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Schwimmer Marco Koch : Die Sprache des Körpers

  • -Aktualisiert am

Marco Koch vor dem 100 Meter-Halbfinale im Brustschwimmen bei den Meisterschaften Glasgow 2019 Bild: Imago

In Rio sprang Marco Koch als Favorit ins Becken und tauchte als Siebter wieder auf. Damit es in Tokio besser für ihn läuft, wechselte der Schwimmer den Trainer. Die Olympia-Verschiebung kam ihm da gerade recht.

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          Sein Körper ist für Marco Koch nicht nur ein Instrument, sondern auch ein wichtiger Ratgeber. Der 30 Jahre alte Schwimmer hört genau hin, was er ihm zu sagen hat, spürt nach, wie sich etwas anfühlt. Im täglichen Training hilft das dem früheren Europa- und Weltmeister, rechtzeitig einen Schlussstrich zu ziehen, selbst wenn das Vorhaben für den Tag noch ein paar Kilometer mehr vorsieht. Der Brust-Spezialist der SG Frankfurt lässt sich auf diese Art aber auch in grundlegenden Dingen führen.

          Ende 2019 war es mal wieder so weit. Koch ging ein Risiko ein, weil ihm der Weg, auf dem er sich befand, nicht mehr hundertprozentig richtig erschien. Bis dahin hatte sich der gebürtige Darmstädter vom ehemaligen Bundestrainer Henning Lambertz die Übungspläne schreiben lassen. Doch er entwickelte „eine kleine Grundskepsis“. Bis zum vielleicht letzten großen Ziel, den ursprünglich für den Sommer 2020 angesetzten Olympischen Spielen in Tokio, blieben nur noch acht Monate Zeit. „Ich hätte mich nicht getraut, noch ein Jahr so weiterzumachen“, sagt der Athlet.

          Sein Wechsel zu Dirk Lange, mit dem Koch schon früher kooperierte, stellte ein Wagnis dar. „Wir hätten nichts falsch machen dürfen.“ Der Druck wäre riesig gewesen. Dieser Tage sitzt Koch entspannt im Garten der Sportschule des Landessportbundes Hessen. Ohne die Coronavirus-Krise hätten am Freitag die Spiele von Japan begonnen. Durch die Verschiebung auf 2021 hat er Zeit gewonnen. Nun lässt sich doch noch einiges ausprobieren.

          Mehr Flexibilität im Training

          Der Schwimmer, der so außerordentlich gut durchs Wasser gleiten kann, hat mit Olympia noch eine Rechnung offen. 2016 in Rio war er als Favorit ins Becken gesprungen und als Siebter wieder aufgetaucht. In Tokio will er ein Rennen schwimmen, mit dem „wir alle drei sehr zufrieden sind“: neben Lange und ihm selbst auch die hessische Landestrainerin Shila Sheth, die in Frankfurt am Beckenrand steht und die Vorgaben des Kollegen aus Graz der Tagesform des Sportlers anpasst. Wann die Stoppuhr am Finaltag stehen bleiben soll, bleibt geheim. Die angepeilte Zeit für die 200 Meter Brust würde den Griff nach Edelmetall wahrscheinlich machen.

          Der Unterschied zur vorherigen Trainingsgestaltung besteht in der wieder angestrebten Flexibilität. Für jede Einheit sei genau festgelegt, mit welcher Belastung sie absolviert wird. Es gibt harte und lockere Einheiten und einmal pro Woche eine sprintorientierte, die die Grundschnelligkeit erhöhen soll. „Damit mir die ersten 100 Meter möglichst leichtfallen“, sagt Koch. Er soll jede Art von Rennen mitgehen können, egal ob die Konkurrenz schnell loslegt oder erst später Gas gibt.

          Mit „brutalem Jetlag und Rückenschmerzen“ zur Normzeit

          Schon im Januar, als erster deutscher Schwimmer und beim allerersten Versuch, hatte Koch die Normzeit für Tokio unterboten. Das Meeting im chinesischen Shenzhen ging er „mit brutalem Jetlag und Rückenschmerzen“ wegen einer Muskelblockade an. Es sollte nicht nur deshalb für ihn deutlich schneller gehen als die 2:09,81 Minuten, die er dabei benötigte, „sonst brauche ich gar nicht erst zu den Spielen zu reisen“. Die Qualifikation kann der frühere Europarekordler mit einer Bestzeit von 2:07,47 Minuten aus dem Jahr 2014 immerhin abhaken und sich nach der Pause, die er auf die Phase des Lockdowns vorzog, allein auf den Höhepunkt konzentrieren.

          Gedanken über die Zeit danach schiebt er zur Seite. „Das Schwimmen macht mir noch Spaß“, betont Koch. Es könnte deshalb sein, dass er nach den Spielen nicht gleich aufhört. Neben der Unterstützung von Sponsoren und der Sportförderung ermöglicht unter anderem die International Swimming League (ISL), bei der der Deutsche nach seinem Debüt 2019 auch in diesem Herbst gerne wieder starten würde, um Prämien zu erschwimmen.

          Wie bei allen anderen Wettkämpfen stehen hinter dieser ISL noch Fragezeichen. Mitte August ist in Rom ein erstes internationales Meeting vorgesehen. Koch ist dafür gemeldet. Wettkampfhärte und -erfahrung sind ihm wichtig. Die Atmosphäre inmitten internationaler Konkurrenz lässt sich im Training nicht nachstellen. Zumal es ihm in seiner Heimat schon lange an Partnern mangelt, die seinem Tempo gewachsen sind. Allein zu trainieren, ist Marco Koch deshalb gewohnt. Es macht ihm nichts aus. Die Gesellschaft gleichwertiger Kollegen, wie er sie bei seinen seltenen Ausflügen zu Lange nach Österreich erlebt, könne eine Weile hilfreich sein. Aber sie lenke auch von der Kommunikation mit dem eigenen Körper ab.

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