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Tipp-Kick : Harte Schüsse aus Gusseisen

  • -Aktualisiert am

Ein Kinderspiel? Tipp-Kick verlangt stundenlanges Training Bild: Florian Manz

Stundenlanges Training für einen Schuss muss schon sein: Die meisterhaften Tipp-Kick-Künste des Alexander Beck.

          2 Min.

          Er hat ihn in den Ruhestand geschickt. Drei deutsche Meistertitel, vier Pokalsiege – Mario Basler hatte seinen Dienst getan. Mit ihm erzielte Tipp-Kick-Ass Alexander Beck vom TKC Gallus Frankfurt unzählige und wichtige Tore. Darunter einige direkt verwandelte Eckbälle, weshalb die Gegner immer leicht nervös wurden, wenn Beck seinen Spezialisten auf dem Fußballtisch postierte. Wie zur Drohung drückte er mehrmals auf den Knopf der Spielfigur, ehe er tatsächlich schoss. Eigentlich gibt Beck seinen kleinen Gusseisenmännchen keine Namen, aber die Konkurrenz hatte für diesen Individualisten schnell einen gefunden: Mario Basler, so wie der frühere Fußballprofi, der einst in der Bundesliga Eckbälle direkt verwandelte.

          Es könnte daher sein, dass „Super Mario“ in den Aufzeichnungen von Fabio de Nicolo ein Extra-Kapitel gewidmet ist. Nicolo führt über jeden Tipp-Kick-Gegner Buch: Wo liegen Stärken, wo Schwächen? Welche Fähigkeiten beherrschen die einzelnen Spielfiguren? Sind sie Spielmacher, Dreher oder Bolzer? Im Endspiel der deutschen Meisterschaft nutzte dem Nordfriesen alle Akribie wenig: Gegner Beck hatte neben Basler auch seine anderen altgedienten Männlein zu Hause im Regal stehen lassen und brachte, gut in einem kleinen Köfferchen verstaut, eine neue Spielfiguren-Generation nach Berlin. Mit der trumpfte der Frankfurter ähnlich auf wie Bundestrainer Joachim Löw mit der jungen Nationalmannschaft bei der Fußball-WM in Südafrika. Nur erfolgreicher: Beck gewann das Finale gegen de Nicolo und damit das Turnier, das mangels internationaler Konkurrenz einer Tipp-Kick-WM entspricht. Es gibt nur noch in der Schweiz einen Verband, aber keine ebenbürtigen Gegner.

          Stundenlanges Training für einen Schuss

          Deutsche Spitzenspieler arbeiten pedantisch an ihrem Tipp-Kick-Spiel: Stundenlang trainieren sie einen speziellen Schuss, bis er sitzt. Ob mit Innen- oder Außenrist, mit Spann oder per Lupfer – „man kann auf hundert verschiedene Arten Tore schießen“, sagt Beck. Für ihn steckt die Hauptarbeit aber nicht im Training, sondern darin, die gekauften Spielfiguren „bundesligatauglich“ zu machen. Rund 50 Stunden benötigt Beck dafür: Erst beizt er die Farbe ab, dann justiert er die Mechanik, indem er abwechselnd Probe schießt und schraubt. Übertreiben darf er es aber nicht – sonst droht Ärger mit der Freundin.

          Alex Beck setzt zum Schuss quer übers Spielfeld an

          Viele haben Tipp-Kick noch von früher als Kinderspiel in Erinnerung. Mit dieser verbreiteten Auffassung können der 37-Jährige und seine – oft gleichaltrigen – Mitstreiter in Deutschland nichts anfangen: Die rund 600 Enthusiasten wollen ernst genommen werden, Tipp-Kick ist für sie Sport. „Ansonsten wäre ich doch wahnsinnig, wenn ich so viel Zeit in ein unbezahltes Hobby investieren würde“, sagt Beck, der als Buchhalter sein Geld verdient. Neben deutschen Meisterschaften und anderen Turnieren bestreitet er mit seinem Verein TKC Gallus Frankfurt seit 1994 Bundesliga-Spiele. Die Kosten für Fahrten, Übernachtungen und Startgelder belaufen sich auf 2000 Euro pro Jahr. Sponsoren hat er nicht.

          Rückenweh vom Turnier

          Wenn Beck von der Meisterschaft in Berlin erzählt, deutet er auf seinen Rücken, der schmerzte nach dem zweitägigen Turnier. Fünf Stunden beugte sich Beck pro Tag über die Spieltische. Besonders vor schnellen Gegenangriffen müssen sich Tipp-Kick-Spieler hüten. „Nicht einmal eine Sekunde bleibt mir nach Ballverlust, um mich zurückzuziehen, ansonsten zappelt der Ball im eigenen Netz“, sagt Beck, dem viel daran liegt, das eigene Tor zu verteidigen. Wie im richtigen Fußball: Die Null muss stehen, nur klappt das beim Tipp-Kick selten. Für seinen Triumph hat er eine Trophäe bekommen, die ihm zufolge „hässlich wie die Nacht ist.“ Doch wegen der Pokale spielt Beck nicht. Er spielt, um zu gewinnen, und er fühlt sich in der Tipp-Kick-Familie wohl. Der wird Beck bald eine neue Spielfigur präsentieren, an der er gerade feilt. Vielleicht wird es ja der neue Mario Basler?

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