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Amateurfußball und Corona : Sorgen um Nachwuchs und Finanzen

  • -Aktualisiert am

Trauriger Anblick für jeden Lokalfußballer: Das Tor steht leer, der Platz ist verlassen. Bild: Michael Braunschädel

Trainer verzichten auf ihr Honorar, Gönner kaufen virtuelle Tickets für Spiele, Bratwurst und Bier. Doch der gesellschaftliche Beitrag, den Vereine leisten können, fällt der Corona-Pandemie zum Opfer.

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          Für den SV Oberdorfelden ist die Corona-Pandemie Fluch und Segen zugleich. Der Schönecker Ortsverein stand zum Zeitpunkt des Saisonabbruchs mit null Punkten am Tabellenende der Kreisoberliga Hanau. Trotz dieser desaströsen Bilanz hat der Verein wohl den Klassenverbleib geschafft, wenn der Plan des Hessischen Fußball-Verbands auf dem außerordentlichen Verbandstag (13. oder 20. Juni) nicht noch gekippt und es entgegen aller Erwartungen doch Absteiger geben wird. Die Feier wird ausbleiben.

          Das liegt nicht nur daran, dass man in Oberdorfelden keinen Stolz verspürt, „Fußball-Geschichte geschrieben“ zu haben, wie es der Spielausschuss-Vorsitzende Dietmar Böhmert ausdrückt. Die Auswirkungen der Spielpause sind für den kleinen Klub gravierend. Fixkosten laufen weiter: Die Sportplätze müssen instand gehalten werden. Das neu gebaute Vereinsheim zahlt der Klub noch ab. Einnahmen gibt es ohne laufenden Spielbetrieb keine. Die Fußball-Abteilung profitiere derzeit von der Hilfe, die sie von den anderen Sparten des Gesamtvereins erhält: „Im Moment haben wir deshalb noch Luft. Wenn sich das aber bis ins nächste Jahr zieht, könnte es finanziell sehr eng werden.“

          Unterstützung erhält der Klub auch über die Aktion „Geisterspieltickets“, bei der Amateurvereine im Internet mit dem Verkauf von virtuellen Tickets für Spiele, Bratwürste und Bier Spenden generieren können. Zusammengekommen sind dabei deutschlandweit schon über eine Viertelmillion Euro. Die größten Sorgen bereitet den Verantwortlichen aber etwas anderes: Der Ortsverein lebt vom Gemeinschaftsgefüge und dem Zusammenhalt im Team. „Das geht alles total verloren, muss neu aufgebaut werden und ist mit das größte Problem, das wir haben“, so Böhmert.

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          Dem Frankfurter Fußballverein Hausen geht es ähnlich. Anders als der SV Oberdorfelden hat der Klub den Trainingsbetrieb trotz des großen Aufwands wiederaufgenommen, um zu verhindern, dass die Bindung zwischen Spielern und Verein verlorengeht. Die Senioren trainieren schon wieder, die Jugend soll folgen. „Wir machen das, damit der Verein und die Mannschaft weiterleben“, sagt die Präsidentin Claudia Fleckenstein. Sie äußert auch ihre Sorge, dass Spieler abgeworben werden könnten. Zudem wolle man den Kindern und Jugendlichen wieder eine Perspektive bieten. „Unser Platz liegt in einem sozial schwachen Umfeld. Wir haben immer viele junge Leute von der Straße aufgefangen. Das ist im Moment nicht möglich.“

          Der soziale und gesellschaftliche Beitrag, den Fußballvereine gerade in strukturschwachen Regionen leisten können, fällt aktuell vielerorts der Pandemie zum Opfer. Sorgen um die Existenz der Klubs macht sich Fleckenstein nicht – auch weil das Land Hessen gemeinnützige Vereine mit bis zu 10.000 Euro fördert, damit diese die Krise überstehen können. „Es wird schwierig, irgendwann alles wieder hochzufahren, aber überleben werden die Vereine. Wenn man gut haushaltet, ist das machbar“, sagt sie.

          Feste als Einnahmequelle fehlen

          Stefan Sondergeld, der Fußballabteilungsleiter der Spvgg. Dietesheim, spricht hingegen von „massiven Problemen“, die auf einige Klubs zukommen werden. „Ich habe den Eindruck, dass wir finanziell über die Runden kommen, aber nur, weil die Ausgaben nicht so weiterlaufen wie bei anderen Vereinen“, sagt Sondergeld mit Blick darauf, dass Spieler in Dietesheim nur Sieg- oder Punktprämien erhalten. Wird nicht gespielt, fallen hier keine Kosten an. Damit ist der Klub in der Kreisoberliga Offenbach zwar keine Ausnahme. Es gibt jedoch auch in den unteren Klassen viele Vereine, die Spielern ein monatliches Festgehalt zahlen und nun Schwierigkeiten bekommen, da neben dem regulären Spielbetrieb auch die vielerorts als Einnahmequelle beliebten Feste wegfallen.

          Die Trainer in Dietesheim verzichten laut Sondergeld freiwillig auf ihren Obolus. Das hilft dem Klub, der sich aus mehreren Gründen dagegen entschieden hat, den Trainingsbetrieb wieder- aufzunehmen: „Der Aufwand steht in keinem Verhältnis zu dem, was dabei herumkommt. Wenn es kein Spielchen gibt, kommen die Kinder und Jugendlichen maximal einmal ins Training“, erklärt Sondergeld, der zudem auf die offene Haftungsfrage verweist: Was passiert, wenn sich im Training jemand infiziert? Haften würde der geschäftsführende Vorstand, dem das zu viel Verantwortung ist. Dass die Eltern eine Haftungsfreistellung des Vereins unterschreiben würden, kann sich Sondergeld nicht vorstellen. „Mein Eindruck ist, dass die Politik unter Druck war und da eine Lockerung beschlossen hat, die im Fußball gar nicht umsetzbar ist“, sagt der Abteilungsleiter.

          Was fast alle Vereinsvertreter eint, mit denen man dieser Tage spricht, ist die Sorge, dass Kinder und Jugendliche die Sportart wechseln oder sich anderen Hobbys widmen könnten, falls nicht bald ein Ende der Pandemie abzusehen sein sollte. Abmeldungen gibt es aktuell nicht mehr als sonst auch. Das könnte sich aber bald ändern. „Wenn der Worst Case eintritt und nach den Sommerferien oder 2021 immer noch kein Fußball gespielt werden kann, werden die Eltern ihre Kinder großflächig abmelden“, befürchtet Robert Sattler, der Vereinsvorsitzende des Hanauer Klubs VfR Kesselstadt. Er glaubt auch, dass viele Spieler im Alter zwischen 30 und 35 Jahren die Schuhe an den Nagel hängen könnten, wenn sie ohnehin bald Schluss machen wollten: „Wenn so dann ein Teil der Mannschaft wegbricht, wird es schwierig, das aufzufangen, weil auch von unten nur wenig nachkommt.“

          Von 2009 bis 2019 hat der Deutsche Fußball-Bund (DFB) 18 Prozent seiner Nachwuchsmannschaften verloren, berichtete das Fachmagazin „Kicker“ zuletzt – vor allem A-Juniorenteams sind rar. Sattler ist sich zudem sicher, dass die Pandemie den Amateurfußball grundlegend verändern wird: „Viele Vereine werden finanziell vor echten Problemen stehen. Die goldenen Zeiten für die Spieler, in denen sie mit viel Geld bezahlt wurden, dürften in den nächsten Jahren definitiv vorbei sein.“

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