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Leichtathletin Carolin Schäfer : Gratwanderung auf dem Weg nach Tokio

  • -Aktualisiert am

Test erfolgreich absolviert: Carolin Schäfer reist zuversichtlich nach Tokio Bild: dpa

Den ersten großen Kampf des Jahres gewinnt Siebenkämpferin Carolin Schäfer: Sie mobilisiert ihren Körper, der nach der Corona-Impfung lahmgelegt war. Nun strebt sie olympisches Edelmetall an.

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          Die Bilder aus dem Frühling wiederholten sich nicht. Carolin Schäfer wirkte locker und gelöst, als sie nach ihrem Auftritt beim Sommer-Cup von Eintracht Frankfurt ihre Sporttasche packte. Erfreuliche 13,55 Sekunden im Hürdensprint, 1,73 Meter im Hochsprung und 13,64 Meter im Kugelstoßen hatte die Siebenkämpferin auf der Anlage an der Niederräder Hahnstraße verbucht. Dabei hatte es die Europameisterschaftsdritte spannender gemacht als gedacht. In der Wurfdisziplin hatte sie das vier Kilogramm schwere Metall erst zweimal seitlich über die festgelegte Zone hinauskatapultiert, bevor der 29-Jährigen am Samstag ein gültiger Versuch gelang. Das änderte nichts daran, dass Schäfer den Olympiatest vor den an diesem Freitag beginnenden Spielen in Tokio bestand.

          „Ich bin wirklich erleichtert“, sagte die Sportlerin. Obwohl im Training die Werte stimmten, hatte „große Unsicherheit“ ihren Start begleitet. Es drängte die Athletin danach, nicht nur sich selbst zu bestätigen, dass sie rechtzeitig vor ihrem Wettkampf in der japanischen Hauptstadt am 4. und 5. August die nötige Form besitzt, um an ihrem Ziel festzuhalten: Nach Weltmeisterschaftssilber 2017 und EM-Bronze 2018 will die Fünfte von Rio 2016 auch olympisches Edelmetall in ihre Sammlung aufnehmen.

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          In den vergangenen Monaten hatten Zweifel daran bestanden. Als die Eintracht-Leichtathletin Anfang Mai schon einmal zu einem Heimwettkampf angetreten war, brach sie diesen nach zwei Disziplinen schwer enttäuscht ab. Eine knappe Woche zuvor hatte sie ihre zweite Impfung gegen den Covid-19-Erreger bekommen. Fühlte sich die erste für die zweimalige deutsche Meisterin an, als habe man ihr „Gold in die Venen“ gespritzt, weil sie damit vermeintliche Sicherheit auf ihrem Weg zum Saisonhöhepunkt verband, bekam sie diesmal heftige Nachwirkungen zu spüren.

          Nach den Kopf- und Gliederschmerzen stellte die Wahlfrankfurterin nach ein paar Tagen fest, dass sie die Treppen zu ihrer Wohnung im dritten Stock nicht mehr problemlos hochkam und sie auch andere Alltagsroutinen sehr anstrengten. Ein Belastungstest auf dem Laufband ergab hohe Blutdruckwerte. Darüber hinaus war ihr Nervensystem „lahmgelegt“; sie konnte ihre Muskulatur nicht mehr so ansteuern, wie es für ihr Übungsprogramm notwendig ist. Schäfer und ihr Betreuerteam passten, von Medizinern begleitet, die Belastungen genau an ihre jeweilige Tagesform an.

          Sie stellten fest, dass es möglich war, dem Körper Dinge wie einen kraftvollen Kugelstoß aus dem Stand, die auf Anhieb nicht funktionierten, abzuverlangen, wenn man die beteiligten Nerven und Muskeln vorher triggert. Das heißt, mit Übungen, in dem Fall Medizinball-Würfen, aktiviert. Eine Gratwanderung begann, die Schäfer im Nachhinein als „eine der größten Herausforderungen in meiner Karriere“ bezeichnet. Sie wollte ihren Tokio-Traum nicht abhaken, aber ihre Gesundheit auch nicht längerfristig schädigen. Dass die Zeit reichen würde, davon musste sich die Trainingspartnerin von Zehnkampf-Weltmeister Niklas Kaul von ihrem Umfeld am Standort in Mainz immer wieder überzeugen lassen. Mit dem Deutschen Leichtathletik-Verband hielt sie Kontakt, um zu erfahren, ob man sie trotz des Verzichts auf den geforderten Leistungsnachweis bei den Mehrkampf-Meetings in Götzis oder Ratingen zur Olympianominierung vorschlagen würde.

          Die Darbietung am Wochenende sah die Lokalmatadorin als Beleg dafür an, dass man sie zu Recht nach Asien reisen lässt. „Es sind nur noch drei Wochen, aber es sind auch noch drei Wochen“, sagt Schäfer dazu. „Und es ist alles wieder da.“ Die Konzentration auf die eigene komplizierte Lage hat die Polizeikommissarin von der Diskussion um das umstrittene Großereignis abgelenkt. „Es hat mich ruhiger werden lassen“, sagt sie. „Ich bin einfach nur froh, dass die Spiele überhaupt stattfinden“ und sie die Chance bekomme, sich den Lohn für die vergangenen fünf Jahre abzuholen. „Eine Medaille“, sagt Schäfer, „die passiert.“ Aber ihren ersten großen Kampf in diesem Jahr, „den habe ich schon gewonnen“.

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