https://www.faz.net/-gtl-9y183

Tennisprofi Tim Pütz : „Tennis ist ein komischer Sport“

  • -Aktualisiert am

Tim Pütz: „Ich halte mich an Regeln und will auch niemanden in Gefahr bringen.“ Bild: Picture-Alliance

Tennisprofi Tim Pütz über die Einzelkämpfer in seiner Sportart, Training und finanzielle Einbußen in Zeiten der Corona-Krise sowie die Frage, wie man eigentlich Spielervertreter Djokovic erreicht?

          3 Min.

          Wie trainiert ein Tennisprofi in Zeiten von Corona, um einigermaßen in Form zu bleiben – heimlich?

          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Nein. Natürlich könnte ich mich bei der Eintracht um sieben Uhr morgens in die Halle schleichen und Tennis spielen, ohne dass es jemand mitbekäme. Wahrscheinlich würde ich auch eine Ausnahmegenehmigung kriegen. Aber das bin ich nicht. Ich halte mich an Regeln und will auch niemanden in Gefahr bringen. Auch wenn das Trainieren dadurch relativ ist. Ich gehe viel Joggen im Wald, fahre Rad. Ansonsten haben meine Eltern in Usingen einen kleinen Fitnessraum, in dem ich mich viel aufhalte. Aber auch Fitnesstraining hat seine Grenzen, es muss Sinn machen, ich will ja nicht zum Bodybuilder werden. Sich zu verausgaben, nur für das Gefühl, viel getan zu haben, bringt nichts.

          Befürchten Sie nicht, dass andere Tennisprofis weniger Skrupel haben, auf dem Platz stehen, dadurch die Pause besser nutzen und im Vorteil sind, wenn es wieder losgeht?

          Wenn die Pause nicht noch länger dauert als geplant und im Juni wieder Turniere gespielt werden, dann wird sich das nicht so gravierend auswirken. Das wäre bei Ausdauersportarten wie Marathonlaufen oder Rudern viel schlimmer.

          Wie verläuft die Kommunikation mit der internationalen Spielerorganisation ATP und dem Deutschen Tennis Bund (DTB)? Haben Sie eine Vorstellung, wie und wann es weitergehen könnte?

          Die ATP meldet sich immer wieder Mal, vermittelt den Eindruck, dass man sich kümmert. Aber es gibt keine konkreten Informationen. Ich weiß nicht mehr, als dass nicht vor Ende April darüber entschieden wird, ob es im Juni weitergeht. Vom DTB hört man traditionell gar nichts, wobei es im Moment auch nichts zu sagen gibt. Allerdings wäre es so langsam interessant zu erfahren, was man mit der Bundesliga vor hat, die im Juli starten sollte.

          Träfe Sie eine Absage der Bundesligasaison hart?

          Es wäre relativ blöd, um kein schlechteres Wort zu benutzen, ein großer Batzen meiner Jahreseinnahmen würde wegfallen. Aber ich müsste nicht unter der Brücke schlafen. Das Unangenehme ist: Wir hängen in der Luft: Gibt es eine Rasensaison oder nicht? Findet Wimbledon statt? Gibt es überhaupt genug Bundesligaklubs, deren Hauptsponsoren weitermachen? Ich habe das Gefühl der Ungewissheit wie während einer schweren Verletzung. Aber natürlich ist es für die Turnierveranstalter viel schlimmer als für die Profis.

          Sie sind 32, haben ein abgeschlossenes Studium. Ist nicht der Zeitpunkt gekommen, das Karriereende nach vorne zu verschieben?

          Nein. Ich bin ja ein Spätstarter, für mich ist es keine Selbstverständlichkeit, auf der ATP-Tour spielen zu können. Im Doppel kann man ohnehin länger spielen. Ich habe noch ein paar gute Jahre vor mir, wenn alles wieder normal läuft. Ich nage ja nicht am Hungertuch, weil ich vorübergehend kein Geld verdiene.

          Wie geht es generell Weltranglistenspielern zwischen 100 und 1000, haben sie existentielle Sorgen?

          Das glaube ich nicht. Tennis ist ein komischer Sport. Die wenigsten betreiben ihn, um ihren Lebensunterhalt damit zu bestreiten, wenn es auch seltsam klingt. Wer gut genug ist, sein Geld damit zu verdienen, geht es gleich so gut, dass er ein paar Monate ohne Einnahmen wegstecken kann. Das sind auf jeden Fall die ersten 100, vielleicht 150 der Weltrangliste. Alle anderen können ohnehin nicht von Tennispreisgeldern eine Familie ernähren. Sie sind dabei, weil sie das Profileben, den Lebensstil mögen, weil sie von Sponsoren unterstützt oder vom Elternhaus versorgt werden. Als Nummer 350 der Weltrangliste hast du so gut wie keine Einnahmen an Preisgeldern in deiner Steuererklärung stehen, dafür unglaublich hohe Ausgaben für Reisen, Unterkunft und Training. Wenn jetzt wegen des Coronavirus die Turniere wegfallen, fallen auch die meisten Kosten weg, aber keine Einnahmen, weil sie ohnehin nicht existieren. Wer sich das Tennisprofileben auf Challenger- oder Future-Ebene nicht leisten kann, hätte schon vor Corona aufgehört und Trainerstunden gegeben.

          Die Corona-Krise löst bei vielen ein Gefühl der Solidarität aus. Wäre es nicht jetzt an der Zeit, die Spielergewerkschaft zu stärken, etwas für die Schwächeren zu tun? Die Diskrepanzen zwischen Arm und Reich im Tennis sind ungeheuer.

          Es wäre zumindest an der Zeit, den Spielerrat zu beleben. Aber da habe ich wenig Hoffnung. Es gibt sehr viele Themen, die verbessert, die von den Spielern angegangen werden müssten. Aber es geschieht nicht. Es ist einfach so, dass kein Gesamtbewusstsein unter Tennisprofis existiert. Alle verstehen sich als Einzelkämpfer mit Einzelinteressen. Die Top 100 der Weltrangliste sind keine greifbare Einheit, sie fühlen sich nicht zusammengehörig, sehen gar nicht die gemeinsamen Interessen. Und die anderen Spieler sind für die Tour viel zu unwichtig, auf die hört ohnehin niemand. Dazu kommt, der derzeitige Vorsitzende des Spielerrates als Repräsentanz der Tennisprofis ist Novak Djokovic. Ich denke, 80 Prozent der Tennisprofis wüssten gar nicht, wie sie mit ihm in Kontakt treten könnten, ganz viele würden sich gar nicht trauen. Und dann ist mein Eindruck: Selbst wenn ich viel besser in der Weltrangliste stünde und deshalb auf mich gehört würde, dass ich bei gewerkschaftlichen Aktivitäten schnell die Lust verlieren würde. Es gibt schon viel Ignoranz und ausgeprägten Egoismus auf der Tour. Da käme schnell die Frage bei mir hoch: Für wen tue ich mir das eigentlich an?

          Dann gibt es keine Hoffnung auf Besserung?

          Aus meiner Sicht nur von außen. Die Tennisprofis müssten sich eine Expertengruppe leisten, die sie bezahlen, die ihre Belange und Interessen ermittelt und die sie gegenüber den Turnierveranstaltern und anderen Institutionen vertritt. Bei allem Respekt vor Djokovic, aber wenn er gegenüber dem ATP-Vorstand oder Veranstaltern für die Spielerinteressen einsteht, dann sitzt er Anwälten, Finanzexperten, Marketingfachleuten und Investoren gegenüber. Das ist kein Gespräch auf Augenhöhe, er kann seine Argumente lange nicht so gut mit Daten und Zahlen unterfüttern wie die Gegenseite.

          Weitere Themen

          Rhein-Derby vor leeren Rängen Video-Seite öffnen

          Düsseldorf gegen Köln : Rhein-Derby vor leeren Rängen

          Am Wochenende trifft Fortuna Düsseldorf auf den 1. FC Köln. Doch auch das Rhein-Derby muss in dieser Saison ohne die Fans stattfinden. Doch auch als Geisterspiel sei das Aufeinandertreffen der beiden Vereine etwas Besonderes, wie beide Trainer beteuerten.

          Topmeldungen

          Trotz Staatshilfen: Lufthansa fliegt au dem Dax

          Nach 32 Jahren : Lufthansa fliegt aus dem Dax

          Trotz Staatshilfen in Höhe von 9 Milliarden Euro muss die größte Fluggesellschaft in Deutschland ihren Platz im Dax räumen. An deren Stelle tritt eine Wohnungsgesellschaft.

          Corona-Politik in Moskau : Das Virus des Westens

          Russland in Siegesstimmung: Moskau verordnet sich neue Quarantäneregeln. Einige sind freilich so absurd, dass sie auf Youtube parodiert werden. Und Polizisten fühlen sich ohnehin nicht an sie gebunden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.