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TV Großwallstadt : Immel und das schwere Leben ohne Handball

  • -Aktualisiert am

Vormittags um 11 Uhr, Medizinisches Trainingszentrum Großwallstadt. Jan Olaf Immel hat schon zwei Stunden hinter sich. Noch ein bißchen Rückenmuskeltraining, zwei, drei lockere Durchgänge, dann ist das sportliche Tagwerk vollbracht.

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          Vormittags um 11 Uhr, Medizinisches Trainingszentrum Großwallstadt. Jan Olaf Immel hat schon zwei Stunden hinter sich. Noch ein bißchen Rückenmuskeltraining, zwei, drei lockere Durchgänge, dann ist das sportliche Tagwerk vollbracht. Immel ist nicht der einzige Handballprofi des TV Großwallstadt, der seine Einheiten im Trainingszentrum hinter sich bringt. Heiko Grimm plagt sich wieder einmal mit einer Bauchmuskelzerrung, eine Verletzung, die ihm schon im vergangenen Jahr zu schaffen machte, als er noch bei der zwischenzeitlich in Konkurs gegangenen SG Wallau/Massenheim spielte. Von da kam auch Immel zum mainfränkischen Traditionsklub. Um Handball zu spielen - eigentlich. Aber davon ist der Nationalspieler derzeit weit entfernt.

          Es ist ein Weilchen her, daß Immel zum letzten Mal den Ball in einem Punktspiel bewegt hat. Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: "Achtzehnter Dezember 2004." Es war in der Partie beim VfL Gummersbach, als der Rückraumspieler in der gegnerischen Abwehr hängen blieb und von einem der Gummersbacher Defensivrecken den Wurfarm nach hinten gerissen bekam. "Ich wußte gleich, daß etwas nicht stimmte", sagt Immel. Zwei Schulteroperationen hat der 2,03 Meter große Recke inzwischen hinter sich gebracht. Zunächst am 21. Dezember in Rottenburg und dann am 28. Juni bei einem Bremer Schulterspezialisten. Doch die rechte Schulter will immer noch nicht so, wie sich das Immel wünschen würde. Im November, so hatte der TV Großwallstadt vor Saisonbeginn hoffnungsvoll mitgeteilt, könne Immel wieder zum Ball greifen. Der schüttelt nur den Kopf. "Keine Chance", sagt er. Frühstens im Dezember könne er daran denken, "realistisch ist eher Februar."

          Das Zusehen fällt ihm immer schwerer. "Ich bin einer, der spielen will", sagt er. Unbedingt und auch mit zusammengebissenen Zähnen. Das hat Immel monatelang gemacht. Unter anderem, um der SG Wallau zu helfen, die ihn wenig später auf unrühmliche Art und Weise aus dem Vertrag bugsierte. Auf Bülent Aksen, den einstigen Manager der SG, ist Immel seitdem schlecht zu sprechen. "Wenn Duisburg bei den Lions spielt, sitze ich auf der Tribüne", sagt Immel bissig. Aksen ist nämlich inzwischen Pressesprecher beim Eishockey-Profiklub Duisburger Füchse. Die Zähne zusammengebissen und trotzdem gespielt, hat Immel vor seinen Operationen oft - vielleicht zu oft. Nach einem schweren Auswärtsspiel hatte der einstige Wallauer Pressesprecher Henrik Ziegler einmal gesagt: "Mit dem Arm von Jan Olaf möchte ich morgen früh nicht aufwachen." Immel hat beim Handball stets versucht, alles zu geben. Gedankt hat ihm das in Wallau niemand. Inzwischen hört Immel genauer auf die Signale seines Körpers. Zu unangenehm war die Zeit nach der jüngsten Operation, nach der er wochenlang eine große Schiene vor sich herschleppte. "Ein aufblasbares Riesending, sah aus wie ein Schlauchboot." Immel mußte seine Matratze im Wohnzimmer auslegen, "weil ich nur auf dem Rücken liegen konnte und geschnarcht habe wie ein Großer." Inzwischen hat er auch das hinter sich. Aber Handball spielen? Immel schüttelt nur den Kopf. "Geht noch nicht", sagt er. Den rechten Wurfarm kann er immer noch nicht ganz hochheben. So joggt er regelmäßig, der mp3-Player ist dabei immer mit von der Partie, "denn ohne Musik geht gar nix." Und er trainiert fleißig in Großwallstadt an den Fitneßgeräten. Kleine Gewichte, niedrige Belastungsstufe. Die Latissimusübung mit zwanzig Kilo - "manchmal komme ich mir vor wie ein Rentner", sagt Immel und grinst.

          Vom Rentnerdasein ist der Diplomsportlehrer freilich weit entfernt. Am Wiesbadener Elly-Heuss-Gymnasium unterrichtet er Sport. Der Nationalspieler betreut eine sechste, eine zehnte und zwei neunte Klassen. Die Arbeit macht ihm Spaß, auch wenn sie zuweilen anstrengend ist. Sportlehrer Immel setzt auf Disziplin. Wer nicht so mitmacht, wie er sich das vorstellt, schreibt Protokolle. Zudem hält den Großwallstädter sein Handball-Nachwuchsprojekt auf Trab, das er zweimal in der Woche im Auftrag des Hessischen Handball-Verbandes betreut.

          Langeweile kommt also erst gar nicht auf. Dafür sorgt auch die Familie. Im Oktober erwarten die Immels ihr zweites Kind, die drei Jahre alte Julia wird also Gesellschaft bekommen - und die Nächte für Papa Jan Olaf werden wieder kürzer. Am schwersten ist für Immel aber eines: das Zusehen beim Handball. Als der TVG sein erstes Saisonspiel bei der SG Kronau/Östringen bestritt, saß Immel auf der Tribüne zwischen lauter Fans der "Kröstis". "Die haben mich sogar beschimpft", sagt Immel schmunzelnd, "weil ich bei jedem Großwallstädter Tor aufgesprungen bin und gejubelt habe." Daß den Fans hinter ihm dann die Sicht versperrt war, ist angesichts Immels keineswegs zierlichem Körperbau klar. Aber als der sich dann zu den erbosten Fans umdrehte und entschuldigend um Verständnis bat, war das Problem gelöst.

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