https://www.faz.net/aktuell/sport/mehr-sport/speerwerfer-weber-und-kaul-saulheimer-handball-werferschule-18288023.html

Speerwerfer Weber und Kaul : Saulheimer Handball-Werferschule

  • -Aktualisiert am

Niklas Kaul als Knirps am Ball Bild: Kaul

Die Mainzer Leichtathletik-Europameister Niklas Kaul und Julian Weber beherrschen das Speerwerfen - auch wegen ihrer sportlichen Vergangenheit mit Ball.

          3 Min.

          Als „Katastrophe“ bezeichnet Niklas Kaul lachend seinen ungebrochenen Spieltrieb, der stets aus ihm herausbricht, wenn er einen Ball sieht: Er müsse ihn zwingend in die Hand nehmen, prellen, werfen, damit herumspielen. „Du kannst mich zwei Stunden alleine mit einem Ball in einer Halle einsperren“, sagt der Zehnkampf-Europameister: „Mir wird nicht langweilig“.

          Achim Dreis
          Sportredakteur.

          Nun ist die Leichtathletik zwar eine äußerst vielseitige Sportart und der Zehnkampf die abwechslungsreichste Beschäftigungsform – Bälle gehören aber definitiv nicht zum Kanon der Disziplinen. Kauls ballsportliche Prägung resultiert noch aus seiner Jugend, als er parallel zur Leichtathletik auch Handball spielte. Rückraum links, die Königsposition für Rechtshänder mit einem starken Armzug – oder Rückraum Mitte, als Spielmacher, je nachdem.

          Bei seinem Heimatverein, der SG Saulheim nahe Mainz, spielte Kaul, bis er 15 war, ehe der heute 24-Jährige sich für eine Sportart entscheiden musste – und die Leichtathletik beim USC Mainz die Oberhand behielt. Eine gute Wahl, wie spätestens nach seinen Zehnkampf-Siegen bei Welt- und Europameisterschaften feststeht. Bei beiden Titeln legte er den Grundstock zu Gold mit einem überragenden Speerwurf – 79,05 Meter 2019 in Doha, 76,05 Meter vor wenigen Wochen in München. Diese für einen Mehrkämpfer erstaunlichen Einzelleistungen qualifizierten ihn wiederum dazu, an diesem Sonntag beim Istaf in Berlin im Wettbewerb der Speer-Spezialisten mitmischen zu dürfen.

          Kein Mehrkämpfer wirft den Speer wie er: Niklas Kaul hält die Bestleistung innerhalb eines Zehnkampfs
          Kein Mehrkämpfer wirft den Speer wie er: Niklas Kaul hält die Bestleistung innerhalb eines Zehnkampfs : Bild: AP

          „Niklas kann dort über 80 Meter werfen“, prognostiziert der aktuelle Champion des Werferfachs, der als Favorit in dem Einladungswettbewerb gilt – und der in seiner Jugend einen ähnlichen Weg gegangen ist wie Kaul. Julian Weber, Europameister im Speerwerfen, trägt als Leichtathlet wie Kaul das Trikot des USC Mainz – und spielte in seiner Jugend ebenfalls Handball bei der SG Saulheim in Rheinhessen. Rückraum links, nur zwei Altersklassen höher.

          Die Duplizität des Werdegangs legt den Verdacht nahe, dass die alte Saulheimer Werferschule Auswirkungen in die Jetztzeit zeigt. „Es sind Bewegungsmuster, die man drauf hat“, sagt der 28 Jahre alte Weber zur Verwandtschaft des Werfens mit Handball oder Speer. „Von den 10.000 Würfen habe ich schon profitiert“, schätzt er, obwohl beim Rückraumwurf aufs Tor die Ausholbewegung fraglos viel kürzer ist als beim Speerwurf ins Stadion – und der zeitliche Rahmen entsprechend enger.

          Europameister mit dem Speer: Auch Julian Weber war ein großes Handball-Talent
          Europameister mit dem Speer: Auch Julian Weber war ein großes Handball-Talent : Bild: dpa

          „Wenn ich da ewig aushole, ist der Ball weg“, sagt Kaul über die geforderte Handlungsschnelligkeit im Handball. Der Zehnkämpfer glaubt, dass sein generelles Wurfgefühl durch die jugendliche Erfahrung im Teamsport mit dem „variablen Werfen“ extrem gut ausgeprägt ist: „Ich habe 100.000 Würfe Vorsprung“, sagt er – dabei nur leicht übertreibend.

          Während bei Familie Kaul die Leichtathletik in den Genen liegt – beide Eltern von Niklas waren erfolgreiche 400-Meter-Hürdenläufer –, so ist es bei den Webers der Handballsport: Julians älterer Bruder stieg mit den Eulen Ludwigshafen sogar in die Bundesliga auf, seine Schwester spielte zweite Liga. Und er selbst galt sogar als der „mit dem größten Potenzial“, zumindest nach Aussage seines Vater, was er mit den Worten kommentiert: „Ich was schon echt ganz gut.“ Zumindest verfügte der junge Weber über den „härtesten Wurf der Liga“. Bei einer Challenge in der Männer-Oberliga, in die er aus der Jugend heraus noch reinschnupperte, beschleunigte er den rund 450 Gramm schweren Handball aus dem Stand auf 122 Kilometer pro Stunde.

          Julian Weber am Höhepunkt seiner Speerwerfer-Karriere in München
          Julian Weber am Höhepunkt seiner Speerwerfer-Karriere in München : Bild: Imago

          Auch davon profitiert er noch heute: Bei einer Datenanalyse mit dem 800 Gramm schweren Speer in diesem Frühjahr wurde seine Abwurfgeschwindigkeit mit 30 Metern pro Sekunde gemessen, umgerechnet 108 Kilometer pro Stunde. Und so wie Kaul keinen Ball unberührt lassen kann, „muss“ Weber stets Stöckchen werfen. Er habe sich auch schon mal im Wald „einen Speer geschnitzt“, erzählt er schmunzelnd, den er dann munter bei Spaziergängen vor sich her geschmissen hat.

          Vor dem Wettbewerb in Webers Wahlheimat Berlin rangiert er auf Platz sechs der Weltbestenliste. 89,54 Meter sind für ihn notiert, und den fehlenden knappen halben Meter zur „Traumgrenze“ hat er noch auf seiner Wunschliste. Wenn nicht in Berlin, dann beim Finale der Diamond League in Zürich am kommenden Donnerstag. „Generell habe ich Lust auf die letzten zwei Wettbewerbe“, sagt der Europameister: „Die Luft ist noch nicht raus“.

          Niklas Kaul wiederum geht als unbelasteter Außenseiter in den Wettbewerb der Spezialwerfer und ist selbst gespannt, ob ihm das Speerwerfen ohne die sonst übliche Belastung des Zehnkampfs noch besser gelingt – oder ob ihm was fehlt? Julian Weber liebäugelt im Übrigen immer wieder damit, noch mal mit dem Handballspielen anzufangen. Denn was ihn dort besonders reizte, kann er beim Speerwerfen nicht erleben: den unmittelbaren Körperkontakt mit dem Gegner, beim Versuch sich durchzusetzen.

          Weitere Themen

          Heute schon an morgen denken

          Zukunft des THW Kiel : Heute schon an morgen denken

          Schwachstellen beseitigt, Stammspieler genesen, neue Stars in Sicht: Beim THW Kiel wächst vor dem Rückspiel im europäischen Handball-„Clásico“ die Zuversicht. Der deutsche Riese plant frühzeitig die Zukunft.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.