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Sportverbände und Corona : Ab in die Halle?

Die Corona-Infektionen nehmen zu: Wie gut ist der Hallensport gerüstet? Bild: Diana Cabrera Rojas

Vor dem Start der Hallensaison plagen sich die hessischen Sportverbände mit denselben Problemen. Doch in der Pandemie geht jeder seinen eigenen Weg.

          5 Min.

          Der Herbst ist da – ab in die Halle? So einfach ist es dieser Tage nicht. Unter Verbänden, Vereinen und Sportlern gibt es aber einen Konsens: Es ist wichtig, dass Hallensport wieder betrieben werden kann. Trotz des Virus und steigender Fallzahlen, die alles schnell wieder lahmlegen könnten. Ein halbes Jahr hatten die Verantwortlichen Zeit, sich auf die Rückkehr vorzubereiten. Viele der großen Sportarten gehen nun mit ganz unterschiedlichen Vorstellungen, Konzepten und Modi in die neue Saison.

          David Lindenfeld
          Volontär.

          Der Hessische Basketball-Verband hat sich zum Beispiel für eine Spielzeit ohne Auf- und Absteiger entschieden, die schon vor Wochen begonnen hat. Vereine können wählen, ob sie antreten wollen oder nicht und ihre Teams jederzeit zurückziehen, „ohne dabei Sanktionen fürchten zu müssen“, wie es von Verbandsseite hieß: „Wir betrachten diese Lösung bei einer Bewertung aller Vor- und Nachteile als die fairste.“ Eine mutige Entscheidung für eine Saison ohne richtigen Wettkampfcharakter, die längst nicht jeder nachvollziehen kann. „Von den Vereinen wurde das komplett unterschiedlich aufgenommen. Auch bei uns wird das kontrovers diskutiert“, sagt Sven Witt, hauptamtlicher Trainer und Hygienebeauftragter der TG Hanau White Wings. Er persönlich empfindet es als richtig, dass der Verband sich und den Vereinen so den Druck genommen habe, eine Saison in dieser „schwierigen und unsicheren Zeit durchziehen zu müssen“.

          Winter-Freiluftsaison im Hockey?

          Witt sieht aber auch ein Risiko für die bisher noch wenigen Teams, die nicht spielen. „Ich befürchte, dass es Vereine, die in dieser Saison keine Mannschaft stellen, schwer haben dürften, im kommenden Jahr ein Team auf den Platz zu bringen.“ Gerade bei Kindern und Jugendlichen bestehe die Gefahr, dass diese aufhören oder sich anderen Sportarten widmen. Im Jugendbereich wird ebenfalls ohne Auf- und Abstieg gespielt. Inwieweit dort regionale Meisterschaften ausgetragen werden, ist aktuell noch offen. Allerdings haben die Jugend- und die Nachwuchs-Basketball-Bundesliga mit Teams von Eintracht Frankfurt und Weiterstadt am Wochenende begonnen, inklusive Auf- und Abstiegsregeln. Zuschauer sind seit dem 3. Oktober vom Verband wieder zugelassen, sofern die Vereine über ein eigens ausgearbeitetes und von den Behörden genehmigtes Hygienekonzept verfügen. Das befindet sich nicht nur in Hanau immer wieder auf dem Prüfstand. „Alle Vereine sind noch am Ausprobieren und Testen“, sagt Witt.

          Hockey könnte in Hessen einen ähnlichen Weg einschlagen und auf Spiele mit freiwilliger Beteiligung zurückgreifen, falls eine Saison unter normalen Umständen nicht stattfinden kann. Noch ist aber keine Entscheidung gefallen, wie mit der Runde, die Mitte November beginnen soll, verfahren wird. „Alle Pläne stehen und sollen umgesetzt werden, wenn die Voraussetzungen dafür gegeben sind, dass der Spielbetrieb während der Corona-Pandemie aufrechterhalten werden kann“, sagt Uwe Benecke, der Vorstandsvorsitzende des Hessischen Hockey-Verbands, der für die Saisonplanungen der Spielklassen ab der Oberliga abwärts verantwortlich ist.

          Ob also mit Auf- und Abstieg oder letztlich überhaupt gespielt werden kann, hängt von vielen Faktoren ab: Gibt es eine Saison in den Bundes- und Regionalligen, deren Feldsaisons noch bis Ende Oktober laufen und sich – je nach Infektionsgeschehen – ausdehnen könnten? Welche Vereine erhalten die Freigabe für die Halle von den Behörden? Und welche Klubs wollen überhaupt spielen? Der Westdeutsche Hockey-Verband hat die Saison für die Jugend abgesagt. Ähnliches droht auch in Hessen, falls mehrere Teams nicht teilnehmen können oder wollen. Die Anzahl der Mannschaften in den Ligen ist gering, so dass eine Runde Benecke zufolge wenig Sinn ergebe, falls mehrere Teams wegfallen. Denkbar seien aber Testspiele, eine Winter-Freiluftsaison oder Turnierformate wie ein Hessenpokal. Das hessische Hockey ist flexibel und hat einen Vorteil gegenüber anderen Verbänden: Bis zum November ist noch etwas Zeit.

          Arbeit an Konzepten

          Im Volleyball läuft die Saison seit Mitte September und wird wie üblich mit Auf- und Absteigern gespielt. „Diese Regelung finde ich in Ordnung. Sonst hätte man ja eine Saison, in der es überhaupt keinen Anreiz gibt“, sagt Rainer Trappmann, der Abteilungsleiter der TG Bad Soden. Neben der Damenmannschaft in der zweiten Bundesliga hat der Klub zahlreiche Teams, die auf Regional-, Landes- und Bezirksebene aufschlagen. Zuschauer sind überall erlaubt, wenn die Vereine ein genehmigtes Hygienekonzept vorweisen können, die Regeln aber sind unterschiedlich: In der zweiten Bundesliga muss das Publikum ständig eine Maske tragen, in den hessischen Ligen nicht. Auch die Jugend darf wieder spielen und stellt die ausrichtenden Vereine aufgrund der Spieltage, die mit mehreren Teams in einer Halle ausgetragen werden, vor Herausforderungen. „Wir arbeiten aktuell noch an einem Konzept dafür“, sagt Trappmann mit Blick auf den ersten Jugendliga-Spieltag, den der Klub ausrichten wird. Die Hessischen und die Südwestdeutschen Meisterschaften im Jugendbereich sind ebenfalls in Planung.

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          Der Handball geht einen ähnlichen Weg und startet in eine Saison im gewohnten Modus, an deren Ende es Auf- und Absteiger geben soll – eine Entscheidung, die nicht jeder nachvollziehen kann. „Wir freuen uns, dass es wieder losgeht. Ich finde es aber riskant, ins Blaue hinein mit der Runde zu beginnen und zu hoffen, dass nichts passiert“, sagt Dieter Müller, Leiter der Handball-Abteilung der Offenbacher Kickers. Auch der stellvertretende Vorsitzende der TSG Offenbach-Bürgel, Rainer Lehmann, hätte sich eine andere Lösung mit einem veränderten Modus – beispielsweise einer zweigeteilten Liga – gewünscht und kritisiert, dass es darüber keinen Austausch zwischen Verband und Klubs gab.

          „Der Hessische Handball-Verband hat sich für ein Modell nach dem Motto ,Mehr Handball trotz Corona‘ entschieden. Ich finde es positiv, dass man versucht, Handball in irgendeiner Form wieder spielbar zu machen. Den Modus mit der hohen Anzahl der Spiele und dem Druck, der so entsteht, sehen wir als Verein aber kritisch“, sagt Lehmann mit Blick darauf, dass es nach dem Saisonabbruch und dem daraus resultierenden ausgesetzten Abstieg mehr Teams in den Ligen gibt. Der Hessische Handball-Verband wollte mit seiner Entscheidung versuchen, den Vereinen so viele Spielmöglichkeiten wie möglich zu bieten, solange die Pandemie das zulässt. Und hat bereits eine Lösung formuliert, falls die Saison wieder abgebrochen werden sollte: Sobald mindestens die Hinrunde ausgetragen wurde, wird die Saison mit der Quotientenregelung gewertet. Wenn weniger Partien absolviert wurden, wird die Runde annulliert.

          Kein Doppel im Tischtennis

          Der Beginn wurde um zwei Wochen auf den 16. Oktober verschoben, um den Klubs mehr Zeit zu geben, sich vorzubereiten. Die müssen nun Hygienekonzepte erstellen. Denn auch der Amateurhandball lebt von Zuschauereinnahmen. Zu den Oberliga-Heimspielen der TSG Offenbach-Bürgel kommen im Schnitt rund 500 Zuschauer. Während der Pandemie werden es laut Verband maximal 250 sein dürfen, sofern das Gesundheitsamt dies erlaubt. Neben den Zweifeln, ob sich die Spielzeit mit dem straffen Programm umsetzen lässt, machen sich die Vereine auch Sorgen über eine mögliche Wettbewerbsverzerrung und Konsequenzen für den Handball, wenn Spieler oder sogar gesamte Mannschaften wegen eines positiven Corona-Falls in Quarantäne müssen und im Anschluss aus beruflichen Gründen mit dem Sport pausieren oder aufhören. „Da kommt noch einiges auf uns zu“, sagt Lehmann.

          Eine Änderung im Regelwerk gab es im Tischtennis, wo es ebenfalls um Auf- und Abstieg geht: Dort wird seit der Wiederaufnahme des Spielbetriebs, der in manchen Ligen schon im August gestartet wurde, auf die Austragung der Doppel verzichtet. „Diese Regel ist meiner Meinung nach nicht sinnvoll“, sagt der Abteilungsleiter der TG Obertshausen, Gregor Surnin, der für die erste Mannschaft in der Regionalliga spielt. Die Partien führen sein Team regelmäßig nach Köln, Neuss oder Dortmund. Dann sitzt ein Teil der Mannschaft im selben Auto – gemeinsam an der Platte stehen ist aber tabu.

          Die Pandemie zwingt die Verbände und Vereine, kreativ zu sein, um einen (eigenen) Weg zu finden. Die Entwicklung der Corona-Zahlen könnte zwar manch kluges Konzept in Frage stellen. Eines aber ist unverkennbar: Wer sich nicht bewegt, wird keine Lösung finden für ein Leben des Sports mit dem Virus.

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