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Schach : 18-Jähriger wird Weltmeister

  • -Aktualisiert am

Ukrainisches Denker-Duell in Moskau Bild: AP

Die Schach-Welt hat ihre Sensation: Der 18-jährige Ukrainer Ruslan Ponomarjow ist der jüngste Weltmeister aller Zeiten.

          3 Min.

          Zum Schluss war es keine Überraschung mehr. Ruslan Ponomarjow holte sich in Moskau den mit einer halben Million Dollar dotierten Weltmeistertitel des Weltverbandes Fide vom Inder Viswanathan Anand, der schon im Halbfinale ausgeschieden war. Und zwar.

          Er entthronte den Ukrainer Wassili Iwantschuk, der wiederum im Endspiel klar an Ponomarjow scheiterte.

          Remis nach 22 Zügen reichte

          Das eigentlich Überraschende am WM-Ausgang: Ponomarjow ist mit 18 Jahren und 104 Tagen der jüngste Titelträger aller Zeiten. Und er benötigte nicht einmal das Maximum von acht angesetzten Partien im Normalschach, um seinen Landsmann ungeschlagen mit 4,5:2,5 zu düpieren. Perfekt machte Ponomarjow seinen Triumph mit einem Remis im siebten Spiel.

          Nach nur 22 Zügen bot er als Anziehender mit den weißen Steinen Remis an, das Iwantschuk nicht ablehnen konnte. Hätte der Teenager gemusst, hätte er die Partie mit ebenso guten Gewinnaussichten forcieren können. Das war nicht nötig, weil er zuvor die erste und fünfte Partie ebenfalls mit Weiß für sich entschieden und keine der anderen Begegnungen verloren hatte.

          Ungeschlagen zum Finalsieg

          Schlüssel zum Erfolg war Ponomarjows unglaubliche mentale Stärke und eine verblüffende Konzentrationsfähigkeit. Selbst in den fast schon verlorenen Partien vier und fünf behielt er Geduld, Übersicht und Nerven - und holte 1,5 Punkte aus diesen beiden Spielen. Eine Vorentscheidung im Finalmatch, das Ponomarjow mit einem fulminanten Sieg eröffnet hatte.

          Das hätte er ohne entsprechende Vorbereitung allerdings kaum tun können. Die gewährte ihm der von der Fide zum vierten Mal angewendete WM-Modus.

          Schnell- und Blitzschach kam Youngster entgegen

          Im K.o.-System spielten die besten Schachspieler der Welt (bis auf Braingames-Weltmeister Wladimir Kramnik und den Weltranglistenersten Garri Kasparow, die den Fide-Modus boykottieren und einen eigenen Zyklus bevorzugen), bei Gleichstand nach den Duellen im Normalschach entschied ein Tie-Break mit Schnell- und nötigenfalls auch Blitzschach-Partien. Das kam dem nervenstarken Youngster zweifellos entgegen.

          Wie auch die Ruhepause von etwa einem Monat nach dem Halbfinale gegen den Russen Peter Swidler im Dezember 2001. „Die habe ich gebraucht“, gab Ponomarjow unumwunden zu, während seine Rivale lapidar meinte: „Mir ist es egal. Ich spiele auch ohne Pause.“

          Umstrittene Bedenkzeitregelung

          Das Reglement begünstigte in diesem Fall womöglich den Jüngeren und Unerfahreneren, der auch mit der von vielen Großmeistern kritisierten, verkürzten Bedenkzeit gut zurecht kommt. „Für mich ist das besser“, sagte der 18-Jährige. Schon unter ähnlichen Voraussetzungen bei der Mannschaftsweltmeisterschaft in Armenien war Ruslan Ponomarjow der Sieggarant des ukrainischen Nationalteams gewesen.

          Wassili Iwantschuk dagegen, ein kreativer, fantasievoller und fast genialer Spieler, spielt umso besser Schach, je mehr Zeit er zur Verfügung hat. Kein Wunder, dass er zu Protokoll gab: „Die neue Zeitkontrolle stört mich nicht so sehr. Obwohl: Wenn es irgendeine Veränderung geben sollte, dann bei der Bedenkzeit.“ Schließlich leidet die Qualität einer Partie, je schneller und weniger durchdacht diese gespielt wird.

          Ponomarjow: Schach als Lebensstil

          Das war auch im Moskowiter Hotel Metropol nicht anders. Die Partien der beiden zähen Ukrainer besaßen zwar einen hohen Unterhaltungswert, da sie praktisch ausnahmslos offensiv ausgerichtet und zu einem Großteil ausgekämpft waren und (bis auf die siebte) ohne taktische Remisschlüsse auskamen. Die Fehlerquote war für ein Match in einem WM-Finale aber beachtlich - das war nur deshalb nicht so augenfällig, weil Iwantschuk die Patzer seines Pendants nicht konsequent auszunutzen vermochte.

          So etwas schmerzt einen wie ihn, der Schach mit ganzer Leidenschaft lebt und es gar als seine „Sucht“ bezeichnet. Der Grad von Ponomarjows Abhängigkeit ist zwar nicht bekannt, das Maß seiner Leistungsfähigkeit mittlerweile aber zumindest zu erahnen. Denn ein fertiger Schachspieler ist der frisch gebackene Weltmeister, für den Schach schlicht „mein Lebensstil“ ist, noch lange nicht.

          In der Weltrangliste kommt der Ukrainer immer mehr in Reichweite der beiden „großen K“ - ob er in ihrer Liga mitspielen kann, muss aber erst die Turnierrealität der nächsten Monate erweisen. Kasparow und Kramnik werden jedenfalls jede Gelegenheit zelebrieren, bei der sie den jungen Fide-Weltmeister alt aussehen lassen können.

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