergibt FIDE-Präsident Kirsan Iljumschinow nach eigenem Ermessen und schwer durchschaubaren Kriterien. In der Szene ist der ehrgeizige Kalmüke durchaus umstritten. Das hält ihn freilich nicht von dem Versuch ab, Schach mit allen Mitteln in das Programm der olympischen Sommerspiele zu drücken.

          Chancen der Deutschen sind schlecht

          Eher unwahrscheinlich, dass sich ein deutscher Spieler für die Champions League qualifizieren wird. Der eingebürgerte Artur Jussupow (40) findet sich derzeit auf Rang 40 der Weltrangliste wieder. Bei der Schach-Olympiade in Istanbul war der gebürtige Russe der Stärkste im deutschen Team, das am Ende Zweiter wurde - nur knapp hinter dem Abonnementsieger Russland.

          Beim Super-Turnier von Wijk aan Zee war Jussupow dennoch nicht dabei. Wohl aber die ersten neun der Weltrangliste. Allen voran Schach-Legende Garri Kasparow, der sich mit aller Macht für seine erste Matchniederlage überhaupt bei der Braingames-Weltmeisterschaft gegen Wladimir Kramnik rehabilitieren wollte.

          Weltverband gegen Internetunternehmen

          Diese von einem Strategiespiele-Unternehmen aus der Internet-Branche gesponsorte WM wird von der FIDE nicht anerkannt. Der Weltverband lässt den offiziellen Titel im K.o.-Modus ausspielen. Sieger hier war Viswanathan Anand - neben Kramnik also der zweite amtierende Weltmeister in Wijk.

          „Wir haben zwei gleich starke Weltmeister“, urteilt Kasparow über seine schärsten Rivalen. „Kramnik hat 120 Jahre Tradition an Kandidatenmatches hinter sich, Anand nur eine Organisation.“ Insgeheim respektiert Kasparow lediglich seinen Landsmann als Champion, „weil er es wurde, indem er mich schlug.“

          Kasparow: „Ich bin immer noch der Beste“

          Derart forsche Töne ist man gewohnt vom Heißsporn aus Baku - forsch gespielte Schachpartien aber auch. Davon gelangen ihm in Wijk fünf, die restlichen remisierte er. Unentschieden endeten auch die Spiele der drei Topstars untereinander. „Die Qualität war nicht so, wie sie sein sollte“, räumte Kasparow ein. „Vielleicht war die Spannung, mit der die Partien erwartet worden waren, dafür verantwortlich.“ Auch wenn Garri Kasparow in den vergangenen Jahren schon mit größeren Punktabständen triumphiert hatte, war er dennoch mit dem Verlauf der beiden Turnierwochen zufrieden: „Ich habe bewiesen, dass ich immer noch der beste Turnierspieler der Welt bin.“

          Diesen inoffiziellen Ehrentitel wird ihm die ebenso junge wie hungrige Konkurrenz aber auch noch streitig machen wollen. Zum Beispiel beim nächsten Super-Turnier Ende Februar in Linares (Spanien). Kasparow seinerseits drängt auf eine Match-Revanche gegen Kramnik: „Er hat die moralische Verpflichtung, gegen mich zu spielen.“

          Die Schach-Fans allerdings haben genug von Konfusion und Kompentenzgerangel in der Weltspitze. Sie hoffen wieder auf einen einzigen Weltmeister, so wie das zuletzt Mitte der Neunziger Jahre der Fall war. Ob sich Kirsan Iljumschinow aber überhaupt mit Anand und Kramnik an einen Tisch setzen wird , um dafür konkrete Lösungen auszuarbeiten, bleibt äußerst ungewiss. Sicher ist nur, dass diese Frage die Schach-Welt noch länger beschäftigen wird.

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