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Volleyball-Bundesliga : Neue Besen kehren schlecht

  • -Aktualisiert am

Trainer Christian Sossenheimer verzweifelt bisweilen an den Leistungen seiner VCW-Spielerinnen. Bild: Picture-Alliance

Ein Geschäftsführer ohne sportliche Kompetenz. Eine Teammanagerin, die lieber noch mitspielen würde. Ein Trainer, der zweifelt. Und ein Team ohne Führungskraft. Der neu aufgestellte VC Wiesbaden wankt.

          3 Min.

          Wer den Geschäftsführer des VC Wiesbaden (VCW) erreichen will, kann auch die alte Büronummer von dessen großer Schwester anrufen. Christopher Fetting hatte Anfang April des vergangenen Jahres den Posten beim Volleyball-Bundesligaklub übernommen, den einige Zeit zuvor Nicole Fetting innehatte, ehe sie als Generalsekretärin zum Deutschen Volleyball-Verband wechselte.

          Achim Dreis
          Sportredakteur.

          Großartige Kompetenz in der Sportart reklamiert Fetting im Gegensatz zu seiner Schwester, die jahrelang in der Bundesliga spielte, nicht für sich. Doch das hält der 32-Jährige auch für eher unerheblich: „Die Geschäftsführung muss nicht in der Hand eines ehemaligen Sportlers liegen“, meint er im Gespräch mit dieser Zeitung. Stattdessen seien Vertrieb, Sponsoring und auch Controlling seine vordergründigen Aufgaben beim VCW, dessen Etat mit etwa 1,4 Millionen Euro pro Jahr angegeben wird.

          Für das sportliche Knowhow wurde Simona Kósová als Teammanagerin installiert. Die Slowakin spielte drei Spielzeiten als Mittelblockerin im Bundesliga-Team des Vereins, ehe eine Patellasehnen-Verletzung im linken Knie ihre Karriere mit nur 27 Jahren beendete. Kósová vermittelt den Eindruck, gerne noch selbst mitspielen zu wollen, muss nun aber das Team von außen organisieren. Den Resultaten nach gelingt ihr das noch nicht besonders gut, auch wenn sie nach der schwachen Hinrunde betonte: „Ich sehe eine Steigerung.“ Doch auch in der Rückrunde gingen von vier Spielen drei verloren.

          Vor dem Heimspiel an diesem Samstag (19 Uhr) gegen den Tabellenletzten Suhl erscheint die sportliche Lage beim VC Wiesbaden so schlecht wie noch nie, seit der Verein vor 15 Jahren in die Volleyball-Bundesliga aufgestiegen ist. Vier Siege aus 14 Spielen – das entspricht nicht den Vorstellungen, die man vor der Saison beim einzigen Erstligaklub in Hessens Hauptstadt hegte. „Ich bin überzeugt, dass wir in der kommenden Saison eine nicht zu unterschätzende Rolle in der Liga spielen können“, hatte Fetting bei seinem Amtsantritt vor gut zehn Monaten gesagt. Nun ruft er stattdessen eine Saison der „Neu- und Umorientierung“ aus und erinnert daran: „Wir sind fast alle Newcomer auf den entscheidenden Positionen.“ Neben Simona Kósová und ihm arbeitet auch Christian Sossenheimer in noch immer ungewohnter Rolle. Nach neun Jahren als Assistenztrainer steht er zum ersten Mal als Chefcoach in der Verantwortung – und vermittelt bisweilen den Eindruck, an seinem Team zu verzweifeln.

          Auszeit: Christian Sossenheimer bei seiner Ansprache an das Team.
          Auszeit: Christian Sossenheimer bei seiner Ansprache an das Team. : Bild: Picture-Alliance

          Von den zwölf Spielerinnen im Kader sind sieben neu, und bislang hinterließ keine den Eindruck, dem Team wirklich weiterhelfen zu können. Vor allem übernimmt keine die Rolle einer Antreiberin, die die anderen mitziehen könnte, wie es in besseren Zeiten Spitzenkräfte wie Ksenija Ivanovic, Karine Muijlwijk oder Regina Burchardt vorlebten. „Auf dem Feld fehlt eine Führungsspielerin“, hat auch Fetting als Problemstelle der unzureichenden Kaderzusammenstellung erkannt. Seinen Part bei Verpflichtungen sieht er aber vornehmlich darin, ob es „wirtschaftlich passt oder nicht“.

          Für die sportliche Expertise sei das Trainerteam zuständig gewesen – auch der vorherige Cheftrainer Dirk Groß, der in Absprache mit Sossenheimer und dem zweiten Ko-Trainer Olaf Minter noch einige Verpflichtungen vorbereitet hatte, ehe sich der VCW Anfang April 2019 von ihm trennte. Christoph Fetting hatte zu diesem Zeitpunkt gemeinsam mit Georg Kleinekathöfer die Geschäfte geführt. Der ehemalige VCW-Sanierer Kleinekathöfer, der den Verein Anfang des Jahrzehnts aus der Planinsolvenz führte, hatte das Interregnum zwischen den beiden Fettings für 15 Monate gestaltet und seinen Nachfolger dann noch drei Monate begleitet.

          Heute steht Fetting nach Kleinekathöfers Rückzug allein an der Spitze, nutzt aber durchaus die Möglichkeit, familienintern Feedback einzuholen. „Ich wäre ja blöd, die große Schwester nicht zu fragen.“ Und auch im näheren Umfeld ist Expertise vorhanden. Nicole Fettings Lebenspartner Ulrich Schwaab agiert als Leiter des Abteilungsstabs der Sportabteilung im Hessischen Innenministerium und ist zudem einer der drei Köpfe im ehrenamtlichen Aufsichtsrat der VC Wiesbaden Spielbetriebs GmbH. Zu dessen Aufgabe gehört es, die kontinuierliche Weiterentwicklung des VCW zu begleiten.

          Vom aktuellen Saisonziel, einem Play-off-Platz, ist der Verein sechs Spiele vor Schluss jedoch zehn Punkte entfernt, vom Abstiegsplatz dagegen nur fünf. Wobei Fetting den Abstieg für unwahrscheinlich hält. Erstens glaubt er, das Team sei sportlich stark genug, Pflichtsiege gegen Mannschaften zu realisieren, die hinter dem VCW stehen – außer gegen Suhl noch gegen Erfurt am 22. Februar. Zudem sei abzusehen, dass der Abstieg ausgesetzt werden könnte, weil aus der zweiten Liga kein Team nach oben strebt und die schwach besetzte Bundesliga mit nur elf Mannschaften sich keinen weiteren Abgang eines etablierten Standorts leisten kann.

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