https://www.faz.net/-gtl-adwur

Speerwerfer Julian Weber : Die Suche nach dem optimalen Wurf

  • -Aktualisiert am

Generalprobe: Julian Weber beim Diamond-League-Meeting in Gateshead Bild: Reuters

In Rio hat Speerwerfer Julian Weber den Einzug ins Finale knapp verpasst. In Tokio will es der 26-Jährige endlich schaffen – und er hat Grund zur Zuversicht.

          3 Min.

          Es sieht so aus, als müsste Julian Weber vor dem Abflug nach Tokio noch ein Sportschuhgeschäft aufsuchen. Denn seine beiden Paare Spikes stecken in dem Koffer, der auf dem Rückflug von Newcastle nach Berlin in Paris vergessen wurde. „Wegen des Zwischenstopps mit kurzer Umsteigezeit hatte ich von vorneherein kein gutes Gefühl“, sagt der Speerwerfer des USC Mainz – deshalb trug er auf dem Hinflug, der ihn über Amsterdam führte, alles im Handgepäck, was er für die Teilnahme am Diamond-League-Meeting in Gateshead benötigte. Inzwischen soll das gute Stück zwar am Zielflughafen eingetroffen sein, „aber weder erreiche ich jemanden telefonisch, noch bekomme ich Antwort auf meine E-Mails, um zu erfahren, wann und wo ich an den Koffer komme“.

          Deutlich besser war seine Laune nach der Generalprobe für die Olympischen Spiele. Nicht per se wegen der Weite; 81,07 Meter sind ein großes Stück von dem entfernt, was Weber werfen kann und was er in Tokio werfen will und muss, um die Qualifikation zu überstehen. Doch der Vergleich mit der Konkurrenz zeigte, dass diese Leistung besser war, als sie schien. Denn Johannes Vetter, der unumstrittene Dominator der bisherigen Saison, dessen Speere in den vorangegangenen Wettkämpfen stets und oft deutlich jenseits der 90-Meter-Marke gelandet waren, gewann mit 85,25 Metern. Und Keshorn Walcott aus Trinidad und Tobago, der Olympiasieger von 2012 und Bronzemedaillengewinner von 2016, kam auf 82,81 Meter.

          F.A.Z. Newsletter Sport

          Mo. – Fr. um 16.00 Uhr; Sa. – So. um 18.00 Uhr

          ANMELDEN

          „Das waren durch die Bank bescheidene Ergebnisse“, sagt Weber, „abgesehen vom Wetter waren die Bedingungen nicht gut.“ Eine Einschätzung, die leicht untertrieben wirkt, wenn man Vetters Kommentar zum Zustand der weichen Anlaufbahn danebenstellt: „Da kann man sich die Beine brechen. Ich war das erste und letzte Mal hier“, schimpfte der deutsche Rekordhalter. Hinzu kam, dass die Athleten sich nicht einwerfen konnten. „Und die Bahn war schräg, das hat zumindest mich stark irritiert“, sagt Julian Weber. „Bei mir ging kein einziger Wurf schön und gerade raus, ich habe den Speer jedes Mal zur Seite weggeworfen.“

          Regeländerung verärgert Athleten

          Dass der Mainzer, der inzwischen in Potsdam zusammen mit dem dritten Olympiafahrer, Bernhard Seifert, unter Burkard Looks trainiert, trotz der drittbesten Weite den zweiten Platz belegte, lag am zu dieser Saison bei internationalen Meetings geänderten Reglement in den Wurf- und Stoßdisziplinen sowie im Weitsprung. Danach werden nicht mehr die besten Weiten gewertet, sondern die nach fünf Durchgängen Führenden treten als Einzige zum sechsten Versuch an – und allein der entscheidet über die Plätze eins bis drei.

          „Ich bin damit nicht glücklich“, sagt Weber, „und ich kenne keinen Athleten, der diese Änderung gut findet. Für die Zuschauer mag das ja ganz nett sein, für uns Sportler ist das ein großer Quatsch. Nur mal angenommen, Johannes Vetter wirft fünfmal über 90 Meter und liegt mit jedem einzelnen Wurf vor der Konkurrenz, hat sich aber verletzt, kann im sechsten Versuch nicht mehr richtig durchziehen und wird Dritter – das spiegelt doch nicht den Wettkampf wider.“

          Kommt in Tokio der perfekte Wurf?

          In Tokio wird Julian Weber seine zweiten Olympischen Spiele erleben. Vor fünf Jahren in Rio glänzte er in der Qualifikation, verpasste am Finaltag aber knapp den Einzug in den Endkampf und wurde Neunter. Diesmal soll es mehr werden. Zwar war es ihm im Laufe der vergangenen Wochen noch nicht gelungen, die offizielle Norm des Deutschen Leichtathletik-Verbands von 85 Metern zu erfüllen. Nach seinem sechsten Platz bei den Weltmeisterschaften in Doha hatte der 26-Jährige eine 19-monatige Wettkampfpause eingelegt, die er für eine Fußoperation und einen langen, stressfreien Wiederaufbau nutzte.

          Insofern stellten 83,04 Meter bei den Halleschen Werfertagen Mitte Mai ein gelungenes Comeback dar, Ende Juni steigerte er sich in Luzern auf 84,95 Meter. Und zwischendrin wurde er in Braunschweig erstmals Deutscher Meister. Was jetzt noch fehlt, ist ein optimaler Wurf. „Den hebe ich mir für Tokio auf“, sagt Weber. Wenn er dort in die Nähe seiner persönlichen Bestleistung von 88,29 Metern käme, spräche er vermutlich ein gewichtiges Wort bei der Verteilung der Medaillen mit. Über die Kraft und die Technik für eine solche Weite verfügt er, in seinen Anlauf will er in den verbleibenden Wochen bis zur Qualifikation am 4. August (das Finale findet drei Tage später statt) noch etwas mehr Routine hineinbringen. An den Spikes soll es jedenfalls nicht scheitern.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Griechenland, Türkei, Italien : Mittelmeerländer kämpfen gegen Waldbrände

          Tausende Einsatzkräfte, evakuierte Dörfer und mindestens sechs Tote: Nach einer Hitzewelle sind die Großbrände rund ums Mittelmeer noch nicht alle unter Kontrolle. Auf Sizilien ist die Lage besonders ernst. Russland schickt der Türkei dringend benötigte Löschflugzeuge.
          Auf dem Weg zurück nach Deutschland: Simon Geschke hat die Quarantäne-Zeit überstanden.

          Quarantäne bei Olympia : Athleten als Handelsreisende

          Der Ärger um die Quarantänebedingungen für infizierte Sportler bei den Olympischen Spielen in Tokio legt kulturelle Unterschiede zwischen West und Ost offen. Radsportler Geschke ist endlich auf dem Heimweg.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.