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Stürmer Scheffler im Interview : „Das kam im Fußball vor dem Videobeweis nicht vor“

  • -Aktualisiert am

14! Wehen-Stürmer Manuel Scheffler zählt mit. Bild: Imago

Immer wieder erhitzt der Videoassistent im Fußball die Gemüter. Torjäger Manuel Schäffler vom SV Wehen Wiesbaden spricht nun über eine besonders einprägsame Szene, Diebstahl und seine Graffiti-Kunst.

          3 Min.

          Wie viele Saisontore haben Sie als Zweitliga-Torjäger für sich im Kopf abgespeichert?

          14!

          Aber davon zählen nur zwölf. Denn zwei Treffer von Ihnen wurden nach Videobeweisen in Regensburg und Dresden aberkannt. Mit den Treffern lägen Sie vor dem an diesem Freitag anstehenden Spiel gegen Greuther Fürth (18.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur zweiten Bundesliga und bei Sky) auf Platz zwei der Torjägerliste hinter dem Bielefelder Fabian Klos (15 Tore).

          Ich bin bestimmt kein Träumer, der sich die Realität so zurechtlegt, wie er sie gerne hätte. Natürlich sind die zwölf Saisontore die relevante Zahl, weil sie so in der offiziellen Statistik steht. Und ich halte mich mit diesem Thema auch nicht lange auf. Ich bin ein Mensch, der immer nach vorne schaut. Das ändert jedoch nichts daran, dass ich mich zumindest in Gedanken bei 14 Toren sehe. Nach meiner Einschätzung war auch mein Treffer am vergangenen Wochenende zum 1:0 in Regensburg regulär. Das mit der kalibrierten Abseitslinie ist wirklich eine schwierige Sache.

          2. Bundesliga

          Hat denn Ihre Nasenspitze die Abseitsstellung verursacht? Oder waren es doch Ihre Haare?

          Das müssen Sie den Videoassistenten fragen. Ich habe mir die Bilder auch angeschaut. Der Verteidiger, der mit mir auf einer Höhe steht, hatte die gleiche Körperposition wie ich. Insofern kann die Entscheidung nur hauchdünn gewesen sein. Wenn sich jemand die Situation mit normalem Auge angeschaut hätte ohne die zweite Linie, die im Kölner Keller zu meinem Kopf hochgezogen wurde, hätte jeder gesagt, dass keine Abseitsstellung vorliegt. Mein Bein stand sogar noch ein Stück weiter zurück im Vergleich zum Verteidiger.

          Die Rede ist immer vom Diebstahl geistigen Eigentums. Empfinden Sie das in Ihrem Fall als Diebstahl fußballerischen Eigentums?

          Tore sind für mein Spiel wichtig, an ihnen werde ich in erster Linie gemessen. Aber viel wichtiger ist, dass wir als Mannschaft punkten. Wir wollen unbedingt in der zweiten Liga bleiben. In diesem Kontext tritt meine persönliche Statistik in den Hintergrund.

          Verspüren Sie heute noch die gleiche Begeisterung nach einem Treffer? Oder haben Sie sofort wie ein Damoklesschwert, das über Ihnen schwebt, im Hinterkopf: Mal schauen, ob das Tor überhaupt zählt?

          Es sind vor allem die Emotionen, die heute verlorengehen. Das pure Glücksgefühl bleibt mit dieser Kontrollinstanz auf der Strecke. Am schlimmsten wäre es, wenn dir in der Nachspielzeit der Siegtreffer oder der Ausgleichstreffer aberkannt werden würden. Und es Zweifel an der Entscheidung geben würde. Ich hatte mich schon gefreut, nach zwei vergebenen Chancen im Spiel gegen Bochum in Regensburg wieder getroffen zu haben. Ich habe nicht so viele Chancen, Tore zu erzielen. Deshalb muss ich gut darauf vorbereitet sein, jede kleine Chance auch zu nutzen – wie die in Regensburg.

          Steigt mit jedem aberkannten Tor die Unsicherheit?

          Das wird mich nie beeinflussen. Weil es eine Sache ist, die ich nicht beeinflussen kann. Die Entscheidungsgewalt liegt nun mal nicht bei mir. Und ich weiß ja um meine Stärken als Stürmer. Die kann mir der Videobeweis nicht nehmen.

          Entwickelt sich der Videoschiedsrichter zu einer Art Gegner?

          Nein, das nicht. Es wird ja versucht, den Schiedsrichtern auf eine gewisse Art zu helfen. Das Hauptproblem ist für mich tatsächlich die Emotionalität. Es nervt, gefühlt ein paar Minuten am Mittelkreis zu stehen und abzuwarten, bis nach der Kontrolle die Entscheidung wirklich steht. In Dresden war es für mich noch viel krasser. Die Flanke von Dynamo-Angreifer Alexander Jeremejeff war im Toraus gewesen. Der Linienrichter hatte das jedoch nicht gesehen, es wurde weitergespielt. Im Gegenzug gelang mir das 1:0, bevor dieser Treffer durch Videobeweis doch wieder aberkannt worden ist. Dafür hat mir jedes Verständnis gefehlt. Schließlich hat der Gegner auf eine bestimmte Art nachträglich etwas geschenkt bekommen. Doch gerade das kam im Fußball vorher nicht vor, schließlich gab es Tatsachenentscheidungen. Das hatte den Fußball ausgemacht. Heute hingegen wirst du für etwas bestraft, was auf dem Platz schon 30 Sekunden zurückgelegen hat.

          Sie haben sich in Ihrer Freizeit der Graffitikunst verschrieben. Welchen Ausgleich finden Sie in der Kunst?

          Ich kann ganz für mich sein. Ich entwickle dabei ein spezielles Gefühl. Ich kann Sachen gestalten, mit denen ich anderen eine Freude machen kann. Das ist wie im Fußball. Ich beschenke lieber jemanden, als selbst beschenkt zu werden.

          Ihrem Freund Julian Weigl, dem ehemaligen Dortmunder, heutigen Lissabonner Profi, haben Sie ein Bild geschenkt.

          Seine Frau hat ein Bild von mir bekommen. Ich dränge das aber niemandem auf. Wer Interesse an meiner Kunst hat und wem sie gefällt, dem überlasse ich gerne ein Bild von mir.

          Im Fußball werden Sie an Toren gemessen. Wie entwickeln Sie sich als Künstler weiter?

          Ich mache einfach. Ich gebe mich meiner Intuition hin. Auch im Fußball gibt es kein Schema F. Als Spieler stehe ich immer wieder vor neuen Situationen, in denen ich mich behaupten muss. Natürlich entwickelt man im Laufe der Zeit auch einen gewissen Instinkt. Und es gibt Automatismen. Sie sind im Fußball aber anders als in der Kunst. Hier kann ich totaler Freigeist sein. Ich muss an keinen neben mir denken. Es ist faszinierend, sich etwas Selbstgeschaffenes anzuschauen und dabei seinen Gedanken nachzuhängen.

          Werden Sie die Kunst nach Ihrer aktiven Karriere zu Ihrem Hauptberuf machen?

          Das weiß ich noch nicht. Ich würde gerne etwas mit Menschen machen und jungen Spielern mit meiner Erfahrung weiterhelfen. Ich weiß, wie ich früher war. Und ich war nicht angenehm in jungen Jahren. Ich hatte keinen in der Mannschaft, bei dem ich das Gefühl hatte, dass er es gut mit mir meint. Mein Eindruck war es vielmehr, dass mir viele eher Böses wollen. Ich wollte aber ich selbst bleiben und habe mich dann ihnen gegenüber negativ geäußert. Ich hätte damals eine Person gebraucht, die mir dabei hilft, als junger Spieler mit bestimmten Dingen besser umzugehen.

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