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Vereinssport nach Lockdown : „Das macht die Menschen kirre“

  • -Aktualisiert am

Wie und wann geht es zurück auf den Rasen? Bild: dpa

Der Vorsitzende des „Sportkreis Frankfurt“, Roland Frischkorn, kritisiert den Öffnungsplan für die Sportvereine und erklärt, warum widersprüchliche Regelungen die Akzeptanz schmälern.

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          Stoßen die Beschlüsse der Kanzlerin und Ministerpräsidenten zur Öffnung des Sports bei Ihnen auf Zustimmung?

          Es ist zumindest der Wille da, dass sich etwas bewegt. Aber das ist nicht das, was wir uns als Sportkreis vorstellen. Wir haben ja Vorschläge gemacht, wie ein Stufenplan aussehen kann. Ich verstehe, dass man ihn bundesweit vielleicht nicht durchsetzt. Ich würde mich aber freuen, wenn die Landesregierung sich ein wenig dazu durchringen würde, den Stufenplan des Landessportbundes und den von uns umzusetzen.

          Wie würden Sie vorgehen?

          Ich würde zum Beispiel zu zehnt Sport zulassen unter Einhaltung der Hygiene- und Abstandsregeln. Kontaktsport würde ich im ersten Schritt nicht zulassen. Wir müssen jetzt erst Erfahrungen gesammelt haben, wo wirklich die Infektionsherde sind. Was mich generell stört, ist, dass all die Maßnahmen von keinen Studien begleitet werden. Das wäre aber wichtig. Es gibt zwar eine Studie darüber, welche Gefahr vom Schwimmen ausgeht. Dann lese ich sie und stelle fest, oh, es gibt eine höhere Gefährdung als in anderen Bereichen. Doch diese Studie ist ausgerichtet auf die Vollauslastung einer Schwimmhalle. Es wird so getan, als wäre Corona vorbei. Das ist natürlich Schwachsinn. Das Ganze ergibt nur Sinn, wenn ich mich mit der heutigen Realität befasse. Es muss Studien geben, die Auskunft darüber geben, welche Gefahren jeweils von den einzelnen Sportarten ausgehen. Wir geben jetzt ganz viel Geld für Tests und so weiter aus. Aber was nutzen die Tests, wenn ich nicht versuche, herauszubekommen, wo die Infektionsherde liegen?

          Sollte die Inzidenz am 22. März, dem Datum des nächsten angestrebten Lockerungsschritts, zwischen 50 und 100 liegen, ist kontaktfreier Sport in der Halle und Kontaktsport draußen nur mit einem von geschultem Personal vorgenommenen Corona-Schnelltest möglich. Ist das praktikabel?

          Je mehr getestet wird, desto mehr positive Ergebnisse kommen wahrscheinlich, und damit steigt die Inzidenz. Das bringt uns nicht weiter, wenn dann wieder geschlossen werden müsste. Rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln – das macht die Menschen auch kirre.

          Kinder und Jugendliche wollen wieder Sport treiben.
          Kinder und Jugendliche wollen wieder Sport treiben. : Bild: dpa

          Wer soll die Schnelltests kontrollieren?

          Dies ist für mich die große Frage. Müssen das dann die Vereine zahlen, die sie anbieten? Müssen das die Kommunen auch für alle öffentlichen Plätze wie Sportparks machen? An diesem Beispiel wird so schön deutlich, dass die Kommunen gar kein Hygienekonzept für den öffentlichen Raum haben. Dieses wäre aber dringend notwendig. Die Vereine haben ein solches Hygienekonzept. Sie müssen aber darunter leiden, dass so getan wird, als wären sie die Orte, an denen die Infektionen entstehen. Außerdem kann ich das Ergebnis eines Schnelltests glauben oder nicht. Die Strategie wird zur Glaubensfrage. Wenn man sich eine Bescheinigung besorgen müsste, fängt es für mich an, verrückt zu werden. Gut gemeint, aber wieder schlecht gemacht. Ich habe grundsätzlich nichts gegen Tests. Aber es muss klar geregelt sein, wie, wann und unter welchen Bedingungen sie durchgeführt werden.

          In den Fitnessstudios ist nur ein Sportler pro 40 Quadratmeter erlaubt. Was halten Sie davon?

          Ich wäre als Einkäufer schon froh, wenn in den Lebensmittelgeschäften mit 20 Quadratmetern pro Person kalkuliert werden würde. Die Menschen bemerken diese Unstimmigkeiten. Deshalb sind sie müde, oder, wie Ministerpräsident Bouffier sagt, haben die Schnauze voll. Die Gefahr ist groß, dass viele Menschen denken: So langsam ist es uns egal, was die beschließen. Es kann sowieso keiner mehr verstehen.

          Was müssen Sportverbände nun tun?

          Wir müssen uns als Sportorganisation damit auseinandersetzen, ob wir völlig neue Konzepte erstellen müssen. Wenn wir uns alle zusammensetzen, können wir neue Möglichkeiten schaffen. Man wird generell im Trainingsbetrieb flexibler sein müssen. Das dürfte aber nicht schwerfallen, weil der Sport in den vergangenen Jahrzehnten gezeigt hat, dass er seine Trainingsmethoden immer wieder geändert und an Entwicklungen angepasst hat.

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